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Inzwischen ist es längst kein Geheimnis mehr: Seit weit über drei Jahrzehnten ist Simon Joyner nun schon einer der stillen Giganten der US-amerikanischen Singer/Songwriter-Szene. Unbeirrt hat der in Omaha, Nebraska, heimische Musiker in all diesen Jahren seinen eigenen Weg verfolgt und sich nie von der Aussicht auf schnellen Erfolg blenden lassen. Sein künstlerisches Tun, das merkt man praktisch jeder Note an, die er singt und spielt, ist für ihn eine Lebensaufgabe. Sein sagenhaft gutes neues Album, „Tough Love“, unterstreicht das einmal mehr eindrucksvoll. Klanglich facettenreicher und bandorientierter als seine letzten Platten, wirkt sein inzwischen 19. Studiowerk wie die Essenz all dessen, was ihn seit den frühen 90ern einzigartig macht. Mit radikaler Ehrlichkeit, literarischer Bildsprache und der Fähigkeit, selbst in persönlichen Rückschlägen universelle Schönheit zu finden, ist so ein Album entstanden, das unter die Haut geht.
Simon Joyners letztes, vor 18 Monaten erschienenes Album „Coyote Butterfly“ war von emotionaler Trauerarbeit geprägt. Der Tod seines Sohnes Owen wirkt auch auf „Tough Love“ nach, allerdings geht die Platte weit über reine Trauerbewältigung hinaus. Stattdessen untersucht Joyner die Idee der titelgebenden tough love in verschiedenen Beziehungsgefügen – romantisch, familiär, gesellschaftlich und politisch. Vor dem Hintergrund persönlicher Krisen und des Niedergangs des amerikanischen Traumes ist dabei mehr als eine klassische Songsammlung entstanden. Bisweilen fühlt sich „Tough Love“ an wie ein ausführlicher innerer Monolog eines Mannes, der versucht, die Risse seiner Existenz zu vermessen, wenn er sich Trauer und Verlust durch die Augen der Charaktere widmet, die sein Songwriting so lebendig machen.
Eingespielt mit seinem langjährigen Kollaborateur Michael Krassner sowie mit Mychal Marasco und den Dailey Brüdern Caleb und Micah, bewegt sich Joyner auf „Tough Love“ musikalisch zwischen brüchigem Folk, Lo-Fi-Ästhetik und experimentellem Rock. Die akustischen Gitarren wirken oft roh und ungeschliffen, doch gerade in dieser Fragilität liegt ihre Kraft. Immer wieder brechen sich elektrische Gitarren, geisterhafte Synthesizer oder hypnotische Grooves ihren Weg und vertreiben so das Gespenst der Nostalgie. Deutlicher als auf seinen letzten Werken spürt man auf „Tough Love“ auch den Einfluss von Leonard Cohen, Bob Dylan oder The Velvet Underground – in der Eröffnungsnummer „Annelie“ wird sogar „Pale Blue Eyes“ zitiert -, doch Joyner kopiert nie, er transformiert.
Das wird gerade gegen Ende des Albums besonders deutlich. So findet sich „Anniversary Song“ mit mikrotonalen Synths und schemenhaften Stimmen fast schon auf avantgardistischem Terrain wieder, bevor das 20-minütige Spoken-Word-Titelstück, das in der Vinylausgabe der LP die letzte Seite allein für sich beansprucht, für ein monumentales Finale sorgt. Zwischen Lou Reeds „Street Hassle“ und Dylans „Sad-Eyed Lady Of The Lowlands“ tritt Joyner dabei ins fiktive Zwiegespräch mit seinem verstorbenen Sohn und konfrontiert sich und sein Publikum mit Gefühlen der Schuld, des Versagens und des Überlebensschmerzes. Von unerträglicher Düsterkeit tastet sich Joyner dabei vorsichtig an den Punkt heran, an dem er sich seine Fehler selbst vergeben kann, und zeigt so auf, dass existenzielle Verzweiflung gleichzeitig zerstörerisch und tröstlich sein kann.
Doch nicht nur wegen des ausufernden Schlussstücks ist „Tough Love“ ein Doppelalbum alter Schule, das bisweilen etwas Geduld von seinen Hörerinnen und Hörern fordert, aber gerade deshalb länger nachhallt als die mundgerechte Oberflächlichkeit, die heute längst auch das Singer/Songwriter-Metier ergriffen hat. Statt durch griffige Antworten auf schwierige Fragen glänzt das Album mit echten Gefühlen und bemerkenswerter Tiefgründigkeit. So dürfen die Songs durchaus einmal sperrig und emotional überwältigend sein, denn genau darin liegt ihre Größe.
Im Gaesteliste.de-Interview spricht Simon Joyner über den besonderen Reiz des Songwritings, seinen Weg zurück zu fiktiven Geschichten nach dem betont autobiografischen „Coyote Butterfly“-Album, das Lagerfeuer als künstlerische Messlatte und sein Talent als Tischtennis-Spieler.
GL.de: Simon, im Rückblick auf die mehr als 30 Jahre seit deinen ersten Veröffentlichungen: Was macht dich besonders glücklich oder stolz?
Simon Joyner: Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, mehr als Erleichterung bei meiner Musik zu empfinden. Ich bin zukunftsorientiert und werde deshalb ziemlich unruhig, wenn es um Meilensteine oder Erfolge geht. Wenn man ein Album als ein einzelnes Gemälde betrachtet, habe ich mit diesem 19. Album kaum genug für meine erste Ausstellung zusammen. Ich habe also noch viel Arbeit vor mir, bevor ich anfangen kann, stolz auf mich zu sein!
GL.de: Was macht das Songwriting, die Kombination von Worten und Musik, zu einem solch guten kreativen Ventil für dich? Schließlich legen deine wortgewaltigen Songs nahe, dass du auch andere Wege des Schreibens hättest verfolgen können?
Simon Joyner: Immer, wenn ich versuche, etwas anderes zu schreiben, werden daraus am Ende doch Songs, sodass ich mich mittlerweile kaum noch mit anderen Schreibformen beschäftige. Lieder füllen wirklich sehr schön eine Lücke zwischen Poesie und Kurzgeschichten. Ich schätze die Einschränkungen eines Songs und wie sie einen Autor zwingen, präzise zu sein. Ich denke auch, dass Musik, weil sie ein populäres Medium ist, Autoren dazu zwingt, so originell wie möglich zu sein. Die Leute haben inzwischen alles gehört. Wenn du effektiv sein willst, musst du eine neue Art und Weise finden, altbekannte Dinge zu sagen, die für die Zuhörer wichtig sein könnten. Das sollte für alle Arten des Schreibens gelten, aber ich denke, es ist besonders wichtig im Songwriting, weil es dort so viel mehr Müll gibt, durch den man sich durchkämpfen muss.
GL.de: In unserem letzten Interview hast du erwähnt, dass du nach Owens Tod kein Interesse mehr daran hattest, Songs zu schreiben, bevor die Songs für „Coyote Butterfly“ Gestalt annahmen. Auch die neuen Lieder sind von dem Geschehen beeinflusst, haben aber oft einen weniger direkten Bezug. Wie kam es dazu?
Simon Joyner: Das Schreiben der autobiografischen Lieder für „Coyote Butterfly“ ermöglichte es mir, wieder andere Arten von Liedern zu schreiben. Das Problem war, dass ich überhaupt nicht an Owens Tod denken und mich meiner Trauer stellen wollte. Ich habe die Augen vor der Wahrheit verschlossen und habe als Mensch nach seinem Tod einfach nicht funktioniert. Songs zu schreiben war allerdings schon immer eine Möglichkeit, die Welt um mich herum und mein Leben darin zu verstehen, und ich wusste, dass ich über nichts würde schreiben können, bis ich über Owen schrieb. Eine Zeitlang war ich mir nicht sicher, ob ich jemals wieder schreiben würde. Ich wurde ziemlich krank, und das Geschehene zu ignorieren funktionierte nicht mehr. Also setzte ich mich hin, um über das zu schreiben, was in mir vorging. Es war eine Entscheidung, weiterzuleben, als ich die Songs für dieses Album schrieb.
„Coyote Butterfly“ zu machen war auch eine Zusammenarbeit mit meiner Frau Sara, eine Möglichkeit, gemeinsam zu trauern, statt jeder für sich allein. Sie machte die Fotos für das Album auf ihren täglichen Spaziergängen, die ein wichtiger Teil ihres eigenen Bewältigungsprozesses waren. Sie gestaltete das Layout und nahm einige der field recordings auf, die das Album einrahmten. Sie hat mich auch ermutigt, so ehrlich wie möglich zu sein und beim Schreiben dieser Songs so tief wie möglich zu gehen. Sie war meine Redakteurin. Das Album zu machen, erforderte also viel emotionale Arbeit, was mir dann das Gefühl gab, auch wieder über andere Dinge schreiben zu können.
GL.de: Auf „Coyote Butterfly“ hast du, wie gerade beschrieben, deine Gefühle auf sehr direkte, autobiografische Weise zum Ausdruck gebracht, was vielleicht nicht ganz neu, aber dennoch ungewöhnlich für dich war. Wie hat sich diese Erfahrung auf die neuen Songs auf „Tough Love“ abgefärbt?
Simon Joyner: Vielleicht bin ich mir etwas bewusster, wie sehr ich das Songwriting als Mittel nutze, um mein eigenes Leben zu verarbeiten. Ich habe das schon die ganze Zeit gemacht, aber durch „Coyote Butterfly“ wurde mir erst richtig klar, dass alles bis zu einem gewissen Grad ein Spiegel ist.
GL.de: Nach den nach innen gerichteten „Coyote Butterfly“-Songs scheinen diese neuen Songs das große Ganze hervorzuheben: eine Gemeinschaft von Menschen, die mit ihren eigenen Herausforderungen und Schwierigkeiten umgehen. Wie kam es zu diesem inhaltlichen roten Faden?
Simon Joyner: Ich mache zwischen zwei Platten immer mindestens ein Jahr Pause beim Songschreiben, und in dieser Zeit gibt es meistens viele Dinge zum Nachdenken und dann zum Schreiben. Zwischen „Coyote Butterfly“ und „Tough Love“ erlebte ich Paare, die sich getrennt hatten, eine Freundin vertraute mir an, dass sie von ihrem Mann misshandelt worden war, ich kannte jemanden, dessen Partner einen schlimmen Unfall hatte. Ich hörte anderen zu, die auf vielfältige Weise von ihren Geschwistern, ihren Eltern oder ihrem Leben frustriert waren. Das Land bewegte sich nach rechts, und diese Beziehung zwischen Bürger und Regierung ging mir auch jeden Tag durch den Kopf.
Als ich also mit dem Schreiben begann, drängte sich mir all dieses Material geradezu auf, und meine eigenen Beziehungen im Laufe meines Lebens flossen in die Geschichten ein. Meistens sind es nicht die Details der tatsächlichen Erfahrungen, die in den Songs vorkommen, sondern was die Handlungen bewirken und wie Menschen auf verschiedene Veränderungen reagieren. Manche Leute schreiben jeden Tag, und das ist wahrscheinlich eine gute Sache. Für mich ist die Zeit zwischen den Schreibzyklen der Moment, an dem ich mein Leben lebe und Informationen um mich herum aufnehme. Dann sitze ich einen Monat lang in Isolation und konzentriere mich aufs Schreiben, und die Songs spiegeln diese Zeit seit dem letzten Schreiben wider. Ich denke, deshalb haben die Alben jeweils eine eigene Identität.
GL.de: „Tough Love“ ist konzipiert wie ein Episodenfilm, denn es gibt mal mehr, mal weniger offensichtliche Verbindungen zwischen den Liedern, und tatsächlich hast in deinem Interview mit den englischen Kollegen von Uncut Sherwood Andersons ähnlich angelegten Kurzgeschichten-Zyklus „Winesburg, Ohio“ als Inspiration erwähnt. War die literarische Vorlage ein Werkzeug beim Schreiben oder ist dir die Verbindung erst im Nachhinein bewusst geworden?
Simon Joyner: „Winesburg, Ohio“ ist eines meiner Lieblingsbücher, und ich habe immer daran geglaubt, dass Alben so sein sollten, als wären sie eine Sammlung verwandter Lieder, ähnlich wie eine Kurzgeschichtensammlung, die Charaktere teilt oder eine Gemeinschaft oder Welt erschafft, in der man lebt. Für mich ist ein Album solch ein Zyklus, und daher ist die Reihenfolge und Gegenüberstellung der Songs auf einem Album wichtig, ebenso wie der thematische Faden, der sich durch eine Sammlung zieht. Es ist eine weitere Möglichkeit, jeder Platte eine eigene Identität zu geben.
GL.de: Dann gibt es noch den 20-minütigen Spoken-Word-Titeltrack. Wow! Was für ein fesselnder Song! Kannst du bitte etwas über die Entstehung dieses Liedes sagen, denn es klingt, als wäre es entweder in Echtzeit oder über drei Jahre hinweg geschrieben worden…
Simon Joyner: Ich sehe es als ein fehlendes Puzzlestück aus „Coyote Butterfly“. Deshalb steht das Lied auf der letzten Seite der LP für sich allein. Ich habe es eine Woche vor der Aufnahme des Songs und bis zum letzten Morgen der Aufnahmesession geschrieben. Wir haben das Lied am letzten Tag eingespielt. Ich hatte den Text geschrieben und hatte die Idee, eine Suite mit einem sich wiederholenden musikalischen Muster zu schaffen und zwischen den Abschnitten Zwischenspiele einzubauen, um am Ende jeder Passage etwas Luft zu haben.
Ähnlich wie bei Lou Reeds „Street Hassle“ ist jeder Abschnitt musikalisch eine Variation des ursprünglichen Musikabschnitts. Ich habe Caleb und Micah (Dailey) vorgeschlagen, ein Gitarrenriff als Hauptthema zu loopen, und das haben sie dann umgesetzt. Am Ende legten wir Percussion und andere Dinge über den Looping-Gitarrenteil. Textlich wollte ich, dass es wie ein Brief von Owen an mich klingt, in dem er mir all meine Fehler vorwerfen kann und nichts zurückhält.
Der letzte Abschnitt wiederum ist meine Antwort an Owen, die Erklärung, warum mir der Mut fehlte, ihn zu retten, als es wichtig war. Da ich in dem Lied durch die Figur des Owen eigentlich mit mir selbst ins Gericht gehe, war das eine Möglichkeit, diese geheimen Vorwürfe, die ich wie Steine in mir herumgetragen hatte, gezielter und direkter zu äußern, als ich es sonst gekonnt hätte, und mir dadurch auch die Möglichkeit zu geben, eine Art Erklärung anzubieten. Ich bin mir sicher, dass allen, die einen geliebten Menschen durch Suizid oder Sucht verloren haben, einige der Gefühle, mit denen ich kämpfe, vertraut sein werden. Wenn du dein Bedauern ehrlich artikulierst, kannst du dir vielleicht selbst vergeben.
Wenn die Leute es bis zum Ende des Songs schaffen: Es findet eine überraschende Transformation statt. Zuvor hatte mich der dunkle und hässliche Selbsthass gelähmt. Ich wusste, wenn ich alles rauslasse, kann ich wieder ehrlicher leben. Ich habe erkannt, dass es ein menschliches Versagen ist, jemanden so sehr zu lieben und wegen dieser Liebe zu ängstlich zu werden.
GL.de: Letztes Jahr hast du eine Single und eine EP mit Coverversionen von Bob Dylan und Lou Reed veröffentlicht, und gerade der Einfluss des Letzteren ist auf dem neuen Album so spürbar wie seit „Step Into The Earthquake“ von 2018 nicht mehr. Haben dich die Cover in diese Richtung geschubst oder entstanden die Cover, weil du für „Tough Love“ schon in diesen Bahnen gedacht hast?
Simon Joyner: Ich finde, Doppelalben sind am besten, wenn sie ein wenig chaotisch sind. Von Natur aus sind sie nicht wirklich geradlinig, oder? Deshalb habe ich tatsächlich darüber nachgedacht, wie wir das betonen könnten. Wir hatten ein paar dieser Lou-und-Bob-Cover aufgenommen, bevor wir das Album eingespielt haben, aber die meisten wurden erst nach der Aufnahme des Albums gemacht. Als Michael Krassner und ich die Aufnahmestrategie entwickelten, war unsere erste Inspiration das dritte Velvet-Underground-Album und Favoriten aus Robert Wyatts Diskografie. Wir wollten eine kleine, lockere Band und so viel wie möglich selbst machen. Die Dailey Brothers sind in vielen verschiedenen Projekten dabei, die ich liebe, und deshalb war ich begeistert, dass sie Interesse hatten, Teil der Gruppe für dieses Album zu sein. Myke Marasco war jahrelang mit mir auf Tour, hatte aber nur auf einer meiner Platten gespielt, auf der Zusammenarbeit mit Dennis Callaci namens „New Secrets“. Aber wir waren alle gute Freunde und alle an denselben Musikrichtungen interessiert, sodass die Chemie einfach stimmte, und das ist für mich das, was Musik hörenswert macht.
GL.de: Ist die verspielte, fast experimentelle Natur einiger Arrangements deine Art, musikalisch herauszuzoomen und den engen Fokus des vorherigen Albums loszulassen, oder wie kam das zustande?
Simon Joyner: Ich sage einfach mal „ja“. Ich denke, das ist ziemlich zutreffend.
GL.de: Ich fand die Beschreibung in den Pressematerialien zum Album, dass deine Muster sich nicht wiederholen, sondern transformieren, eine wirklich treffende Beschreibung, um das Wesen deiner Arbeit einzufangen. Ist das etwas, das mittlerweile ganz natürlich passiert und du so dem Prozess einfach vertrauen kannst?
Simon Joyner: Ich denke, jedes Mal, wenn ich ein Album mache, bin ich eine so andere Person, dass es nur natürlich ist, diese Veränderungen widerzuspiegeln. Ich versuche auch immer, ein besserer Songwriter, Sänger und Gitarrist zu werden, ob du es glaubst oder nicht! Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich als Gitarrist oder Sänger wirklich verbessern kann, aber ich arbeite dran. Ich arbeite vor allem daran, ein besserer Schreiber zu werden und zu vermeiden, zu viele der gleichen Bilder zu verwenden oder mich auf Tricks zu verlassen, von denen ich weiß, dass ich sie beherrsche. Es geht darum, hungrig zu bleiben, schätze ich.
Es gibt ein paar Songs von anderen Songwritern, die in meinem Kopf herumschwirren, an denen ich meine Songs messe. Wenn ich glaube, ich würde mich nicht trauen, meinen Song zu spielen, nachdem einer dieser Songs am Lagerfeuer gespielt wurde, werfe ich ihn weg. Ich werde nicht erwähnen, welche Lieder, aber es genügt zu sagen, dass ich viele Songs wegwerfen muss. Hoffentlich bekommt man so Lieder, die beim Sitzen am Lagerfeuer bestehen können, anstatt nur als Anzündholz fürs Lagerfeuer zu taugen.
GL.de: Apropos Transformation: Die bereits erwähnten Brüder Caleb und Micah Dailey tauchen zum ersten Mal auf einem deiner Alben auf. Welchen Input hast du dir von ihnen erhofft?
Simon Joyner: Keiner von uns ist ein ausgebildeter Musiker. Michael Krassner ist Autodidakt, spielt aber eine tolle Gitarre und ein gutes Klavier, wobei beim Spielen mehr Gefühl als Theorie dahintersteckt. Das ist im Allgemeinen die Art von Musikern, mit denen ich gerne arbeite, und Micah und Caleb Dailey sowie Mychal Marasco sind genauso. Für mich gilt das Gleiche. Ich kann kaum Gitarre spielen! Ich hatte Caleb und Micah einige Jahre zuvor in Lonna Kelleys wunderbarer Band gesehen und hatte beschlossen, eines Tages mit ihnen zu arbeiten.
Micah verfügt über ein Setup, das es ihm ermöglicht, Loops zu erstellen und Samples in Echtzeit aufzunehmen, während er Background-up singt und Gitarre sowie Keyboard spielt. Das alles passiert live auf dem Album. Er und Caleb stammen aus einer Geschwisterfamilie, die für ihren Chorgesang bekannt ist. Sie haben dieses Blutharmonie-Ding wie die Everly- oder Louvin Brothers. Das ist ein guter Gegenpol zu meinem Blechbariton.
GL.de: Kürzlich bist du, sogar in Bandbesetzung, durch Australien getourt. Was steht nach all den Jahren jetzt noch auf der bucket list in puncto musikalische Ambitionen?
Simon Joyner: Ich möchte gern „Visions Of Johanna“ schreiben, aber jemand, der gerade Geburtstag hatte, hat das schon getan. Ich glaube nicht wirklich an bucket lists. Ich möchte Dinge immer wieder machen, denn die besten Dinge sind es wert, wiederholt zu werden, wie Warhol sagte. Als ich in der High School und im College Fußball spielte, studierte ich Literatur und kreatives Schreiben. Ich wollte einen Weg finden, um das gleiche Gefühl heraufzubeschwören, das ich beim Fußballspielen hatte, aber durch intellektuelle und künstlerische Bestrebungen. Es stellte sich heraus, dass das eigentlich gar nicht möglich ist!
Aber in einer Band zu spielen ist das, was der Ekstase, die ich beim Fußballspielen empfand, am nächsten kommt. Es beschäftigt Körper und Geist, sodass es eine schöne Balance gibt. Aber manchmal wache ich immer noch aus einem Fußballtraum auf und denke, ich würde alle Alben hergeben für ein einziges Kopfballtor nach einer Ecke. Ich weiß, das ist eine abschweifende Antwort und ich habe den Faden verloren… Ich habe keine bucket list, denn ich jage immer noch dem gleichen Gefühl hinterher, das mich einst angetrieben hat, und ich erwarte nicht, es je zu erreichen, also habe ich leider noch nichts von der Liste gestrichen.
GL.de: Zum Schluss noch eine augenzwinkernde Frage: Auf der Website deines Plattenladens Grapefruit steht amüsanterweise, dass man einen Rabatt auf seine Platten bekommen kann, wenn man dich im Tischtennis schlagen kann. Das wirft natürlich die Frage auf: Bist du wirklich so gut im Tischtennis oder stört es dich einfach nicht, Rabatt geben zu müssen?
Simon Joyner: Tischtennis ist eines meiner vielen nutzlosen Talente! In meiner Jugend habe ich einige Sommer in einer reinen Jungenanstalt für jugendliche Delinquenten verbracht, wo ich Tischtennis und Tischfußball gemeistert habe, um Jahrzehnte später übermütigen Plattensammlern 15 % Rabatt verwehren zu können. Schick Chalamet zu mir und ich verkaufe ihm ein paar Dylan-Platten zum vollen Preis!
„Tough Love“ von Simon Joyner erscheint bei BB*Island/Cargo.




