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Erinnerungen an sich selbst
Schon eine ganze Weile im Geschäft ist die zurzeit in Berlin ansässige Songwriterin Nicola Kilimann mit ihrem Bandprojekt Vinter, mit dem sie sich im Laufe der Jahre seit der Veröffentlichung des 2021er Debütalbums „Seasons“ insbesondere als Live-Act einen Namen in der Alt-Pop- und Indie-Songwriter-Szene gemacht hat. 2025 erschien ihr zweites Album „Romance Is Dead“, das sie auf dem Reeperbahn Festival erstmals live präsentierte und mit dem sie seither auf der entsprechenden Tour unterwegs ist. Nun fand sie auch ein Mal Zeit, das Album mit ihrer Band in der Kölner Wohngemeinschaft zu präsentieren.
Als handverlesenen Support-Act hatte Nicola die junge Songwriterin Bea Keller und ihren Partner Philipp „Umbra“ Werth mitgebracht, die das Publikum (gelegentlich unterstützt von Bassist Jules) – trotz einer schweren Erkältung – mit ihrem angenehm temperierten Mädchenpop unterhielten, der letztlich in gewisser Hinsicht auch kompatibel war mit dem, was Vinter im Folgenden präsentieren sollten – allerdings mit der Einschränkung, dass die Arrangements mit Klavier, Gitarre und eben gelegentlich Bass – deutlich geradliniger ausgerichtet waren, was dann auch Schwächen im linear angelegten Songwriting offenlegte. Dennoch befindet sich Bea Keller mit ihrem Emanzipations-, Selbstfindungs- und Empowerment-Songs auf Folkpop-Basis durchaus in guter Gesellschaft, wie die Coverversion des von Maisie Peters und Marcus Mumford geschriebenen Songs „Say My Name In Your Sleep“ zeigte, die Bea und Philipp ins Programm aufgenommen hatten, weil dieser Song so klingt, wie das, was das Duo selbst auch macht. Kein Wunder – denn hier wie da wird die persönliche Betroffenheit, das Sehnen nach der Geborgenheit und der elegante Liebesschmerz auf elegante, wenngleich generische Weise Genrekonform in Liedform gegossen.
Nicola Kilimann hat die Gefahr erkannt, dass Musik wie die, die selbst auch präferiert, schnell langweilig werden kann, wenn man zwar alles regelkonform richtig macht, aber so gar keine Ambitionen zeigt, irgendeine Form von musikalischer Identität ins Geschehen zu bringen. Und hier kommen dann die originellen Arrangements zum Tragen, mit denen Nicola und Vinter auch in Köln die Songs auf abwechslungsreiche Weise zum Leben erweckten. Zwar gab es in der Wohngemeinschaft keine Möglichkeit, die auf der „Romance“-LP gelegentlich eingesetzten Streicher zum Einsatz zu bringen – aber aufgrund dessen, dass Vinter mit eigenem Tontechniker und Mischpult angereist waren, konnte so ziemlich alle anderen Produktionsfeatures auch auf der Bühne implementiert werden.
Dazu gehörten dann so subtile Details, wie ein – zusätzlich zum E-Bass – gelegentlich eingesetzter Synth-Bass, der wirklich ausgezeichnete Sound von Nicolas Akustik-Gitarre (durchaus nicht selbstverständlich in einem soliden Band-Umfeld, in dem zudem ja Nathan Scheid als wandlungsfähiger E-Gitarrist dominierte) oder die spontane Eingebung der Pianistin Lena, bei der letzten Zugabe auf das hauseigene Klavier auszuweichen. Letzteres geschah allerdings eher unfreiwillig: Während die Show sich dem Ende zuneigte, kollaborierte ein Zuschauer im hinteren Teil des ziemlich ausverkauften Clubs und musste zunächst von Sanitätern betreut werden, bevor das Konzert dann mit einer akustischen Version des Songs „In My Head“ vom Debütalbum zu Ende gebracht werden konnte. Die Wohngemeinschaft trägt ihren Namen nicht umsonst: Aufgrund des heimeligen Settings müssen die Konzerte wegen der Anwohner um 22 Uhr eigentlich zu Ende sein. Wenn dann „überzogen“ werden muss, muss das so leise wie möglich geschehen.
Aber noch mal zum Programm: Viele der Vinter-Songs sind nach einem ähnlichen Schema aufgebaut – nämlich mit an- und abschwellenden, alternierenden Akkordfolgen, auf denen Nicola im übertragenen Sinne gesanglich Grundlagenforschung betreibt, nach Melodien sucht und diese für gewöhnlich auch findet. Immer dann, wenn sie von diesem Schema abweicht und die Band dynamisch am Geschehen beteiligt und auf die vielfältigen Arrangements setzt, blühen die Songs sozusagen in voller Grandezza auf. Das kann dann in verschiedene Richtungen geschehen. Beispielsweise wie bei dem bereits erwähnten Akustik-Song „In My Head“ oder wenn sich Nicola ans Klavier setzt und im Selbstfindungs-Song „Within A Weak“ Solo über Erinnerungen an sich selbst resümiert – oder wenn im brillanten neuen Rock-Song „Lifeline“ mit stadienreifen druckvollen Breitwand-Akkorden und Harmonien experimentiert wird oder der EP-Titel „Magnolia Blossom Time“ dann auf einmal mit Americana-Flair angereichert wird oder wenn der Titeltrack „Romance Is Dead“ zu einer vielstimmigen Mitsing-Hymne aufgebauscht wird oder der LP-Closer „Hi & Goodbye“ mit melancholischer Eleganz auf seine genial formulierte Kernbotschaft der Sprachlosigkeit eingedampft wird. All das bewegt sich dann außerhalb generischer Formeln – auf die sich Nicola ja als Songwriterin durchaus guten Gewissens auch hätte berufen können.
Die Show in Köln geriet auf diese Weise zu deutlich mehr als einem bloßen Showcase der „Romance Is Dead“-LP – gerade auch, weil hier zusätzlich ältere Tracks von der den Jahreszeiten gewidmeten Debüt-LP „Seasons“, EP-Titel und vor allen Dingen neue, noch unveröffentlichte Songs (neben „Lifeline“ etwa die Single „Drink To Youth“) den Weg auf die Setlist fanden und die Band dann hier auch mal wagemutiger mit Stilen, Sounds und Songformaten experimentierte, die sie auch aus anderen Perspektiven jenseits des Folk-Pop-Settings zeigte. Offensichtlich ist Vinter ja als langfristiges Projekt angelegt – und das ist gut so, denn wie die Show in Köln zeigte, steckt da noch eine Menge Potential drin.





















