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Lost & Found
Ihre aktuelle EP „If All My Hopes Find Answers“ hatte die Duisburger Songwriterin Stina Holmquist ja bereits im Herbst letzten Jahres veröffentlicht. Einige der darauf enthaltenden, neuen Songs hatte sie auch bei einigen Live-Shows – etwa bei einer WDR Rockpalast-Aufzeichnung – bereits „ausprobiert“ und damit eine neue musikalische Richtung vorgegeben, die sich im wesentlichen im Art-, Dream- und Kook-Pop-Bereich bewegt. Nun ging es aber daran, das Material auf der ersten großen Headliner-Tour zu präsentieren – die im Kölner Veedel-Club ihren Anfang nahm. Der Veedel Club hieß früher einmal Rose Club – und ist berühmt dafür, dass hier Nirvana gespielt haben. In seiner neuen Inkarnation als Veedel Club ist das heute aber weniger ein Rockschuppen, sondern eine auf DJ-Sets spezialisierte Location, in der nur gelegentlich Live-Konzerte stattfinden – diese dann aber in einem angenehm neutralen Club-Setting.
Das machte sich dann auch bemerkbar, als zunächst die Kölner Songwriterin Josie Malou mit ihrem musikalischen Partner und Produzenten Julius Hanekamp als handverlesener Support Act den Abend eröffnete. Statt showtechnischem Brimborium gab es nämlich nur einen einzelnen auf die Musiker ausgerichteten Spot – sodass sich die Zuschauer auf das Wesentliche konzentrieren konnten. Und das waren dann vor allen Dingen die poetischen englischsprachigen Lyrics von Josie, die diese mit unaufgeregter Gelassenheit präsentierte – gelegentlich ergänzt um erläuternde Anekdötchen. Wie viele ihrer Kolleginnen beschäftigt sich auch Josie Malou in Songs wie „Becoming The Moon“ oder „Building A Castle“ mit den Themen Selbstfindung, Empowerment, Autotherapie und natürlich Beziehungsgeflechten – wobei sie eigentlich von allem etwas zu bieten hat – wie gesagt poetisch angereichert und mit einer träumerischen Note versehen. Musikalisch wurde das in einem akustischen, balladesken Folkpop-Setting dargeboten (die Studioversionen der bereits veröffentlichten Titel sind etwas reichhaltiger arrangiert), wobei Josie Malou nicht nur als Songwriterin, sondern auch als elegante Performerin überzeugte, die dann auch nicht viel brauchte, um das Publikum für sich einzunehmen. Das Ganze passte dann recht gut zu dem, was Stina Holmquist auch macht und überzeugte auch Freunde klassischer Singer/Songwriterkunst in musikalischer Hinsicht. Eine erste EP ist dem Vernehmen nach in Arbeit.
Beim Auftritt von Stina Holmquist und ihrer Band wurde dann etwas mehr Live-Produktion geboten – zum einen mit einer psychedelischen Lichtregie und zum anderen mit einem vielleicht zu liberalen Einsatz einer Kunstnebel-Kanone. Das hatte aber auch einen Hintergrund, denn Stina Holmquist hat ein Herz für eine gewisse dramatische Coolness, was die Präsentation ihrer Songs betrifft. Da wird dann mit Intros, Breaks, Improvisationen und einer Art Choreographie gearbeitet, dass es eine reine Freude ist – und das aber, ohne dass Stina dabei auf irgendeine Weise blasiert oder abgehoben wirkte.
Aufgrund dessen, dass der Keyboarder Marvin Klopfer ausgerechnet zum Tourstart mit Fieber flach lag und ausgefallen war, mussten sich Stina selbst und Bassist Joshua Mandlburger dann die Keyboard-Arbeit teilen. Das geriet aber gar nicht zum Nachteil, weil die Setlist auf dieser Tour offensichtlich dem dramatischen Konzept angepasst worden war und die eher ruhigen Tracks wie „Say It Out Loud“, „Back Where We Started“ oder „Closing Doors“, die zuvor über das ganze Set verteilt gewesen waren und nun zu Beginn gespielt wurden, ein wenig mehr musikalische Geradlinigkeit ganz gut vertragen konnten.
Worum es Stina in ihren Songs heutzutage eigentlich geht, erzählte sie zwischen den Tracks. So habe sie sich eigentlich vorgenommen, keine Liebeslieder zu schreiben, weil es so viel interessantere Dinge gebe, über die sie schreiben wolle. Beispielsweise über Selbstzweifel und die angestrebten Freiheitsgefühle wie z.B. in dem Song „In A Dress“ oder davon, sich manchmal recht verloren zu fühlen und dann wieder zu sich selbst finden zu müssen, wie sie mit dem Song „I Try“ demonstrierte. Ganz ohne Liebeslieder ging es dann aber auch nicht – neben ihrem eigenen (als anrührende Piano-Ballade vorgetragen) Song „Broken Glass“, in dem sie darüber resümiert, wie erschrocken sie darüber gewesen sei, sich verliebt, verliebt, verliebt zu haben – gab es im Zugabenblock dann sogar noch eine gelungene Version des „Lovesong“ von The Cure.
Insgesamt tat die Hinwendung zu eher New Wave-orientierten Sounddesigns dem ganzen Projekt recht gut. Zumal auch die alten „Gassenhauer“ wie „I Do“ (früher gerne mit Betonung der Disco-Aspekte) in dieses Konzept eingebunden waren – und das ist gut so. Denn immer dann, wenn sich Stina und die Band dann in eine eher konventionellere, mainstreamigere Richtung bewegen – beispielsweise mit dem Track „In A Dress“ – dann irritiert das ein wenig (zumindest die Freunde von Stinas liebgewonnenen Idiosynkrasien). Insbesondere das von Gitarrist Tarik Mujadzic stets und immer kompetent und handwerklich sauber eingestreute Schweinerock-Solo mit 70s Flair möchte nicht so recht zu dem modernen feministischen Musikverständnis von Stina passen, das sie ansonsten stets präferiert. Das ist aber ganz klar die Ausnahme – ansonsten passt da alles gut zusammen. Und stadientauglich ist der Song so denn ja auch.
Was die Performance betrifft, so zählt Stina Holmquist – Sinn für Dramatik hin oder her – immer noch zu den nahbarsten, sympathischsten und wohl auch empathischsten Vertreterinnen ihrer Zunft. Den erhobenen moralischen Zeigefinger oder die geballte Faust, die bei vielen von Stinas Kolleginnen dem Publikum im übertragenen Sinne oft entgegengereckt werden, wird man bei Stina Holmquist nicht finden – und auch nicht vermissen.
Und dann noch etwas: Mit den inzwischen zwei EPs verfügt Stina Holmquist nicht nur über einen ordentlichen Fundus attraktiver Songs, sondern hat auch eine interessante musikalische Entwicklung eingeleitet, die von den folkigen Indie-Pop-Tagen einen direkten Bogen zum heute präferierten Art-Pop-Setting führt. Das ist ja auch der Grund dafür, dass Stina mit EPs arbeitet, um sich nicht auf einer LP stilistisch festzufahren und sich stattdessen alle Möglichkeiten offenzuhalten. Als Zuhörer macht es also besonderen Spaß, diese Entwicklung im Live-Kontext nachzuvollziehen, zumal diese längst noch nicht abgeschlossen ist und immer wieder auch neue Facetten zum Vorschein bringt (und neue Songs wie „Foreign Land“ obendrein).



























