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Wild, aber mit Köpfchen: Auf ihrem zweiten Album, „Two Wrongs Don’t Make A Right“, verwandeln Real Farmer aus Groningen mit unbändigem DIY-Spirit unnachahmliche Punk-Energie und politische Dringlichkeit in direkte, zielgerichtete Songs, in denen Sendungsbewusstsein und der Spaß am eigenen Tun gleichberechtigt nebeneinander stehen, und begeistern dabei mit den gleichen Tugenden, die auch ihre Konzerte – die Europa-Tournee startet am 07.05.2026 im Kölner Bumann & Sohn – zu einem echten Erlebnis machen.
Bereits nach wenigen Takten des neuen Albums von Real Farmer ist bereits klar: Auch auf „Two Wrongs Don’t Make A Right“ tobt sich das holländische Quartett zwischen Hooks und Tumult so richtig aus. Sänger Jeroen Klootsema, Bassistin Marrit Meinema, Drummer Leon Harms und Gitarrist Jaap van der Velde – auf dem Album ist noch sein Vorgänger Peter van der Ploeg zu hören – haben zuvor bei Glitch, Personal Trainer, Yuko Yuko oder Lewsberg gespielt, und der Blick für das Besondere, der all diese Band auszeichnet, ist auch bei Real Farmer allgegenwärtig. Während viele andere Bands heute ständig auf den großen Erfolg schielen, sind Real Farmer zweifelsohne eine Band, die allein von der Liebe zur Musik angetrieben wird.
„Musik zu machen, ist mir immer wichtiger geworden“, sagt Marrit, als wir die Band Anfang März vor ihrem mitreißenden Konzert im Essener Museum Folkwang treffen. „Am Anfang war es eher ein Hobby, und jetzt mache ich im Grunde nichts anderes mehr als Musik. Ich bin also sehr dankbar, dass ich das tun kann, denn als Teenager hätte ich nie zu träumen gewagt, dass es etwas sein könnte, womit ich meine ganze Woche füllen würde. In diesem Sinne war es ein Hobby, weil ich wusste, dass ich mich auch auf einen langweiligen Job vorbereiten muss, wenn ich erwachsen bin. Zu entdecken, dass das nicht so sein muss, war etwas ganz Besonderes.“ – „Ich interessiere mich einfach sehr für alle Arten von Musik“, fügt Jeroen hinzu. „Deshalb ist es wirklich schön, seine Tage damit füllen zu können, nach neuen Platten zu suchen, alte oder neue Bands zu entdecken und Sachen zu finden, die mit der eigenen Weltanschauung übereinstimmen, und zu sehen, dass sie eigentlich gar nicht so seltsam ist. Vor allem aber mag ich Musik einfach wirklich sehr.“
Das sieht auch Jaap nicht anders, der zwar erst seit wenigen Monaten in der Band ist, aber schon vor sieben Jahren an der selbstbetitelten ersten EP von Real Farmer als Tontechniker beteiligt war: „Seit ich angefangen habe, Musik zu machen, war mein Ziel, das für immer und ewig zu tun, und ich bin sehr froh, dass sich daran nichts geändert hat. Das ist wirklich cool, denn ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich das so lange machen würde. Ich dachte, ich müsste einen Job annehmen, und natürlich muss ich auch abseits der Musik arbeiten, aber ich hätte erwartet, dass mich ein Job daran hindern würde, Musik zu machen. Wir haben alle in einer Zeit angefangen zu spielen, als wir noch studierten und staatliche Unterstützung zum Lebensunterhalt bekommen haben, und ich glaube, jeder hatte in dieser Übergangsphase nach dem Abschluss irgendwie zu kämpfen. Deshalb bin ich glücklich, dass ich jetzt einen Weg gefunden habe, weiterhin Musik so zu machen, wie ich es als Teenager getan habe, ohne den Druck, musikalisch etwas tun zu müssen, das Geld einbringt. Ich finde es toll, dass wir einfach tun können, was wir wollen, und nicht denken müssen: ‚Oh, wir müssen das zu einem Hit machen!“
Deshalb verfolgen Real Farmer auch auf der neuen Platte, die wie schon die Debüt-LP „Compare What’s There“ aus dem Jahre 2024 und die letztjährige EP ‚RFII‘ auf Pete Dohertys Label Strap Originals veröffentlicht wird, unbeirrt ihren eigenen Weg. Scharfkantige Zweieinhalb-Minuten-Banger wie „Heart Out“ oder „Missing Link“ geben hier den Weg frei für Songs, die so auf dem LP-Erstling noch nicht möglich gewesen wären: das von Meinema gesungene „Run By Animals“ etwa, das Wucht gegen Melancholie eintauscht, oder das sage und schreibe sechseinhalbminütige Schlussstück „Judas“, das mit einem prägnanten Synthesizer-Part – dem einzigen des Albums – überrascht.
Doch trotz vieler verschiedener alter und neuer Einflüsse hat auch das neue Album einen klaren roten Faden. „Der Ausgangspunkt war, vor allem am Anfang, dass wir es alle zu schätzen wussten, dass wir uns gleichen Sachen aus unterschiedlichen Richtungen nähern – und das haben wir immer versucht beizubehalten“, erklärt Jeroen. „Ich persönlich habe erst sehr spät angefangen, Musik zu machen. Ich war schon immer davon besessen, aber lange Zeit hätte ich nie gedacht, dass ich das selbst hinbekommen würde. Ich habe in einer Hardcore-Band geschrien, als die anderen schon in richtigen Bands spielten und auf Tour waren. Eigentlich mache ich heute nichts anderes, nur jetzt mit Musikerinnen und Musikern, die mehr Erfahrung haben und viel kompetenter beim Musikmachen sind.“
Tatsächlich ist es immer noch ein Markenzeichen von Real Farmer, dass sich Jeroen bisweilen selbst dann gesanglich mit voller Wucht in die Songs wirft, die nach gängigen Mustern gar nicht unbedingt danach verlangen würden. „Als wir begonnen haben, Songs zu schreiben, fing ich sofort an, darüber zu schreien, als wären es Hardcore-Nummern. Der Grund dafür war lediglich, dass mir niemand gesagt hat: ‚Oh, vielleicht solltest du das lieber nicht tun!“, erinnert er sich. „Wir machen Musik auf eine sehr kollektive Art und Weise. Das sorgt für einen Großteil der Vielfalt, denn im Grunde gilt: Wenn etwas gut klingt, machen wir das! Egal, wie anders das auch sein mag – weil es immer dieselben vier Leute sind, wird es immer dieselbe Art von Vibe haben. Nur das Genre ist vielleicht mal ein anderes.“
Trotzdem ist die Liebe zur Musik von gestern und vorgestern ein wichtiger Motor für den Sound von Real Farmer. Der Einfluss vom Garage-Rock der 60s und des Punk und Post-Punk der späten 70er und frühen 80er ist auch auf „Two Wrongs Don’t Make A Right“ nicht zu überhören. Doch was macht für die vier den besonderen Reiz an dieser Ästhetik aus? „Ich glaube, dass viele alte Sachen von Natur aus etwas mehr DIY-Charakter haben, sie wirken in vielerlei Hinsicht zugänglicher, zumindest für mich“, erklärt Jeroen. „Wenn ich mir alte Sachen anschaue, machen sie für mich mehr Sinn, ich fühle mich ihnen näher als modernen Sachen. In den 70ern und 80ern hieß es für alle in dieser Hinsicht ‚alles oder nichts‘! Jeder war voll und ganz in dieser Ästhetik, in diesem Kunststil, in dieser Sache, die die Band ausmacht, verankert. Das ist etwas aus dieser Zeit, was ich wirklich mag.“
„Das Geheimnisvolle bei älteren Bands spielt ebenfalls eine Rolle“, ist Marrit überzeugt. „Heutzutage herrscht die Vorstellung, dass man als Band ein Gesicht haben muss und die Leute wissen wollen, wer man ist – auch auf persönlicher Ebene. Es gibt diesen Drang, in den Medien präsent zu sein und so weiter. Bei älteren Bands muss man sich schon etwas Mühe geben, selbst ein bisschen zu recherchieren und sich wirklich damit auseinanderzusetzen, und ich glaube, genau das macht es so besonders. Vielleicht romantisiere ich das Ganze ein bisschen zu sehr, aber ich habe das Gefühl, dass auch das ein Teil dessen ist, was mir daran gefällt.“
„Heutzutage sind Equipment, Musiktechnologie und Theorien darüber, wie man als Band arbeitet, natürlich aufgrund der Globalisierung irgendwie universell“, gibt Jaap zu bedenken. „Eine Band aus Amsterdam kann heutzutage genauso klingen wie eine Band aus New York, während man es früher hören konnte, wenn eine Gruppe aus Detroit oder aus L.A. kam, weil sie anderes Equipment und andere Studios hatten und es unterschiedliche Szenen gab. Da gab es dieses Mysterium: ‚Was ist dort eigentlich passiert?’“
Doch auch wenn die Vergangenheit eine wichtige Rolle für Real Farmer spielt, ist doch nicht zu überhören, dass das Quartett tiefer gräbt als viele Seelenverwandte, die kaum mehr tun, als sich auf die Schultern der immergleichen Giganten zu stellen. „Wir hören Musik nicht mit dem Gedanken: ‚Wie kann ich das verinnerlichen und in unsere Musik einfließen lassen?’“, erklärt Jaap. „Unser Schreibprozess ist eher ein: ‚Lasst uns eigentlich gar nicht über irgendetwas reden.‘ Immer wenn jemand sagt: ‚Hey, lasst uns eine bestimmte Art von Song machen‘, nimmt das Ganze meist eine 180-Grad-Wende und endet ganz anders.“ – „Es geht mehr ums Tun als ums Reden“, bringt Jeroen das Credo der Band auf den Punkt.
Für das gewisse Etwas sorgt dabei immer wieder der prägnante Bass, der bei vielen Songs der Gitarre die Melodieführung streitig macht. Ist das vielleicht der Grund dafür, dass Real Farmer bei jeder Platte einen Gitarristen verschleißen?
„Ich habe mich mit unserem ehemaligen Gitarristen geprügelt!“, antwortet Marrit unter allgemeinem Gelächter, bevor Jeroen zurückrudert: „Nein, nein, nein! Es hat sich einfach ergeben, dass wir im Laufe der Jahre in diese Richtung gegangen sind, denn mehr Bass ist nie schlecht, zumal Marrit einfach eine Bassistin mit viel Klarheit ist, die ihr eigenes Ding macht.“ – „Sie langweilt sich auch einfach sehr schnell“, gibt Leon augenzwinkernd zu bedenken. „Ich langweile mich in der Tat sehr schnell“, gesteht die Bassistin. „Ich denke, ein anderer Grund ist auch, dass wir nur eine Gitarre haben. Ich habe immer gesagt: Wenn wir eine zweite Gitarre hinzufügen, bin ich raus (lacht)! Aber Spaß beiseite. Ich mag einfach Songs, die sehr basslastig sind, und ich habe zum Beispiel auch immer die Basslines von Gang Of Four geliebt.“ – „Oft ist dafür einfach auch Platz“, ist Jeroen überzeugt. „Wenn Marrit eine Idee hat oder etwas macht, heißt es fast nie: ‚Könntest du dich ein bisschen zurücknehmen?‘ Vielleicht gibt es mal ein: ‚Wäre es nicht cooler, wenn du ein bisschen warten würdest, bist du mit deinem Part einsteigst?‘, aber es heißt nie: ‚Mach das nicht!‘ So kommunizieren wir einfach nicht, und ich glaube, das ist sehr wichtig, um etwas zu erschaffen – es ist wichtig, dass man das Gefühl hat, nichts falsch machen zu können!“
Auch textlich richten sich Real Farmer dezent neu aus. Die sozialpolitischen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten in der Welt, die schon die Texte früherer Songs befeuerten, sind nicht verschwunden, aber während die erste LP oft betont persönlich gefärbt und introspektiv und dadurch bisweilen recht düster war, dürfen nun auch einige geradezu optimistische Hoffnungsschimmer nicht fehlen. „Die Dinge, an die wir als Kollektiv glauben, sind sehr hoffnungsvoll, und ich denke, genau darum geht es“, betont Jeroen. „Viele dieser neuen Songs handeln davon, seine Ideale nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn das eigene Umfeld zum genauen Gegenteil dessen wird, was man sich für die Welt vorstellt. Die Hoffnung entspringt also eher einem inneren Verständnis und der eigenen Recherche, auf der man seine Meinung aufbaut, anstatt auf die reaktionäre Politik zu hören.“
Vielmehr geht es Jeroen und Co. darum, zu fragen: Was sind deine Ideale? Wie willst du dein Leben leben? „Wenn es darum geht, den Leuten zu zeigen, wie wir die Dinge sehen, sind wir viel optimistischer als viele andere“, ist der Sänger überzeugt. „Wir glauben, dass es immer noch einen Ausweg gibt. Anstatt zu sagen, es ist alles egal, weil eh alles am Boden liegt, sage ich: Mir ist es nicht egal. Es ist wichtig, darüber zu schreiben, es ist wichtig, sich zu organisieren, es ist wichtig, das Ganze in Kunst einfließen zu lassen. Selbst wenn sich die Dinge nicht verbessern: Es ist wichtig, alles zu tun, was man kann, um seine Botschaft zu verbreiten!“
„Wenn ich für den Rest meines Lebens ein paar Mal im Jahr in Läden mit etwa 100 oder 150 Plätzen touren könnte, wäre das ein Traum“, sagt Jaap unter allgemeiner Zustimmung. „Es wäre cool, wenn wir größere Konzerte spielen könnten, aber dann müssten wir mit all diesen idiotischen Veranstaltern zusammenarbeiten, die sagen: ‚Oh nein, ihr dürft nicht so oft spielen und müsst nur in den großen Städten auftreten!‘ Ich finde, das Schöne daran, in einer Band zu sein, ist doch, in kleineren Städten und an seltsamen Orten zu spielen, an denen man sonst nie landen würde.“ – „Ja, einfach Orte, an denen man ein Herz für die Gemeinschaft hat und wo die Leute die Musik lieben‘, sagt Marrit abschließend. „Mehr braucht man nicht!“
„Two Wrongs Don’t Make A Right“ von Real Farmer erscheint auf Strap Originals.




