Die aus Kalifornien stammende, aber heutzutage in Manchester lebende Songwriterin Jesca Hoop (die ihr Mentor Tom Waits aufgrund ihrer Vielseitigkeit ein Mal als „Münze mit vier Seiten“ bezeichnete) sagte von sich selbst, dass sie jedes Mal eine Sinnkrise bekomme, wenn sie ein neues Album angehe – auch deswegen, weil sie selbst ihre eigene Musik nicht so recht greifen könne. Vielleicht war es deswegen keine schlechte Idee, sich für ihr neues Album „Long Wave Home“ insofern einen schlankeren Fuß als gewöhnlich zu machen, als dass sie sich von Strukturen löste, die ihr zuviel Kompromisse abverlangt hätten und beispielsweise das neue Werk erstmals selbst zu produzieren. „Long Wave Home“ ist also in diesem Sinne mehr ein Solo-Album als so manches ihrer Vorgängerwerke, bei denen sie sich auf Kollaborationen eingelassen hatte.
Musikalisch und was die Arrangements betrifft hatte diese Entscheidung zum Glück keine einschränkenden Auswirkungen – wohl aber auf die Kohärenz. Jescas Partner Jesse D: Vernon schrieb opulente organische Arrangements mit überwiegend akustischen, teils exotischen Instrumenten, Martellato-Instrumenten wie Xylophonen oder Vibraphonen, Mellotron, Glocken, Bläsern, Streichern und insbesondere Call & Response–Chören, die Jesca teils nach den repetitiven Prinzipien der Minimalmusik ausrichtete, mit Folk-Elementen schmückt und mit wenigen perkussive Effekten zum Einsatz bringt.
In Songs wie „Big Storm“ oder „Designer Citizen“ organisiert sie das Ganze mit einer gewissen Unerbittlichkeit sogar regelrecht mantraartig. Die melodischen Aspekte kommen dann durch Jescas Gesang und die bereits erwähnten Chöre (meinst von Frauenstimmen, bei dem Track „Signal To Noise“ aber auch von Herren implementiert) zum Tragen.
Das Vorgehen ist zwar ähnlich wie auf dem Vorgängeralbum „Order Of Romance“ – allerdings weit weniger rhythmisch orientiert und deutlich reichhaltiger ausgelegt was die klangliche Ausgestaltung betrifft. Das Ergebnis ist dann eine Art von orchestralem Kook-Pop-Setting mit klassischen Untertönen und Soundtrack-artig ausgestatteten Klangräumen, die Jesca als Sängerin und „Chorleiterin“ auslotet – mal dezidiert spröde wie im Falle des Openers „Adam“, mal songorientiert wie bei der brillanten Single „Caravan“, die im Gewand einer Folk-Moritat daher kommt, oder aber schwelgerisch atmosphärisch wie im Falle des monumentalen Titeltracks, der das Album beschließt. Eines muss noch festgehalten werden: Die experimentellen, teils abstrakten avantgardistischen Nickeligkeiten, mit denen Jesca vor allem ihre Frühwerke durchsetzte, finden sich auf diesem Album überhaupt nicht mehr.
Inhaltlich beschäftigt sich Jesca Hoop auf diesem Album mit den Themen Solitüde, Beziehungsdynamiken, Selbstfindung und Empowerment – die sie aber nicht therapeutisch auslotet, sondern nutzt, um internalisierte Spannungen, die sich in ihrem Lebensumfeld aufgetan hatten, für sich aufzulösen. Politische Aspekte – wie sie auf vielen Alben Jescas zum Tragen kommen, gibt es nur noch vereinzelt – etwa in dem Song „Model Citizen“, indem sie die politische Wandlung der USA unter Trump zum Thema macht. Tatsächlich strahlt dieses Album aber im allgemeinen eine geradezu friedfertige, besänftigende Wirkung auf den Zuhörer aus – und macht es auch zu ihrem insgesamt zugänglichsten. Das auch nicht zuletzt deswegen, weil sie in dem Titeltrack zu dem Schluss gelangt, dass am Ende das Heil in der Gemeinschaft zu suchen ist.
„Long Wave Home“ von Jesca Hoop erscheint auf Republic Of Sound.




