Share This Article
Nachdem Konstantin Gropper das 2022er Pandemie-Album „Amen“ im stillen Kämmerlein zusammengebastelt hatte, war es längere Zeit still um das Projekt Get Well Soon. In dieser Zeit arbeitete Konstantin viel an Auftragsarbeiten wie etwa einem Orchesterwerk zur Eröffnung der Bundesgartenschau – vor allen Dingen aber an Soundtracks für Film- und Fernsehproduktionen wie zum Beispiel die Serien „How to Sell Drugs Online (Fast)“ oder „Achtsam Morden“ und die Disney-Serie „Pauline”. 2026 stellt indes das 20-jährige Bandjubiläum des Projektes Get Well Soon dar – und da ließ es sich Konstantin nicht nehmen, dieses Ereignis gebührend zu feiern. Das nun vorliegende Album „Minus The Magic“ ist dabei nur ein Teil dieser Feierlichkeiten, denn im Herbst folgt ein zweites neues Get Well Soon-Album und gleich mehrere Konzertreihen stehen demnächst an. „Minus The Magic“ nimmt dabei für Get Well Soon eine Sonderstellung ein, denn erstmals spielte Konstantin Gropper das Material zusammen mit den Musikern seiner Live-Band im Studio ein – und es ist ein ziemlich geradliniges Rock-Album geworden, mit dem Konstantin sozusagen auf das bisher Erreichte zurückblickt.
Der Titel des Albums lautet „Without The Magic“. Um welche Art von Magie geht es denn dabei – und wohin ist die verschwunden? „Also den Titel gab es zuerst“, führt Konstantin aus, „das Album beschäftigt sich ja mit der Mitte des Lebens – von der ja manchmal behauptet wird, dass da die Magie abhanden kommt. Es bezieht sich ein wenig auf dieses Hesse-Zitat, dass die Magie des Anfangs irgendwann weg ist. Man hat in diesem Alter ja das Gefühl, dass man vieles schon gesehen hat. Ich weiß gar nicht, warum man das sagt – aber das ist dann auch eher ein ironischer Bezug darauf, weil ich das eigentlich gar nicht so sehe. Ich glaube, dass es in jedem Alter eigentlich genügend neue und alte Herausforderungen gibt. Insofern ist der Titel auch ironisch gemeint.“
Musik zu machen hat ja – unabhängig vom Alter – sowieso etwas mit Magie zu tun, oder?
„Absolut“, bestätigt Konstantin, „und das ist vielleicht auch eine andere Bedeutung des Titels. Was ich damit meine, ist, dass das Album für Get Well Soon-Verhältnisse ja relativ klar vom Sound ist und in Richtung Rock geht. Das ist dann ein ironischer Bezug – indem ich den orchestralen Sound immer als ‚magisch‘ bezeichnet habe und ich mit dem Titel sage, dass es eben auch ohne geht. Das ist ein Bezug, den ich noch ganz lustig fand. Aber wie gesagt: Das ist ironisch gemeint, weil es ja dieses Mal auch eine Art von Magie gab, indem wir das Album erstmals als Band eingespielt haben.“
Wie sieht Konstantin Gropper denn heute sein Verhältnis zur Musik und seinem Beruf als Musiker? „Ich glaube, das ist für mich gar nicht so einfach zu trennen“, überlegt Konstantin, „weil dadurch, dass die Musik für mich zum Broterwerb geworden ist, sich die Bedeutung geändert hat. Das ist vielleicht auch gar nicht so positiv zu sehen. Wenn man sich den ganzen Tag mit Musik beschäftigt, dann muss man sich erst mal wieder davon frei machen, Musik genießen zu können. Für mich war Musik immer das Allerwichtigste im Leben – und ist es auch immer noch, aber leider aus anderen Gründen. Ich will ja jetzt nicht Nietzsche zitieren – aber ohne Musik ist alles Nichts. Ich habe meine große Liebe zum Beruf gemacht. Vielleicht ist das gar nicht so schlau, wenn man diese Liebe am Leben erhalten möchte.“
Nutzt Konstantin Gropper seine Musik denn auch, um bestimmte Dinge zu verarbeiten – wie das viele seiner Songwriter-Kollegen mit einer therapeutischen Absicht tun?
„Ja – Musik ist für mich absolut Therapie-Ersatz“, meint Konstantin, „ob das so sinnvoll ist, weiß ich gar nicht. Ich habe ja mittlerweile zwei Berufe. Ich habe meine Musik mit Get Well Soon und dann habe ich noch diese Berufsmusiker-Sachen mit den Auftragsarbeiten wie dem Orchesterwerk für die Eröffnung der Bundesgartenschau und der Film- und Serienmusik. Bei Get Well Soon ging es immer schon um die Fragen, die mich beschäftigen. Das ist meine Art, mich damit auseinanderzusetzen. Bei der Recherche, die ich da betreibe, kommen immer wieder Sachen raus, die mich selbst überraschen oder wo ich dann selber auch ein bisschen was lerne. Am meisten lerne ich dann tatsächlich aber, wenn ich darüber rede – so wie bei Interviews –, denn da merke ich dann erst, was ich mir gedacht haben könnte. Es hat schon viel damit zu tun, dass dabei viel zu Tage tritt, was man ansonsten gar nicht wahrnimmt. Sagen wir mal so: Selbst wenn ich nicht Musik als Broterwerb betriebe, wäre das so, dass ich Musik zum Leben brauche.“
Was ist denn heute der Anspruch Konstantin Groppers an sich selbst – außer dem, sich nicht wiederholen zu wollen, wie er einmal sagte? „Das ist immer noch mein Anspruch – aber ich glaube, ich werde ein bisschen entspannter. Ich will jetzt nicht allzu viel über die nächste Scheibe sprechen – aber wahrscheinlich ist es so, dass man da wahrscheinlich schnell erkennt, wo es herkommt und sogar hier und da ein bisschen selbst-referenziert ist. Ich fand, das war nach 20 Jahren auch mal drin. Ich habe aber schon den Anspruch, dass nicht alles gleich klingt. Ein anderer Anspruch ist dann, dass ich nicht immer nur ausgetretene Akkordfolgen spielen möchte, sondern immer noch mal eins weiterdenken möchte.“
Gut gemachte Rockmusik ist ja durchaus in der Lage, positive Vibes zu verbreiten – so auch in dem Fall. Hängt das vielleicht mit der charakterlichen Entwicklung Konstantins zusammen? Auf der letzten Scheibe „Amen“ schien Konstantin Gropper bereits vom Zyniker der Vergangenheit zum Optimisten geworden zu sein – oder ist das vielleicht eine zu steile These?
„Nein – das ist keine zu steile These“, bestätigt Konstantin, „das ist das, was ich durch die Pandemie gemerkt habe: Dass es gar nicht so pessimistisch oder melancholisch war. Zynisch war ich – glaube ich – nie wirklich. Aber ich hatte immer gedacht, dass ich pessimistischer gewesen sei, als sich dann in einer solchen Extremsituation herausgestellt hatte. Ich war die ganze Zeit immer schon davon überzeugt, dass das alles wieder in Ordnung kommt – im Gegensatz zu anderen Menschen, mit denen ich geredet habe. Ich bin jetzt immer noch kein Happy-Go-Lucky Typ, aber ich musste mir halt eingestehen, dass ich zumindest immer daran glaube, dass irgendwie alles klappt.“
„Happy-Go-Lucky“ artet ja auch schnell mal in Traumtänzerei aus. Ein bisschen Bodenhaftung kann ja nicht schaden. Das Thema setzt Konstantin dann auf dem neuen Album mit dem Song „OK“ dann auch gleich in die Praxis um. „Exakt“, pflichtet er bei, „eigentlich geht es genau um das, was ich gerade sagte. Das ist der Versuch eines bodenständigen Optimismus; also nicht immer zu sagen, dass alles super ist – aber auch nicht alles schlecht zu machen. Es ist halt ‚OK‘. Auch wenn es wirklich momentan sehr viel dagegen spricht – das muss man ja schon sagen. Es wird immer noch schwieriger, dies aufrecht zu erhalten – aber noch ist es so, dass ich glaube, dass es irgendwie wieder alles OK sein wird.“
Na ja – es hilft ja auch nichts, immer alles schlecht zu reden. Kommt es nicht einfach auf die Perspektive an? „Ja – eine steile These wäre vielleicht zu sagen, dass die Corona-Pandemie zwar eine große Katastrophe war, aber auch so etwas wie eine Erfolgsgeschichte in der Menschheitsgeschichte. So kann man es ja auch irgendwie sehen.“
Tatsächlich konnte die Geste für Konstantin früher gar nicht groß genug sein – zumindest in metaphorischer, allegorischer, mythologischer und philosophischer Hinsicht. Kann es sein, dass – zumindest auf diesem Album – die nicht ganz so spektakulären Dinge zu entdecken sind?
„Ja – vielleicht“, erklärt Konstantin, „das hat aber damit zu tun, dass ich mich da selber reflektiere. Ich bin nach wie vor ein Freund von diesen Metaphern und geliehenen Geschichten. Darüber habe ich auch wieder drüber nachgedacht und habe ganz viel von Alexander Kluge, der ja jetzt leider gerade verstorben ist, übernommen, der seine Geschichten mit anderen erzählt hat – und das fand ich immer sehr spannend. In vielerlei Hinsicht ist das Album dabei auch im Kontext zu sehen.“
Nehmen wir mal den Song „The Golden Toilet Heist“: Singt Konstantin da über sich oder die Situation, in der er die Geschichte beobachtet hat?
„Das ist genau das Beispiel für das, was ich sagte: Ich habe diese Geschichte benutzt, um eine andere zu erzählen. Diese Heist-Geschichte ist ja ein realer Fall. Ich habe – ohne jetzt zu viel zu recherchieren, was da genau passiert ist und welche Personen das bei dem Kunstraub der goldenen Toilette 2019 genau waren – eine andere Geschichte darum erzählt. Bei mir geht es um ein älteres Paar, das sich damit noch mal beweisen will, dass da noch etwas passieren kann und diese Metapher auf das Kunstwerk überträgt und sich sagt: ‚Wir klauen jetzt eine goldene Toilette.’“
Ein Song, mit dem Konstantin sein Faible für die neu gewonnene Rock-Seligkeit und die Grandezza vergangener Tage in gewisser Weise zusammenführt, ist der Track „When They Cheer You, You Are Wrong“ – denn das ist ein brachialer Rocksong, der sich mit fast schon punkiger Attitüde und einer Prise Dystopia vier Minuten lang in immer neue epische Dimensionen hochschraubt. Worum geht es denn dabei, dass da so viel Rockpower implementiert werden musste?
„Das ist sozusagen mein politischer Song auf dem Album“, schmunzelt Konstantin, „es war zu der Zeit der Wahl von Trump und die ganzen Feierlichkeiten drumherum, dass relativ zeitgleich im Bundestag zum ersten Mal ein Gesetz mit Stimmen der AfD durchgebracht wurde. Die eine Sache ist dieses Bild, das ich immer vor mir habe – wie die AfD da auf ihren Sitzen gefeiert hat, wie die Selfies gemacht und sich wie kleine Kinder gefreut haben – und das andere Bild, was ich im Kopf hatte, waren die Village People, die bei diesen Feierlichkeiten in den USA aufgetreten sind – wo ich mir dachte ‚wie kann denn eine so ikonische Schwulenband bei so einer Veranstaltung auftreten?‘. Und dann gab es ja noch die ganzen Tech-Milliardäre im Capitol. Es gibt so bestimmte Momente, wo du dir sicher sein kannst, dass du irgendetwas falsch gemacht hast, wenn dir solche Leute applaudieren. Das ist die Idee von diesem Titel. Wenn die AfD applaudiert, dann kann sich Friedrich Merz sicher sein, dass er irgendwie Scheiße gebaut hat. Wenn die MAGA-Bewegung den Village People applaudiert, dann müssen die sich schon Gedanken machen. Nicht jeder Applaus ist gut.“
Der letzte Track des Albums „That’s Not Me“ fällt dann zunächst mal musikalisch aus dem Rahmen, weil es sich hier eher um eine klassische, orchestral ausgerichtete Get Well Soon-Ballade handelt als um einen Rocksong.
„Ich würde sagen, dass das der Schlüsselsong zum ganzen Album ist“, führt Konstantin aus, „es gibt einen Text von Carl Gustav Jung namens ‚The Stages Of Life‘, in dem er sich mit der Lebensmitte beschäftigt und davon zitiere ich ein paar Zitate. Er hat zum Beispiel gesagt: ‚Man kann nicht den Nachmittag des Lebens mit der gleichen Perspektive sehen, wie den Morgen.’ Es geht darum, festzustellen, dass man eine andere Person geworden ist, als man dachte, dass man sei. So interpretiere ich diesen Text. Es scheint so, dass man sich mit der Zeit ein bisschen fremd wird, aber wahrscheinlich schon immer die Person war, die man ist. Daher kommt der Titel ‚That‘s Not Me’. Ich fand das auf jeden Fall einleuchtend. Das hat ja auch hormonelle Gründe, warum man sich da verändert.“
Oder zu verändern, glaubt? Es gibt ja auch die Theorie, dass es sich bei einer wahrgenommenen persönlichen Veränderung gar nicht um eine solche handelt, sondern um das Freisetzen von Potentialen, die schon da waren.
„Ja, das stimmt – es gibt ja tolle Beispiele von Menschen, die sich ihr ganzes Leben immer gezügelt haben und sich dann befreien“, sagt Konstantin, „das kommt im Text ja auch vor, dass ich da von Menschen singe, die ihr ganzes Leben berufstätig waren – sogar in der Kirche gearbeitet haben – und dann feststellen, dass das nicht das Richtige war und ihr ganzes Geld versoffen haben, um dann festzustellen: Das bin ich eigentlich. Das ist jetzt vielleicht nicht das schönste Beispiel – aber es ist eines. Ich weiß aber jetzt nicht, ob man manchmal glaubt, sich nach außen anders projizieren zu müssen – oder ob das hormonelle Gründe hat. Das macht es für mich aber auch ganz spannend – besonders mit Bezug auf den Titel ‚Minus The Magic‘ – weil das dann ja auch wieder etwas ganz Neues für mich ist.“
Eine große Veränderung mit Bezug auf die Musik bringt ja die künstliche Intelligenz mit sich. Wie sieht Konstantin Gropper dieses Phänomen? „Das ist das Thema des zweiten Albums, das dieses Jahr herauskommt“, verrät Konstantin, „vielleicht sprechen wir ja einfach noch mal darüber. Das ist aber ein Thema, das mich auch sehr beschäftigt. Ich kann aber nur kurz sagen, dass ich weit weniger Angst vor der KI habe als vor dem Streamen; denn das ist das, was die Musik nachhaltiger geschädigt hat, als die KI. Ich habe jedenfalls keine Angst davor, dass die KI wirklich meinen Job als Musiker übernimmt. Das glaube ich einfach nicht. Das wird auch sehr schnell wieder abnehmen, dass so viel KI-Musik hochgeladen wird, denn das langweilt die Leute einfach. Ich behaupte einfach, dass ich der Sache nicht auf den Leim gehen würde – man hört das einfach sofort. Die werden zwar immer besser und perfekter – aber Perfektion ist völlig uninteressant.“
„Minus The Magic“ von Get Well Soon erscheint auf Scarlet Beast/Recordjet/edel.




