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Eine Nacht im Museum
Auf den ersten Blick sind Real Farmer eine der vielen Bands, die derzeit bei den Lichtgestalten des Punk und Post-Punk der späten 70er- und frühen 80er-Jahre Inspiration zu finden hoffen. Anders als viele Seelenverwandte tut das explosive Quartett aus Groningen dabei aber sympathischerweise mehr, als nur auf der Trendwelle mitzusurfen. Stattdessen sorgen ordentlich DIY-Spirit, eine strikt demokratische Herangehensweise, unbedingte Kompromisslosigkeit und das Liebe der vier Bandmitglieder zu vergleichsweise obskuren Einflüssen für viel frischen Wind, und live – das zeigt auch ihr Gastspiel in Essen eindrucksvoll – sind Real Farmer zwischen Hooks und Tumult eh eine echte Urgewalt.
„Kleiner Freitag“ heißt das Format, mit dem der Junge Kunstring Folkwang zweimal im Jahr Themenabende zu den aktuellen Ausstellungen des Essener Museum Folkwang mit anschließendem Konzert und DJ-Set veranstaltet. Ort des Geschehens ist dieses Mal der etwas euphemistisch betitelte „Salon Folkwang“, ein vergleichsweise steriler quadratischer Raum, der sich für die musikalischen Gäste aus Holland allerdings als goldrichtig erweist.
Ein bisschen weht an diesem Donnerstagabend nämlich der Geist der Zeit durch den Raum, in der selbst die Stars des Post-Punk mit schöner Regelmäßigkeit in notdürftig zu Konzertsälen umfunktionieren Aulen und Mensen von Universitäten und Technischen Hochschulen zu Gast waren. Das passt ganz ausgezeichnet zum DIY-Geist von Real Farmer und ihrem ein bisschen aus der Zeit gefallenen (und am Ende doch zeitlosen) Sound, zumal auch das Publikum, das vor der Bühne für drangvolle Enge sorgt, erfreulich jung und hip ist und somit die Illusion perfekt macht.
Doch nicht nur deshalb ist diese Show für Real Farmer keine ganz gewöhnliche. Tatsächlich ist der One-off-Auftritt in Essen mit knapp einer Stunde das längste Konzert, das die Band jemals gespielt hat – und das ist ob der Wucht und Energie, die das ruhelose Quartett auf der Bühne entfacht, durchaus eine Herausforderung.
Dass Real Farmer live solch eine enorme Kraft entfalten, liegt nicht zuletzt an ihrer Rhythmusgruppe. Leon Harms, einigen vielleicht als Drummer von Personal Trainer bekannt, prügelt wie besessen und bisweilen mit MC5-Vibes auf sein Schlagzeug ein, während Marrit Meinema – ihrerseits Drummerin der letzten Besetzung von Lewsberg – ihren Bass oft als Leadinstrument interpretiert und mit ihren fließenden Bassläufen die Melodie an sich zieht.
Jaap van der Veldes Gitarrensound ist dagegen geradezu schlank, doch das betont, wie messerscharf die Riffs sind, die durch den Wall of Noise schneiden. Und Jeroen Klootsema? Der Sänger hat eine Hardcore-Vergangenheit und sorgt nun auch bei Real Farmer für ein manisches Chaos à la Iggy Pop, das man sonst so in der Welt des Post-Punk nur ganz selten findet, wenn er schon nach zwei, drei Songs schweißgebadet rastlos umhertigert und mit durchdringender Stimme und gestenreichem Bühnengebaren dafür sorgt, dass diesen Auftritt niemand im Raum so schnell vergessen wird.
Dass Real Farmer keine gewöhnliche Band sind, zeigt auch ein Blick auf die Setlist. Dort finden sich nämlich nicht nur alte Banger wie „Big Stepper“ oder „The Straightest Line“ – mit „The Pressure Of Others“ geht es sogar bis zur Debüt-EP von 2019 zurück! -, sondern auch gleich zu Beginn mit „Heart Out“ und „Missing Link“ Einblicke in das Anfang Mai auf Pete Dohertys Label Strap Originals erscheinende zweite Album der Band, „Two Wrongs Don’t Make A Right“.
Mit einer ganzen Reihe verheißungsvoller brandneuer Songs gibt es sogar echte Zukunftsmusik, die Real Farmer in Gedanken schon bei ihrer dritten LP zeigt. Unter den neuen Liedern findet sich mit „Western“ auch die einzige Nummer, die dem Publikum kurz eine Atempause gönnt, um nach einem verhaltenen Beginn mit Johnny-Cash-Gitarre am Ende doch noch zu explodieren.
Will meinen? Das Einzige, das am Ende dieses mitreißenden Auftritts noch bleibt, ist, die Tage rückwärtszuzählen, bis am 07.05.2026 im Kölner Bumann & Sohn die große Europatournee von Real Farmer startet!
























