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Grant Davidson ist mit seinem Projekt Slow Leaves seit nunmehr mehr als zehn Jahren ein Garant für zeitlose Songwriter-Kunst und hat in seiner Eigenschaft als melancholischer Denker in dieser Zeit sechs Longplayer veröffentlicht. Sein nunmehr vorliegendes, siebtes Album trägt den rätselhaften Namen „The Ruins Of Things Unfinished“. Dieser Ausspruch bezieht sich auf den portugiesischen Dichter und Denker Fernando Pessoa, der die Idee von den Ruinen der unvollendeten Dinge dereinst prägte. Ursprünglich wollte Grant das Album aber sogar „Molecules In Self Defence“ nennen. Beides Formulierungen, die auf den ersten Blick nicht selbsterklärend sind. Was hat es damit auf sich?
„Der Titel des Albums bezieht sich in der Tat auf Fernando Pessoa„, führt Grant aus, „der im größeren Kontext behauptete, dass er aus den Ruinen unfertiger Dinge zusammengesetzt sei. Das ist ein Schriftsteller, den ich vor längerer Zeit entdeckte und dessen Arbeit ich über den Lauf der Zeit genieße und mich durch seine Schriften bewege, weil es dort viele Ideen zu entdecken gibt. Der Titel ist mir besonders herausgestochen, weil ich der Meinung bin, dass niemand von uns Menschen die Welt unvorbelastet betritt, sondern tief mit den vorangegangenen Generationen verbunden ist. Zunächst natürlich über unsere Eltern, die uns direkt erziehen, aber ich denke, dass es auch unsichtbare Fäden gibt, die uns auf einer tieferen Ebene verbinden. Jeder von uns trägt die Narben und den Ballast, den das Leben mit sich bringt. Große und kleine Traumata und alle möglichen Dinge, die zu Schäden führen. Ich möchte das nicht allzu negativ darstellen – aber das ist nun mal das menschliche Erleben.“
Geht es dabei um eine Art der Vorsehung? „Das ist eine interessante Frage“, überlegt Grant, „aber ich weiß nicht, ob etwas vorherbestimmt ist. Auf gewisse Weise musst du einfach mit dem zurechtkommen, was dir gegeben ist. Wieviel Einfluss man darauf hat, wie selbstbestimmt man leben und Entscheidungen treffen kann und ob du an den freien Willen glaubst und ob du ihn hast, ist sicherlich eine interessante Frage, aber meine Einstellung ist die, dass niemand so wirklich eine Antwort auf solche Fragen haben kann.
Wenn du mich also fragst, ob ich an die Vorsehung glaube, dann sage ich ’nicht wirklich‘. Außer vielleicht im Sinne, dass jeder von uns die Illusion hat, dass wir mehr Kontrolle über unser Leben haben, als es tatsächlich der Fall ist. So arbeiten unsere Hirne nun mal. Es ist ja wichtig, dass wir unser Leben und unsere Handlungen so kontextualisieren – aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass uns das Leben allmählich lehrt, dass wir gar nicht so viel Kontrolle darüber haben.
Das sind Dinge, mit denen ich mich seit Jahren beschäftige und die immer wieder in meinem Kopf herumschwirren. Offensichtlich hat das mit Psychologie und Kosmologie zu tun. Was mich daran so fasziniert, über solche Sachen nachzudenken, weil sie so viel größer sind als wir selbst. Solche Gedankengänge schummeln sich dann praktisch in alles, was ich schreibe.“
Gut – kommen wir also zum zweiten Thema der philosophischen Basis des Albums. In dem Song „Don’t Fret“ findet sich dann die Idee der Moleküle, die zur Selbstverteidigung angetreten sind. „Das kommt von dieser Idee, dass wir als Menschen eigentlich nur aus verdichteten Molekülen bestehen, die sich über Kräfte organisieren, die wir nicht so wirklich verstehen können. Ordnende Ideen wie Religion oder Spiritualität und die Fragen nach der Bedeutung des Lebens, die wir da implementieren, sind so faszinierend, weil diese Konzepte aus einem gewissen Selbsterhaltungstrieb ins Spiel kommen. Die Moleküle, die sich da selbst verteidigen, sind letztlich wir selbst: Eine Sammlung von Molekülen, die alle möglichen Arten erfindet, unsere eigene Existenz zu erklären und zu verstehen. Das ist dann der Akt der Selbstverteidigung.“
Sicherlich ist es für einen Songwriter ja eine reizvolle Aufgabe, sich nach an so komplexen philosophischen Gedankenspielereien zu orientieren. Macht das dann die Songs auch weniger „einsam“ bzw. „allein“? Denn das ist ein Anliegen von Grant Davidson: Lieder zu schreiben, die seine Vorliebe für das „allein sein“ (im Gegensatz zum „einsam sein“) zum Vorschein bringen – was dann auch den eher melancholischen Tenor seines Materials erklärt.
„Tatsächlich macht es mich sogar weniger einsam, wenn ich über solche Themen nachdenke“, führt Grant aus, „weil man sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt. Deswegen mag ich es auch, Texte von intelligenten Menschen zu lesen, die sich vor hunderten oder tausenden von Jahren mit solchen Fragen beschäftigt haben. Seien es zum Beispiel Plato, Michel de Montaigne oder sogar Nietzsche. Im Laufe der Geschichte haben sich immer wieder Menschen dieselben Fragen gestellt. Und wenn ich die Schriften dieser Menschen lese, dann spüre ich die Verbundenheit zur menschlichen Erfahrung im Laufe der Geschichte. Ich versuche dann selbst über gemeinsame menschliche Erfahrungen, das Gefühl der Einsamkeit, das Sehnen nach Liebe und den Sinn des Lebens im Allgemeinen nachzudenken.
Besonders wenn du jung bist, desto stärker sind diese Themen ja ausgeprägt – beispielsweise wenn du dich fühlst, als wärst du der erste Mensch, der sich je verliebt hat. Aber je älter man wird, desto breiter wird der Blickwinkel – besonders durch den Filter der Geschichte. Wir haben heute ein besseres Verständnis davon, wer wir sind und was wir von uns erwarten dürfen. Diese Erkenntnis hat mir ermöglicht, Dinge heute einfach zu akzeptieren, wie sie sind. Ich denke, das ist auch ganz gesund so – und unsere Gesellschaft würde immens davon profitieren, wenn wir uns sehr viel stärker von der Geschichte lernen könnten.
Viele Menschen gehen ja durch das Leben und versuchen, gewisse Fragen zu lösen. Was ich aber festgestellt habe, ist, dass es nicht darum geht, Antworten zu finden, sondern eine Gemeinschaft mit anderen Menschen zu verspüren, die das Gleiche wollen wie ich. Kurzum: Ich mag es, über diese Dinge nachzudenken.“
Wofür benutzt Grant seine Kunst und die Musik denn heutzutage eigentlich? „Haha“, schmunzelt er, „ich versuche ja immer noch, etwas Geld damit zu verdienen. Aber tatsächlich ist Musik für mich eine Art Therapie. Das war immer schon so, aber gerade in letzter Zeit hat sich das in meinem Leben so verfestigt und ist so wichtig geworden. Denn wenn ich keine andere Möglichkeit hätte, meine Emotionen über die Musik herauszulassen, dann würde sich das anderweitig auf sehr ungesunde Weise manifestieren.
Die persönlichsten Songs, die ich über die Jahre geschrieben habe – und die mit den dringlichsten Botschaften, die ich vermitteln wollte, zeigen mich von meiner verwundbarsten und rausten Seite. Das sind Momente, in denen ich mich wie in einem Loch befinde. Die Songs helfen mir dann vielleicht immer noch nicht, da herauszuklettern, aber sie helfen mir zumindest, meine Situation zu verstehen. Für mich ist das einfach eine Möglichkeit, solche Sachen aus meinem System zu bekommen – so wie andere Leute vielleicht Gedichte schreiben oder Bilder malen, singen oder tanzen.
Solche speziellen Songs entstehen immer sehr rasch, denn ich glaube, sie tendieren dazu, mich zu finden – manchmal sogar entgegen meiner eigentlichen Präferenzen und meiner emotionalen Empfindungen. Gerade auch weil Musik die Logik ausklammert, hilft sie dir, die Realität auf eine bessere, alternative und vielleicht sogar traumähnliche Weise zu erfahren.“
Das gilt ja sicher auch für die Erinnerungen, die mit Grants Musik dann eingefangen werden, oder? „Ja, ich verwende Erinnerungen in meiner Musik, weil ich das Konzept von Erinnerungen mag. Und zwar deswegen, weil das als Konzept ziemlich vage, unbeständig und nebulös ist. Erinnerungen befinden sich in der Art von Dunst, der für mich eine ziemlich akkurate Darstellung der Art ist, wie ich mich durch mein Leben bewege. Es ist nichts Sicher und Deutlich, und je besser man versteht, wie unsicher die Dinge sind, kann man auf ironische Weise deutlich sehen, wie diese Dinge wirklich sind.
Ich greife aus diesem Grund auf Erinnerungen genauso zurück wie auf Träume. Ich liebe dieses Gefühl – und ich mag es auch, wenn es Schriftstellern gelingt, diesen Cocktail aus Träumen und Erinnerungen anzurühren, um so deutlich zu machen, wie der menschliche Verstand funktioniert. Und weil die Musik als solche diese Gefühle auch bedient, eignet sie sich auch gut, diese einzufangen – und kann den Zuhörer dann auch dorthin transportieren.“
Hat die Musik dann auch eine leitende Funktion für Grant Davidson als Songwriter? „Hm – ich weiß gar nicht“, zögert er, „ich meine auf gewisse Weise natürlich schon – aber nur in dem Sinne, den viele kreative Menschen nachvollziehen können, dass wenn sich ein Song offenbart, er sich anfühlt, als käme er von irgendwo anders her; wie ein Geschenk oder so etwas. Am Ende kommt die Inspiration zu dir, wenn du dich auch offen zeigst, sie auch zuzulassen.
Ich habe eine Million Ideen für Lieder – aber die meisten davon führen zu nichts und bleiben Fragmente – aber wenn sich dann ein Song manifestiert, dann gibt es da immer ein Extra-Feuer, das mich beflügelt, diesen Song dann auch zu Ende zu bringen. Ich weiß aber nicht, was da der Unterschied ist – denke aber, dass es dann an meiner Offenheit liegt. Ich weiß schon, dass ich das jetzt nicht so gut erkläre, denn eine wirklich gute Antwort habe ich gar nicht. Viele Songwriter reden ja davon, dass die Songs in der Luft herumschwirren und man sie nur einfangen müsste. Vielleicht ist das ja auch so, aber ich weiß es schlicht nicht.“
Nun gut – aber was ist dann die größte Herausforderung für den Songwriter Grant Davidson? „Ich habe immer eine Menge Ideen für Melodien und die Musik – das fällt mir leicht. Woran ich mich immer aufhänge, sind die Texte. Es fällt mir immer schwer, einen Text auf die Musik anzupassen. Das fühlt sich für mich an, wie Puzzle-Stücke einzupassen. Das ist schwierig, weil ich in der Lage sein möchte, das, was ich singe, auch zu meinen. Denn wenn ich das nicht verspüre, dann verliere ich selbst das Interesse.
Und dann noch etwas: Ich habe langsam das Gefühl, dass ich immer wieder denselben Song schreibe. Darüber bin ich gar nicht besorgt – weil ich nicht denke, dass das schlecht ist – aber manchmal frage ich mich dann doch, was ich als Nächstes machen soll. Ich würde ja gerne auch mal über andere Dinge schreiben, aber ich denke, dass ich in gewissen emotionalen Seinszuständen gefangen bin, in denen ich dann eben meine Songs schreibe – deswegen tauchen dieselben Themen immer wieder auf.“
„The Ruins Of Things Unfinished“ von Slow Leaves erscheint auf Make My Day Records/Indigo.




