Share This Article
„Wenn ich einfach weiter schreiben und aufnehmen kann und dabei mit den Leuten in meiner Band zusammenarbeiten kann, die ich wirklich bewundere, dann würde sich das für mich anfühlen, als hätte ich im Lotto gewonnen“, sagt Hiss-Golden-Messenger-Vordenker M.C. Taylor im Gaesteliste.de-Interview, und allein das macht deutlich: Der amerikanische Singer/Songwriter ist ein Musiker, für den das Musikmachen kein Mittel ist, um reich und berühmt zu werden. Es ist eine Lebensaufgabe. Seit inzwischen fast drei Jahrzehnten zeichnet er mit seinen Songs voller Wahrheit und Poesie sein Leben in seinen von Soul und Americana beflügelten Songs nach – anfangs noch in Kalifornien mit seinem alten Projekt The Court & Spark und seit fast 20 Jahren nun auch schon mit dem losen Verbund Gleichgesinnter, der sich Hiss Golden Messenger nennt. Mehr als ein Dutzend Alben später erscheint jetzt das neueste Werk „I’m People“.
Mit „I’m People“ setzt M.C. Taylor den Weg unbeirrt fort, auf dem er mit Hiss Golden Messenger seit 2007 unterwegs ist, wenngleich er sich dieses Mal durchaus einige neue Ziele gesetzt hat. Entstanden ist so ein ur-amerikanisches Album, das von Brüchen und Erneuerung handelt und von all den Auf und Abs des Lebens, die in den USA irgendwie noch intensiver spürbar sind als anderswo. Auf der Website der Band wird die LP beschrieben als „ein zutiefst menschliches Album – unmittelbar, verletzlich und voller Lebensfreude“, und das unterschreiben wir sofort.
Auch geografisch ist das Album, dessen Titel auf die heilende Kraft der Gemeinschaft gerade auch in Zeiten einer immer weiter gespaltenen Gesellschaft anspielt, praktisch überall in den Vereinigten Staaten zu Hause. Die Songs schrieb Taylor in seiner alten Heimat Kalifornien, in New Mexiko und daheim in North Carolina, aufgenommen wurde das Album mit Tausendsassa Josh Kaufman (Bonny Light Horseman, Josh Ritter, The Hold Steady) in Upstate New York in einer alten Kirche in der Nähe von Woodstock.
Liebesleid, das Älterwerden, Vaterschaft, Sehnsucht und Desillusionierung sind nur einige der Themen, die Taylor in diesen zehn neuen Liedern streift, deren mitten aus dem Leben gegriffene Geschichten in einem wunderbar menschlichen und echten und warmtönenden Live-im-Studio-Sound ihre klangliche Entsprechung finden, an dem viele hochkarätige Gäste wie Bruce Hornsby, Sam Beam, Marcus King, Sara Watkins, Amy Helm, Eric D. Johnson, Matt Douglas und die Goldsmith-Brüder von Dawes mitgewirkt haben.
Mitte Mai steht M.C. Taylor für eines seiner seltenen Deutschland-Konzerte im Berliner Monarch auf der Bühne, doch zuvor stand er uns Rede und Antwort, während er mit seinem Hund durch den heimischen Garten tollte.
GL.de: Wenn man sich die von dir verfasste Bandbiografie zum neuen Album durchliest, merkt man schon nach wenigen wortgewaltigen Zeilen, dass du sicher auch Dichter oder Schriftsteller hättest werden können. Was macht den besonderen Reiz am Songformat für dich aus?
M.C. Taylor: Mir gefällt, wie sehr die Musik die Alltagssprache in etwas Poetisches verwandeln oder ihr eine Bedeutung verleihen kann, die die bloßen, nur auf dem Papier stehenden Worte vielleicht nicht hätten. Ich denke viel in Begriffen wie Melodie, Harmonie und Rhythmus, und all diese Dinge sind in der Musik sehr greifbar. Das soll nicht heißen, dass Melodie und Rhythmus nicht auch ein großer Teil der Poesie auf dem Papier und im Besonderen der gesprochenen Poesie sind. Aber ich liebe die Art und Weise, wie Musik etwas Alltägliches in geradezu sakrale Höhen erheben kann.
GL.de: Was ist die wertvollste Lektion, die du in all den Jahren als Musiker gelernt hast?
M.C. Taylor: Ein Punkt ist: Als Künstler muss man wirklich ehrlich zu sich selbst sein: Was will man schaffen und welche Absichten hat man? Auch wenn es einem gelingt, alle anderen von seiner Kunst zu überzeugen: Es ist sehr, sehr schwer, sich selbst etwas vorzumachen.
Der andere Punkt – und das sage ich sicherlich als jemand, der schon sehr lange dabei ist – ist: Ich liebe die Vorstellung, Kreativität und das Schaffen von Kunst als ein langfristiges Unterfangen zu betrachten, als eine Möglichkeit, sein Innenleben zu erzählen.
Es gab Zeiten, in denen die Leute meiner Musik mehr Aufmerksamkeit schenkten. Es gab Zeiten, in denen die Leute nicht sonderlich interessiert schienen, aber meine Verbindung zu meiner Musik als Mittel, um auszudrücken, was in mir vorgeht, war immer sehr beständig.
GL.de: Apropos Beständigkeit. Hiss Golden Messenger sind sich in all den Jahren klanglich treu geblieben. Natürlich hat sich die Band verändert und ist auch künstlerisch gewachsen, aber die DNA der Band ist immer noch unverändert. Das ist gerade in Zeiten, in denen viele Acts auf ihrem Weg nach oben das Wesentliche aus den Augen verlieren, wirklich bemerkenswert.
M.C. Taylor: Ich verstehe den Druck, dem alle Künstlerinnen und Künstler ausgesetzt sind, die irgendeine Form von Anerkennung erhalten. Plötzlich gerät man in ein Spiel, dessen Regeln man nicht wirklich kennt und das oft von Leuten geleitet wird, die nichts mit Musik am Hut haben. Ich meine, es besteht eine grundlegende Spannung zwischen dem, was wir als Künstlerinnen und Künstler tun, und der Tatsache, dass wir im Musikgeschäft tätig sind und versuchen, etwas zu verkaufen. Damit muss man sich irgendwie abfinden. Ich persönlich habe schlicht und ergreifend das Gefühl, dass ich weiß, was mich wirklich bewegt. Manchmal ist es genau das, was auch andere Menschen bewegt, also mache ich einfach weiter.
GL.de: Trotzdem steht gerade auch „I’m People“ im Zeichen einer gewissen Erneuerung, An anderer Stelle hast du bereits erwähnt, dass es dir bei diesem Album nicht zuletzt auch darum ging, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Wie kam es dazu?
M.C. Taylor: Die Veränderungen, die ich auf diesem Album vorgenommen habe, sind – im Vergleich zu einigen anderen Künstlerinnen und Künstlern – vielleicht eher unbedeutend, aber ich habe definitiv eine Neuausrichtung oder genauer gesagt eine Neuausrichtung dieser Musik durchlaufen, die man, wie ich finde, auf dem Album hören kann.
Vieles davon ist darauf zurückzuführen, dass Josh Kaufman mir bei der Produktion dieses Albums geholfen hat, denn er konnte eine gewisse Objektivität in meine Arbeit einbringen, was wirklich hilfreich war. Da er die Songs hörte, während ich sie schrieb, konnte er Dinge sagen wie: „Das ist cool, aber ich finde, die Version, die du mir vorher geschickt hast, war vielleicht etwas besser oder brachte die Aussage etwas klarer auf den Punkt.“ Oder: „Was ist mit dieser einen Idee, von der du mir vor langer Zeit nur die Strophe und den Refrain vorgespielt hast? Was ist daraus geworden? Du solltest versuchen, das fertigzustellen!“
Durch diese Gespräche wurde mir klar, dass eine meiner größten Stärken als Songwriter darin besteht, einen Refrain zu schreiben – einen großen Refrain, der das ganze Stück beflügeln kann. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich mich ein wenig davon entfernt hatte. Ich hatte dieses Ziel zuletzt vielleicht ein wenig aus den Augen verloren.
GL.de: Wie wurde dir bewusst, dass das geschehen war?
M.C. Taylor: Ich habe mit einer Freundin in Nashville ein paar Songs geschrieben. Das war irgendwann während der Arbeit an den Songs, aus denen später „I’m People“ wurde, aber noch bevor ich wirklich eine Vorstellung davon hatte, was aus „I’m People“ werden würde. Ich habe einfach alles Mögliche ausprobiert, um zu sehen, was funktioniert. Sie sagte: „Die Art, wie du Refrains schreibst, ist total interessant. Sie sind alle so wortreich!“
Ich glaube, sie wollte mir ein Kompliment machen oder zumindest eine Anmerkung zu meinem eigenwilligen Schreibstil machen, aber ich dachte mir: „Wow, das war wirklich nie meine Absicht!“ Ich wollte nie jemand sein, der sehr wortreiche Refrains schreibt, oder zumindest habe ich mich selbst nie so gesehen. Dieses Gespräch hat mich dann wieder auf den Weg zur Prägnanz gebracht, hin zu dem Versuch, Dinge zu vereinfachen.
Es gibt einige Songs – einige davon sind auf dem Album, andere nicht, obwohl sie zur gleichen Zeit geschrieben wurden-, bei denen ich wirklich damit experimentiert habe, Refrains zu schreiben, die nur aus einem Wort oder nur aus ein paar Wörtern bestehen, was schwierig ist und eine ganz andere Art des Songwritings darstellt. Durch diesen Prozess wurde mir klar, dass für mich im Moment der Refrain das Wichtigste ist.
Egal, welche stilistischen Veränderungen ich in den letzten Jahren beim Songwriting durchgemacht habe – ich möchte mich wirklich auf Refrains konzentrieren, die mich berühren und die dadurch das Potenzial haben, auch andere Menschen zu berühren. Wenn mich also jemand fragen würde: „Nenn mir ein Wort, das dieses Album rein in Bezug auf die Songwriting-Technik beschreibt“, würde ich sagen: „Refrains“.
GL.de: Wie kam es dazu, dass sich der Entstehungsprozess des Albums vom Songwriting bis hin zu den Aufnahmen praktisch über die gesamten Vereinigten Staaten erstreckte?
M.C. Taylor: Ich habe das Gefühl, dass ich an diesem Punkt meines Lebens als Künstler überall zu Hause bin. Ich komme ursprünglich aus Kalifornien und lebe schon sehr lange im Süden, mittlerweile fast 20 Jahre, aber ich bin einfach ständig unterwegs. Ich glaube also, dass ich unbewusst versucht habe, an Orten zu sein, an denen ich mich wirklich wohlfühlte, um schreiben zu können. Bolinas war einer dieser Orte – eine kleine Stadt am Pazifik nördlich von San Francisco. Santa Fe ist ein weiterer Ort, der bei mir irgendwie das Gefühl weckt, im Westen zu sein. Es ist ein wenig fremd, aber es fühlt sich auch sehr vertraut an. Dann habe ich natürlich auch hier bei mir zu Hause, in Durham, North Carolina, viel geschrieben und arrangiert.
Aber was den Grund dafür angeht, warum wir in der Gegend um Woodstock aufgenommen haben: Josh Kaufman wohnt dort in der Nähe. Außerdem haben wir wirklich viel darüber gesprochen, wie viel Musik, die wir lieben, ihre Wurzeln in dieser Gegend hat. Wir haben viel darüber gesprochen, was für eine großartige Blaupause das Van-Morrison-Album „Moondance“ ist. Selbst nach all den Jahren ist dieses Album immer noch so phänomenal. Wir dachten uns: Lasst uns ein Album machen, das sich wie „Moondance“ anfühlt!
Das soll nicht heißen, dass wir unbedingt versucht haben, so zu klingen wie diese Platte, aber wir haben uns davon inspirieren lassen. Diese Platte ist sehr fokussiert. Sie steckt voller großartiger Melodien und Refrains, und ihr Klang ist unglaublich. Sie ist sehr akustisch, man hört, dass echte Menschen diese Instrumente spielen. Es gibt viel Holz-Instrumente und keine bearbeiteten Klänge. Das war etwas, wonach wir bei der Arbeit an „I’m People“ gestrebt haben.
GL.de: In den Pressematerialien schreibst du über die einzelnen Songs, und viele der Themen, um die diese Lieder kreisen, formulierst du dort in Form von Fragen. Wo setzt du beim Schreiben der Texte an?
M.C. Taylor: Ich glaube, oft versuche ich tatsächlich herauszufinden, was die Frage ist. Wenn ich mit etwas konfrontiert werde, das mich dazu bringt zu denken: Was ist das? Wie sind wir hierhergekommen? Was sagt das aus? Was sagt mir das? Oft versuche ich einfach herauszufinden, was die Frage ist. Wenn es also so wirkt, als wären die Songs oder zumindest die Beschreibungen der Songs eine Art Litanei von Fragen, dann liegt das dran, dass für mich die Frage Teil der Reise ist.
Sobald ich die richtigen Fragen stelle, tauche ich so sehr in den Prozess ein, dass mir die Antworten, wie auch immer sie ausfallen mögen, fasst nebensächlich erscheinen im Vergleich zu dem, worum es bei meiner Arbeit eigentlich geht. Meine Aufgabe ist es, einige der Fragen zu beleuchten, die ich habe – und die vielleicht auch andere Menschen beschäftigen.
GL.de: Trotz der politisch düsteren Zeiten, die die USA gerade durchzustehen haben, sind die Songs auf „I’m People“ nicht ohne Hoffnung…
M.C. Taylor: Bei diesem Album habe ich viel über den Gedanken der realistischen Hoffnung nachgedacht. Mit anderen Worten: Ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht nicht mehr da sein werde, um den strahlenden neuen Tag zu erleben, auf den ich hoffe. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht über die Dinge freuen kann, die uns diesem Ziel ein Stückchen näherbringen.
Ich habe das Gefühl, dass ich lange Zeit jemand war, der entweder sehr niedergeschlagen oder total begeistert von den Dingen war. Ich fand es immer sehr kompliziert, in diesem zwiespältigen Zwischenraum zu leben, obwohl sich eigentlich genau dort das ganze Leben abspielt. Jetzt übe ich mich darin, mir selbst zu sagen: Die Welt ist wirklich hart und gleichzeitig aber auch wirklich schön. So ist es nun mal.
GL.de: Das Titelstück des Albums ist ein Appell an die Menschen, ihren Gemeinschaftssinn nicht zu vergessen. Andere Lieder der Platte wurden von deiner Frau oder deinem Sohn inspiriert. Welche Rolle spielt deine Familie in deinem Tun?
M.C. Taylor: Ich habe einen Sohn und eine Tochter sowie meine Frau, und ihre Präsenz in meinem Leben war schon immer tief in meiner Musik verwoben. Aber zumindest bei den letzten paar Alben habe ich versucht, sie aus den Songs rauszuhalten. In einer Zeit, in der so ziemlich alles aus dem Leben jedes Einzelnen jeden Tag in den sozialen Medien zu sehen ist, hatte ich einfach das Gefühl, dass ich ihnen das Geschenk der Privatsphäre machen wollte (lacht).
Ich möchte keineswegs verheimlichen oder herunterspielen, dass ich viel Inspiration aus der Beziehung zu meiner Familie ziehe – aus dieser tiefen, ehrlichen und bedingungslosen Liebe, die selten ist und auch enorm viel Arbeit erfordert. Das ist keine leichte Sache. Man muss sie pflegen, im Auge behalten, behutsam mit ihr umgehen und gleichzeitig entschlossen sein.
Es sind genau diese Beziehungen, die mich als Songwriter geprägt haben – ich würde sagen, das liegt an diesen drei Beziehungen. Ich bin im Allgemeinen ein sehr introvertierter Mensch, und der Kreis der Menschen, die mir nahestehen und die ich regelmäßig sehe, ist sehr, sehr klein. Meistens schöpfe ich meine poetische Kraft daraus, allein zu arbeiten oder mit nur ein paar Leuten zusammen zu sein, im Kreise meiner Familie.
Wenn ich das Album „I’m People“ genannt habe und davon spreche, dass Gemeinschaft alles ist, dann bedeutet das: Ich glaube daran, und gleichzeitig muss ich persönlich daran arbeiten! Dieses Album ist also gewissermaßen eine Lektion für mich selbst: Denk daran, Menschen sind wichtig, du kannst dich nicht einfach in deine Wohnung zurückziehen und ganz allein sein! Es geht mir nicht darum, ein belehrender Songwriter zu sein, der sich an die Welt wendet. Ich versuche, mir das selbst zu sagen (lacht)!
„I’m People“ von Hiss Golden Messenger erscheint auf Chrysalis/Bertus.




