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Sie hat ein neues Album, das wie sie heißt. Und das ganz schön gut geworden ist. „Christin Nichols“ ist ein spannendes und schönes, ein persönliches und auch politisches Album. Ein Album voller Kraft und Energie und mit ganz viel Leidenschaft und Überzeugung. Man könnte es selbstbewusst nennen. Oder auch: Pop mit Rückgrat. Wir trafen die Sängerin in Hamburg in den Räumen ihrer Plattenfirma Play It Again Sam nach den ersten Shows der Tour. In wenigen Tagen ist Christin Nichols wieder unterwegs.
GL.de: Wie waren die ersten Konzerte?
Christin Nichols: Großartig. Ich habe eine fantastische Live-Band, die geilerweise aus meinen Freunden besteht. Das Publikum war toll und ich bin ganz glücklich und ganz beseelt.
GL.de: Bist du gerne auf der Bühne?
Christin Nichols: Ja, klar.
GL.de: Was magst du da am liebsten?
Christin Nichols: Ich mag es, mich mit den Leuten verbinden. Ich mag, das mitzubringen, was wir haben, nämlich die Musik und mich mit dem Publikum zu connecten.
GL.de: Du bist ja auch Schauspielerin, Synchronsprecherin. Hilft dir beim Livespielen?
Christin Nichols: Nö, das ist ein sehr unterschiedliches Handwerk. Ich sag immer, das ist Bäcker und Friseur, es sind Handwerker, aber die haben miteinander gar nichts zu tun.
GL.de: Gibt es denn etwas, was du von der Schauspielerei gerne mit auf der Bühne hättest oder andersrum?
Christin Nichols: Nee, nicht wirklich. Ich nehme grundsätzlich ja die Summe aller Erfahrungen aus meinem Leben und dem Berufsleben in die jeweiligen Sparten immer wieder mit. Aber ich kann nicht sagen, dass ich durch mein Schauspielstudium dies oder das in der Musik besser machen kann, auf keinen Fall.
GL.de: Wie bist du auf der Bühne?
Christin Nichols: Ich habe glaube ich relativ viel Energie. Ich habe wie gesagt eine tolle Liveband, mit der sich das sehr homogen anfühlt. Und ich habe in den allermeisten Teilen eine große Freude in mir, wenn ich auf der Bühne bin, das finde ich schön. Es fühlt sich immer ein bisschen an wie Geburtstag feiern und alle sind gekommen – aber jeder hat Geburtstag.
GL.de: Und wie bereitest du dich abgesehen von Textlernen und Instrumente auf so einen Auftritt vor?
Christin Nichols: Ich mach mich stimmlich und körperlich warm, ich dehne mich, weil das schon einfach wie Sport ist, so anderthalb Stunden auf der Bühne zu sein. Ich mache auch meine Finger warm, damit ich Gitarre gut spielen. Und dann male ich mir ein Gesicht, zieh mir was Enges an und hohe Schuhe. Und manchmal muss ich mir noch die Finger abkleben, weil ich so gehackt hab, dass meine Finger bluten. Und ansonsten, manchmal, wenn ich ganz schräg bin, trink ich ein Glas Weißwein davor.
GL.de: Auf der einen Seite ist deine Musik super kraftvoll, intensiv, energetisch, aber trotzdem klingt sie manchmal verletzlich und du singst über sehr persönliche Sachen, die vielleicht auch nicht nur voller Euphorie sind, sondern auch etwas nachdenklicher. Und dann guckst du in 500 Leute, die einfach strahlen und feiern und du singst diese Lieder.
Christin Nichols: Die aufmerksam an mir dran sind, die zuhören, die sich verstanden fühlen. Gerade bei leiseren Tönen hat man immer so einen unbewussten Kontakt und Verbundenheit miteinander. Zum Beispiel beim Song „Alles ist falsch“ sehe ich ganz oft in Gesichter. Natürlich werde ich dann nicht angestrahlt, weil das kein Partysong ist, aber die Leute haben trotzdem ein liebesvolles Lächeln im Gesicht, weil die sich vielleicht gesehen fühlen – und das Erlebnis ist dann ein schönes. Ein kollektives Erleben ist ja nicht immer nur Euphorie.
GL.de: Wenn du also die Lieder singst, dann fühlt sich das Lied weiterhin so an, wie es ursprünglich war, als du es geschrieben und aufgenommen hast?
Christin Nichols: Nicht unbedingt. Lieder verändern sich, Gefühle sind ja auch immer in Bewegung. Aber ich liebe es trotzdem, eben genau diese Songs zu spielen, weil sie kraftvoll sind, weil sie ein Ventil sind, weil mich das glücklich macht, das rauslassen zu können, mich dadurch verbinden zu können und dieser Intensität einen Raum zu geben.
GL.de: Fällt es dir schwer, deine Texte anderen Menschen zu zeigen.
Christin Nichols: Nein, gar nicht. Ich habe ein tolles Team, mit dem ich schon lange zusammenarbeite. Alle Songs, die ich mache, haben immer so eine gewisse Dialektik und eine innere Diskrepanz in sich, weil ich nicht nur happy Texte auf happy Musik und nicht nur traurig auf traurig mache. Und da ist es dann manchmal schon so, dass ich denke „Ich habe hier was, kann ich dir das zeigen? Es geht darum, dass irgendwie Frauen zusammenhalten sollen und das ist so ein ganz neues Ding“ und dann sagt aber meistens mein Team „Ey, ja klar, zeig her“ und dann ist es alles gut und dann bin ich auch gesehen, geliebt und gehalten und darf da zeigen, was ich habe. E s würde eher kritisches Feedback geben, wenn Sachen vielleicht musikalisch nicht richtig aufgehen, aber inhaltlich habe ich ja die komplette Freiheit mit meinen Sachen zu machen, was ich möchte.
GL.de: Aber hörst du gerne auf andere?
Christin Nichols: Ich schreibe die Songs, ich produziere die Songs, ich entwickle die Songs und ich habe prima Leute, die mir prima zuarbeiten und ich finde, ich höre gerne auch auf andere. Ich finde Ego ist zweitrangig, die beste Idee gewinnt. Aber am Ende und auch am Anfang führe ich schon die Schminke zusammen.
GL.de: Wie schreibst du denn?
Christin Nichols: Ich bin ja total bauch- und herzlastig und überhaupt nicht kopflastig. Ich wünsche manchmal, ich wäre es mehr. Ich habe ein bestimmtes Gefühl, wenn mir Menschen begegnen, wenn ich auch vielleicht mal eine Tonalität höre, einen Basslauf höre, einen Song höre, irgendwo, wo ich das Gefühl habe, das fühlt sich hier ganz aufregend an, dann versuche ich dieses Gefühl in Wörter und in Melodien zu packen. Und das schreibe ich mir dann auf, schreibe es mir auf und kommen Ideen zusammen und dann wird aus einem Vibe irgendwann eben ein wirkliches Lied.
GL.de: Und dann gehst du an in die Gitarre oder ans Klavier und fängst du an, loszuschreiben?
Christin Nichols: Genau, meistens an die Gitarre oder ich trage ein paar Sachen zusammen, die ich auch schon irgendwie auf dem Laptop zusammengeschraubt habe. Und dann nehme ich das und gehe damit ins Studio und sage „So Leute, das habe ich. Das ziehen wir jetzt zusammen.“
GL.de: Wenn du am Schreiben bist und am Entwickeln und am Denken, denkst du da schon daran bzw. wie früh denkst du daran, wie das dann auch live funktionieren könnte? Oder ist das erst Song fertig und dein nächster Schritt ist dann live und wie wir das machen, das schauen wir dann?
Christin Nichols: Immer, immer. Ich glaube, einige Leute würden sich sicher wünschen, dass ich ein bisschen mehr in Richtung Wirkung gehe oder wie Dinge im Außen funktionieren, aber das kann ich überhaupt nicht und so bin ich gar nicht. Ich mache einfach wirklich aus purem Herzen das, was ich fühle, wie ich mich fühle, was ich mir wünsche, was ich selber hören will und dann klappt es aber meistens in der Umsetzung. Das sind ja meine Sachen und die spiele ich halt auch so live so und wenn wir dafür drei Wochen fünf Giraffen und eine geflutete Bühne und eine Tuba brauchen, dann besorg ich das irgendwie.
GL.de: Wird das Songwriting mit der Zeit und von Platte zu Platte einfacher?
Christin Nichols: Nicht unbedingt, weil ja über die Jahre hinweg zwar der gleiche Mensch bin, aber ich entwickle mich auch weiter und das Leben passiert ja auch, mir passieren Dinge, ich bin die Summe meiner Erfahrung plus dem, was ich eh schon mitbringe. Und dadurch gibt es immer wieder neue Themen, die ich aufnehme, verwerte, verarbeite. Manche fallen mir leicht, wo ich denke, na klar, zack, „Alles ist falsch“ hab ich in 10 Minuten geschrieben. Andere Themen fallen mir schwerer, aber das ist Teil des Prozesses und das ist ja eigentlich auch der wunderschöne Prozess.
GL.de: Legst du bewusst deine Musik auf und hörst du die an?
Christin Nichols: Das nicht, aber ich habe auf meinen Spotify-Playlisten auch Songs von mir und wenn Freunde da sind, läuft dann auch mal irgendwann ein Song von mir. Ich mag meine Sachen ja auch gerne. Und ich liebe es, die Sachen vor allem live zu spielen, es ist immer aufregend.
GL.de: Wie hörst du denn allgemein Musik?
Christin Nichols: Ich lasse mir Sachen gerne empfehlen und ich entdecke gerne, ich höre auch gerne zu, wenn irgendwie Freunde oder Freundinnen mir sagen „Ey, neue Platte, dies, das, kennst du?“ Und ich denke so „Hä?“ Und dann höre ich mir das an. Ich lese auch gerne Musikmagazine, ich interessiere mich total für Musik. Ich gehe auch gerne auf random Konzerte. Also wenn ich denke, „Kenne ich nicht, nie gehört“ dann geh ich da auch mal hin, auch so kleine Bands vor allem, die ich total gerne unterstütze. Ich kauf auch meistens fast immer vom Support Act ein T-Shirt oder irgendwas. Ich guck mir die immer an, denn sonst kann man so viel verpassen. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass du es nicht magst. Dann hast du eine halbe Stunde da gestanden und ein Bier getrunken.
GL.de: Achtest du als Musikerin auf Musik, auf technische Feinheiten, dass die Texte rund sind, oder kannst du dich einfach hinsetzen und die Musik genießen?
Christin Nichols: Beides. Ich muss, wenn ich Musik höre, Musik bewusst hören. Ich kann morgens kein Radio hören und auch im Auto nicht, weil so bald Musik losgeht, geht bei mir auch ein kreativer Prozess ab. Es macht sofort was bei mir. Ich hör dann sofort „Aha, guck mal da, aha, oh das ist ja toll.“ Ich habe sofort eine seelische Interaktion mit der Musik. Und das klingt jetzt total arty-farty, aber das ist es gar nicht. Es ist einfach so viele Jahre mein Beruf und mein Handwerk, da gehen bei mir sofort die die Kanäle auf. Und wenn ich mich dann wirklich entschließe, Musik zu hören, zum Beispiel auf Konzerten oder an einem Abend mit Freunden oder auch alleine mit einer Platte, dann mach ich das total bewusst, weil ich möchte dieser Musik auch gerecht werden und möchte mich dieser Musik auch zur Verfügung stellen.
GL.de: Stichwort professionell. Wenn du auf der Bühne stehst, wie wichtig ist dir da denn, dass der Sound on point ist, dass das Licht perfekt ist, dass die Band tight spielt?
Christin Nichols: Ich bin ja nicht mehr 13 und ich mache das ja beruflich. Mir ist das natürlich irre wichtig, dass der Sound gut ist und es wird auch vorher richtig viel geprobt, die Band probt, die Band ist tight und Gott sei Dank passen wir sehr, sehr gut zusammen. Alle sind professionell und haben immer einen professionellen MusikerInnen-Anspruch an das, was wir da machen und möchten einfach, dass Leute, die 30 Eure für eine Karte bezahlen, das Bestmögliche bekommen, was sie für ihr Geld kriegen können, nachdem sie einen harten Arbeitstag hatten, vielleicht eine Scheiß-Woche hatten und sich lange gefreut haben. Da ist es meine verdammte Pflicht zu sagen, ich gebe hier 500 Prozent und zwar wir alle.
„Christin Nichols“ von Christin Nichols erscheint auf Play It Again Sam.




