Andy Platt liebt die Siebzigerjahre. Und dafür dürfen wir ihm dankbar sein, orientiert sich doch auch das inzwischen sechste Studioalbum seiner Band Mamas Gun an der goldenen Zeit des Motown Soul. Der Titel „Dig!“ wirkt wie eine Aufforderung, zu den Perlen dieser Zeit hinabzutauchen, andererseits bietet die neue Platte vieles, was man dort finden könnte. Aufgenommen in Leeds auf 16-Spur-Analogband von Toningenieur und Studioinhaber Neil Innes, klingen die elf Songs warm und organisch und keinesfalls gestrig, sondern zeitlos.
Für den Titelsong hat sich die Band den legendären Brian Jackson hinzugeholt, der durch seine Zusammenarbeit mit Gil Scott-Heron bekannt wurde. Er spielt nicht nur Flöte und Rhodes-Piano, sondern teilt sich mit Andy Platts die Lead-Vocals. Ein ungeheuer grooviger Auftakt, mit mehrstimmigem Chorgesang und eierndem Wurlitzer-Keyboard von Dave Oliver. „Hardest Yards“ und „Food For The Flames“ umarmen Motown; herrlich, wenn Platts Falsett nahtlos in Terry Lewis‘ E-Gitarre hinübergleitet. Zu „Wings“ wiederum steuert er ein am Jazz geschultes Solo ein. „Joy“ mit Kirchenorgel und Scatting-Ansatz nähert sich spätestens beim Na Na Na im Refrain dem von Platts besonders geschätzten Stevie Wonder. Und „Living On Mercy“ könnte Fans der ersten Platten von Hall & Oates gefallen.
„First Time (In A Long Time)“ feiert das Leben, nachdem Kummer und Blues vertrieben sind: „Now that life is beautiful and I believe in miracles“. Das ist jetzt keine Nobelpreis-verdächtige Lyrik, aber passt zum fröhlich dahinklimpernden Wurlitzer-Piano. Und trotzig wiederholt Platts in dem nachfolgenden „The Proof“ das Motiv: „But I do believe in miracles and in the magic of this life“. Cameron Dawsons Bass pumpt funkig und der Call and Response-Gesang bemüht Gospel-Tradition. Dazu heult eine Farfisa-Orgel auf. „Had Me At Goodbye“ orientiert sich am West Coast-Sound, dem Platts sich sonst eher mit Shawn Lee als Young Gun Silver Fox widmet. Auch wenn mit dem Sommer die Liebe gegangen ist, darf man die sonnig-gefühlvolle Phrasierung in Platts souligem Gesang genießen.
Ergänzend erwähnt sei das fünfte Bandmitglied, der Schlagzeuger Chris Boot, dessen Percussions den Sound von „Phantom Love“ zusammen mit den flirrenden Keyboards prägen. Auch wenn Andy Platts (oft gemeinsam mit seinem langjährigen Songwriting-Partner Conner Reeves) für die meisten Kompositionen verantwortlich ist, ist die gesamte Band maßgeblich bei den Arrangements beteiligt. Allein die Vielzahl der Tasteninstrumente – Rhodes- und Wurlitzer-Piano, Farfisa- und Hammond-Orgel, Mellotron und Moog-Synthesizer – zeugt von einer liebevollen Produktion. Und natürlich ließ es sich Shawn „Silver Fox“ Lee nicht nehmen, im Studio vorbeizuschauen, um ein Tambourin zu schwingen.
„Dig!“ von Mamas Gun erscheint auf Légère Recordings/Broken Silence.




