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Die englische Songwriterin Katherine Priddy begann ihre künstlerische Laufbahn anfänglich mit einem Literaturstudium an der Universität von Sussex, mit dem sie zunächst ihre Fähigkeiten als Texterin in Form brachte, bevor sie sich dazu entschloss, sich im Folgenden dann als Musikerin zu betätigen und dafür dann das Folk-Setting wählte. Die Sache kam auch recht flott in Gang, als sie 2018 eine erste EP namens „Wolf“ veröffentlichte, der 2021 das Debütalbum „The Eternal Rocks Beneath“ folgte, das dann auch sogleich an die Spitze der UK-Folk-Charts wanderte. Außer als Solo-Künstlerin arbeitet Katherine Priddy auch mit anderen Künstlern zusammen – etwa mit ihrem Gitarristen George Boomsma, dem Poeten Simon Armitage oder dem Songwriter-Kollegen John Smith und arbeitete an verschiedenen Cover-Projekten mit. Bereits mit ihrem zweiten Album „The Pendulum Swing“ wandte sie sich von der reinen Folk-Lehre ab und ließ Chamber- und Dreampop-Momente in die Produktion einfließen. Diesen Ansatz verfolgte sie nun auch auf dem dritten, von Indie-Spezialist Rob Ellis produzierten Album „These Frightening Machines“ weiter, auf dem nun auch Indie-Rock- und Psychedelia-Elemente eine zunehmend prägnantere Rolle spielen.
Das neue Album „These Frightening Machines“ klingt ja ganz anders als das Debüt-Album und auch das zweite Werk „The Pendulum Swing“. Was ist denn der Grund dafür? „Das war jetzt gar nicht mal eine wirklich bewusste Entscheidung, dass das dritte Album anders klingen sollte“, führt Katherine aus, „das zweite Album ist ja immer ein bisschen schwierig, weil man ja unter anderem auch das erste Album irgendwie verstärken muss. Mit dem dritten Album kann man dann einen Neuanfang wagen. Ich habe die Songs auf dieselbe Art geschrieben wie für die ersten beiden Alben – aber ich habe mit einem anderen Produzenten gearbeitet – in dem Fall mit Rob Ellis, den man vor allen Dingen wegen seiner engen Zusammenarbeit mit PJ Harvey kennt. Das ganze Album entstand während einer dreiwöchigen Studio-Residenz in einem relativ kleinen Zeitfenster – was auch den Sound beeinflusst haben mag. Für mich stellte sich das ganze Album als Übung in Sachen Vertrauen dar. Ein Vertrauen in den Produzenten und Ben Christophers, der uns bei der Produktion unterstützte, und auf deren Vorschläge ich mich einließ. Es ging mir darum, ‚Ja‘ zu diesen Vorschlägen zu sagen und jeden einzelnen Song als individuelles Ding zu betrachten und ihm Freiheit zu geben. Ich wollte Spaß haben und den Songs die Sounds vermitteln, die sie benötigten – und nicht etwa die Sounds, von denen ich dachte, dass die Leute sie hören wollten. Spaß zu haben war eine wichtige Sache bei diesem Projekt.“
Sucht Katherine als Songwriterin eigentlich jemals nach einem Grund oder nach einem ‚Warum‘, wenn sie Songs schreibt – oder lässt sie sich vom Flow der Inspiration oder der Musik selbst mitreißen? „Also, wenn es um den Schreibprozess geht, gibt es da für gewöhnlich schon einen Grund – denn ich will ja bestimmte Dinge zum Ausdruck bringen. Ich bin dann auch sehr präzise mit meinen Texten und kann mich auch daran aufhängen, wenn sich ein einziges Wort falsch anführt. Jedes Wort muss klar in der Bedeutung sein. Wenn es aber an die Aufnahmen geht, dann ist das ganz anders und dann erlaube ich mir auch viele Freiheiten. Es geht dann darum, ein Gefühl zu beschwören und weniger eine Bedeutung – und dann geht es darum, dem Song die Freiheiten zu gewähren, die er braucht.“
Heißt das, dass für Katherine ihre Texte der Anker sind, um den sie ihre Songs aufbaut? „Ja, das schon“, bestätigt sie, „ich brauche unheimlich viel Zeit, mich mit meinen Texten zu beschäftigen. Wenn ich selbst Musik höre, dann kann es passieren, dass ich vielleicht die Musik gar nicht mag, aber wenn mir die Texte gefallen, kann ich mir einen Song immer und immer wieder anhören. Ich habe ja schließlich ein Literaturstudium absolviert und damit aufgewachsen, viele Bücher und Gedichte zu lesen. Bis heute kommen meine Inspirationen oft aus Büchern – außer aus dem täglichen Leben. Ich habe immer darauf geachtet, meine Texte so zu betrachten, dass sie auch ohne Musik als Gedicht für sich stehen könnten. Die Texte sind mir also wirklich sehr wichtig. Ich versuche, meine Texte mit der Musik in gewisser Weise zu erden.“
Anders als viele ihrer Kolleginnen sucht Katherine die Erfüllung in der Kollaboration mit anderen Musikern. Auf dem aktuellen Album gastieren beispielsweise ihre beiden Kollegen Torres und Richard Walters als Duett-Partner. Was ist denn die Motivation für diese Einstellung? „Nun ja – ich schreibe die Songs schon für mich selbst“, schränkt Katherine ein, „auch für diese Scheibe. Ich habe nur einen Song zusammen mit George Boomsma geschrieben. Aber mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten ist so wichtig, denn es holt dich aus deiner Komfortzone und vermittelt dir frische Ideen – denn jeder Musiker hat ja einen anderen Ansatz. Man limitiert sich ja auch irgendwie, wenn man immer nur mit sich selbst arbeitet. Auch ich liebe es, meine Songs zunächst mal alleine zu schreiben – aber wenn es dann an die Aufnahmen geht, dann ist die Zusammenarbeit mit anderen ungemein wohltuend, denn das vermittelt mir eine neue Perspektive. Mal abgesehen von der kreativen Seite bietet das auch immer die Gelegenheit, eine nette Gemeinschaft aufzubauen, die die Musikszene kleiner und näher macht.“
Das Thema des Albums ist ja eine allgemeine Reflexion über die Weiblichkeit als solche – die Katherine aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet. „Ja, das stimmt“, pflichtet sie bei, „aber wenn ich ein Album schreibe, dann tue ich das niemals mit einem Thema im Hinterkopf. Das steht dann am Ende für mich. Ich habe auch Schwierigkeiten damit, das Album zu benennen. Das finde ich sehr schwer. Ich warte also bis zum Ende und schaue dann, was die Songs verbindet. Wenn man Songs in einem kleinen Zeitfenster schreibt, dann kommt dabei auf natürliche Weise ein Thema zustande, weil du ja über die Dinge schreibst, die dich in dieser Zeit beschäftigen. In den letzten beiden Jahren habe ich die Grenze zwischen meinen 20ern und 30ern überschritten und habe viel über die Erwartungen nachgedacht, die ich an die Weiblichkeit habe. In dem Titeltrack des Albums ‚These Frightening Machines‘ setze ich mich dann auch mit der Körperlichkeit bzw. meinem Verhältnis zu meinem Körper auseinander. Das Thema hat sich also aufgedrängt.“
Dabei kommen viele Aspekte zum Tragen. In dem Song „Matches“ beschäftigt sich Katherine mit der Hexenverfolgung, in „Atlas“ trägt sie das Gewicht der Welt auf ihren Schultern, in dem Titeltrack „These Frightening Machines“ findet sie sich in ihrem Körper gefangen und der letzte Track „Could This Be Enough?“ (in dem es um Beziehungen und die Frage, ob man gerade das Richtige macht geht) bleibt als Frage offen. Gibt es denn eine Auflösung oder Schlussfolgerung, die sie aus diesen Facetten zieht? „Also ich würde zustimmen, dass es mir wichtiger ist, Fragen zu stellen – die richtigen Fragen zu stellen – als nach Antworten zu suchen oder diese zu erwarten“, überlegt Katherine, „das hängt auch damit zusammen, dass die Leute nicht denken sollen, dass meine Scheiben ein perfektes Resultat meiner Arbeit seien. Es ist jeweils das Beste, was ich zu diesem Moment leisten konnte. Deswegen dachte ich auch, dass der Song ‚Could This Be Enough?‘ die beste Art sei, das Album zu beschließen. Denn wenn du ein Album veröffentlichst, dann weißt du ja auch nicht, ob es gut genug ist. Ich frage mich auch, was es bedeutet, Erfolg zu haben und ob das dann genug für mich ist? Ich möchte auch gar nicht jemals eine definitive Antwort auf Fragen wie diese haben. Es ist aber gut, Fragen zu stellen, denn ich möchte ja Denkanstöße provozieren.“
Was bedeutet die Musik für Katherine? „Das mag sich kitschig anhören – aber ich denke, Musik war für mich immer schon eine große Fluchtmöglichkeit“, erklärt Katherine, „manchmal ist man so von Emotionen überwältigt, dass man nicht weiß, wie man damit umgehen soll – aber wenn du den richtigen Song findest, den du dir anhören kannst, dann erledigt der diese Arbeit für dich. Man kann so seine eigenen Gefühle in den Song von jemand anderem kanalisieren, dass man selbst nicht mehr belastet ist. Musik war für mich auch immer eine gute Möglichkeit, Gefühle zu entdecken, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. In dieser Hinsicht fühle ich mich geehrt, diese Arbeit für mich und andere leisten zu können. Musik kann in dieser Hinsicht ja auch ganze Kapitel deines Lebens definieren.“
Wie passen denn die Elemente aus der Mythologie oder der Folklore, die sich stets in Katherines Songs finden, in dieses Konzept? „Das weiß ich gar nicht“, antwortet sie, „ich habe es immer schon gemocht, über Mythen zu lesen. Die sind immer so einfallsreich und von Leidenschaft und Emotionen erfüllt. Und alles wird über Metaphern ausgedrückt. Das verwende ich gerne in meinen Songs, denn es geht ja gerade darum, sie nicht konkret persönlich zu gestalten, sondern vage genug, dass sie eine eigene Interpretation ermöglichen. Das ist mit der Mythologie genauso. Mal liest man eine Geschichte, die dir das Leben erklärt und großartige moralische Fragen behandelt – aber nicht im Klartext. Das ist ja das Schöne an der Musik – dass es weniger um konkrete Dinge, sondern mehr um Gefühle geht.“
Hat Katherine eigentlich etwas Interessantes über sich selbst gelernt, als sie dieses Album schrieb? „Ja, definitiv“, antwortet sie, „dieses Album war für mich eine Übung in Sachen Selbstbewusstsein. Ich habe in der Art, in der ich das Album angegangen bin und es aufgenommen habe, stets meine Komfortzone verlassen – und es hat funktioniert. Ich habe auch gelernt, dass ich zuweilen mal für mich allein sein musste und ich denke, dass mich dieses Album auch gelehrt hat, auf mein Bauchgefühl zu hören und den Leuten um mich herum zu vertrauen. Das mag sich lahm anhören – aber ich habe nicht viel darum gegeben, was andere von dem Album halten könnten, sondern bin meinem Herzen gefolgt und habe mich darauf konzentriert, ob es mir selbst gefiel und ich diesem Gefühl vertrauen konnte.“
Inwieweit spiegeln die zwar persönlichen, aber auch codierten Songs die Realität des Lebens wider? Basieren zum Beispiel die Charaktere in Katherines Songs – die Madeleine aus dem gleichnamigen Song, die Hexen aus dem „Witches“-Song oder der Charakter aus dem „Hurricane“-Song – auf konkreten Vorbildern? „In den meisten Fällen schon“, berichtet Katherine, „Madeleine ist zwar nicht von einer Person inspiriert, sondern von mehreren Frauen aus der Musikbranche, die mir ganz ähnliche Geschichten über das Konkurrenzgebaren erzählt haben und von den Befürchtungen berichteten, dass es nicht genug Raum für sie alle geben könnte, um erfolgreich zu sein. Ich singe hier also von einer universellen Weiblichkeit. Aber im Grunde sind meine Songs immer von bestimmten Ereignissen inspiriert. Einige Songs – wie z.B. ‚Atlas‘ und ‚Sirius‘ – sind auch von bestimmten Personen inspiriert – die ich aber nicht verraten werde. Bei dem Song ‚Sirius‘ geht es um den hellsten Stern am Himmel im Sternbild des großen Hundes, der rot und grün flackert, wenn man ihn betrachtet. Ich mag den Umstand, dass diese Sterne Millionen Meilen weit weg sind, aber dennoch von der Erde aus gesehen werden können. Ich wollte mit diesem Song jemanden daran erinnern, dass sie nicht alleine sind, auch wenn sie glauben, nicht gesehen und wertgeschätzt zu werden.“
Haben Katherines Songs vielleicht auch eine spirituelle Note? „Nicht im traditionellen Sinn“, zögert sie, „ich bin keine besonders spirituelle Person, wenn es um Religion oder so etwas geht. Es ist also kein generelles Thema für mich – aber ich erkenne schon an, dass Musik eine spirituelle Wirkung haben kann, indem sie den Geist von Menschen anspricht.“
Mit dem Album „These Frightening Machines“ schlägt Katherine Priddy ein neues musikalisches Kapitel auf und wendet sich von der reinen Folk-Lehre ab. Im Herbst spielt sie im Rahmen einer Europa-Tour auch einige Termine in Deutschland.
„These Frightening Machines“ von Katherine Priddy erscheint auf Cooking Vinyl/Indigo.




