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Als die australische Songwriterin Rowena Wise 2025 auf dem Reeperbahn Festival beim legendären Aussie-Barbecue aufschlug, um die musikalisch brillanten Indie-Rock-Songs ihres Debüt-Albums „Senseless Acts Of Beauty“ mit zwei gefeierten Gigs vorzustellen, tat sie das mit einer Hingabe und Intensität, dass man sich unweigerlich Sorgen um ihr Seelenheil machen musste, denn in den meisten der Songs verarbeitete sie ihr komplexes persönliches Leben und die Nachwehen einer in die Brüche gegangenen Beziehung, die Ro (wie sie im Allgemeinen gerufen wird) auf der Bühne musikalisch mit viel Empathie offensichtlich Song für Song aufs Neue durchlebte. Nun liegt mit „Bad Things Feel Good*“ ihr zweites Album vor – und obwohl dieses emotional und atmosphärisch nicht ganz so mehr desolat ausgefallen ist wie das erste Werk, geht es doch nicht wirklich fröhlich zu.
Mit welchem Anspruch ist Rowena Wise denn an das neue Album herangegangen?
„Immer dann, wenn ich mich mit Musik, die ich liebe, identifizieren kann, dann hat das mit der Authentizität der vermittelten Emotionen zu tun“, führt Rowena aus, „wenn ich die Musik des Künstlers, den ich gerade höre, aus meiner inneren Welt betrachte, dann macht eben diese innere Welt Sinn und erscheint geradezu logisch. Man findet auf diese Weise zu sich selbst. Ich möchte gerne annehmen, dass meine Musik dasselbe Gefühl dann auch bei anderen Menschen bewirkt. Es ist aber irgendwie komisch, so über Musik zu sprechen. Das ist ein bisschen so, wie Architektur zu tanzen.“
Nun ja – Musik muss ja auch nicht groß erklärt werden.
„Musik greift auf so viele Regionen des Hirns auf einer physiologischen Ebene zu, dass es mich nicht erstaunt, dass alles irgendwie Sinn macht, wenn man Musik hört. Ich denke, dass Musik eines der wenigen magischen Dinge ist, die wir überhaupt noch in der Welt haben, weil Musik Grenzen so unmittelbar überwindet – geographisch wie auch demographisch. Schon seit ich acht Jahre alt war, bin ich mit meiner Familie auf der ganzen Welt herumgereist und wir haben zusammen Musik gespielt – aus einem großen, vielfältigem Repertoire von Folk-Musik. Es ist dann schon irgendwie erstaunlich zu beobachten, wie Musik Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem ganzen Raum zur selben Zeit zusammenbringen kann. Das ist so nah an der Spiritualität, wie es nur geht. Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich als Teil eines größeren Ganzen – als Teil des Universums – und alle im Raum spüren das Gleiche.“
Musikalisch ist das neue Album ja rauer und ungeschliffener als das Debüt ausgefallen. Das liegt daran, dass Rowena das Material zusammen mit ihren Musikern – inklusive der Vocals – live einspielte. Wie liefen die Aufnahmesessions denn ab? Denn es ging ja darum, das Material an nur drei Tagen unter Dach und Fach zu bringen. Gab es da Raum, nach Referenzen zu suchen?
„Was die Produktion betrifft, so habe ich mich mit meinem Produzenten Rob Muinos (der auch schon mit Julia Jacklin zusammenarbeitete) und unseren Gitarren hingesetzt und wir haben herumprobiert und gegebenenfalls alles Überflüssige aus den Songs entfernt“, führt Rowena aus, „wenn der Song als solcher dann alleine mit der Gitarre funktioniert hat, dann haben wir die Band ins Spiel gebracht und gejammt. Andere Musik haben wir dann gar nicht gehört. Erst beim Mix – etwa wenn es darum ging, Bassfrequenzen auszupegeln und Höhen anzupassen, haben wir nach Referenzen gesucht. Das ist aber dennoch eine gute Frage, mit der ich mich noch beschäftigen sollte, denn ich bin mir sicher, dass es da unbewusst ganz schön viele Inspirationen gab.“
Auf dem Album wendet sich Rowena als Erzählerin oft in einem konversationalen Stil an andere. Geht es dabei auch darum, Themen anzusprechen, die auch sie selbst betreffen?
„Ja – total“, gibt Rowena zu, „es gibt da Songs, die zunächst von den Geschichten anderer erzählen. Die Art, in der sie sich aber am Ende präsentierten, führte dazu, dass ich realisierte, dass ich die Songs auch über mich selbst geschrieben hatte. Einige der Songs handeln von der Furcht, von der Scham, der Verletzlichkeit, dem übertriebenen Wunsch, außergewöhnlich zu sein und zu versuchen, bis zum Äußersten das Beste aus mir herausholen – selbst wenn ich dadurch zusammenbrechen und wieder ich sein würde.“
Wie schreibt man denn Songs über so ernste und auch schwer greifbare Themen?
„Wenn ich Songs schreibe, dann fühlt sich das an, als säße ich in einem dunklen Raum ohne Licht und versuche, meine Umgebung zu ertasten. Meine Hand könnte alles berühren – aber die Herausforderung dabei ist, dass ich es so schwierig finde, einen Song zu formen, der an einen Ort oder eine Zeit gebunden ist. Ich brauche also ein starkes Bild in meinem Kopf, um das herum ich einen Song aufbauen kann. Und da werde ich dann schnell ungeduldig mit mir selbst. Ich brauche viel Zeit, Texte zu schreiben, denn ich will so viel wie möglich mit so wenig Worten ausdrücken. Da kommt dann immer so eine Art Analysen-Lähmung ins Spiel, wenn ich zu stark darauf dränge. Heutzutage bin ich aber sehr fleißig. Ich setze mir einen Rahmen für 90 Minuten – und wenn ich es dann nicht innerhalb dieses Zeitrahmens schaffe, lege ich es beiseite und mache später weiter.“
Wir müssen aber noch auf den Titel und den Titeltrack „Bad Things Feel Good*“ zu sprechen kommen. Was bedeutet denn das Sternchen im Namen?
„Also ursprünglich war das ohne Sternchen“, räumt Rowena ein, „aber ein guter Freund – dem ich sehr vertraue – meinte dann, dass der Titel ohne das Sternchen ein bisschen zu offensichtlich gewesen wäre – so als wolle ich eine bestimmte Botschaft erzwingen. Das Sternchen deutet eine Fußnote an – die den Titel wieder relativieren könnte – dass also nicht alle schlechten Dinge wirklich gut sind. Diese Fußnote gibt es aber ja nirgends – und deswegen bleibt das ein bisschen offen; was ich mag – es ist halt eine freche Ergänzung.“
In dem Song geht es ja darum, menschliche Schwächen und Laster anzuerkennen und als gegeben hinzunehmen. Schlechte Dinge – wie eben Schwächen und Laster – können sich ja auch gut anfühlen – etwa im Sinne einer „Guilty Pleasure“.
„Ja, wie eine Guilty Pleasure“, stimmt Rowena zu, „es ist wichtig, Guilty Pleasures als Teil dessen, was du bist, anzunehmen. Es mag schmerzlich sein, das zu akzeptieren, aber es geht auch um die Erkenntnis, dass der Schmerz der Veränderung oder der Schmerz des Wachsens für viele Leute – wie auch für mich – notwendig ist.“
Rowena mag es ja offensichtlich auch unangenehme Themen in ihren Songs anzusprechen. Was hat sie denn dadurch gelernt? Gibt es da eine Erkenntnis oder eine Auflösung?
„Nein“, meint sie bestimmt, „jedenfalls nicht vollständig. Ich denke schon, dass der Prozess, diese Songs zu erschaffen, für mich kathartisch war. In dem Song ‚Sum Of Two‘ geht es etwa darum, innezuhalten und zu pausieren und die Realität so zu betrachten, wie sie nun mal ist. Nämlich die Ruhe vor der Ehrlichkeit – oder die Ruhe vor dem Schmerz. Es ist sehr schwierig, darüber zu sprechen, aber ich denke, dass ich diesen Song schrieb, bevor ich in der Realität ehrlich genug war, mir meine Gefühle einzugestehen. Speziell bei diesem Song habe ich erst, nachdem ich ihn geschrieben hatte, realisiert, wie ich mich gefühlt hatte und wie ehrlich ich mit der eigenen Person gewesen war. Oder nimm den Song ‚Unlearning Of Love‘ – der wird mir immer ein Rätsel bleiben, denn der beantwortet nun gar keine Fragen. Er ist nur Ausdruck davon, verschiedene Aspekte der Liebe und verschiedene Arten, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten, kennenzulernen, die man selbst nicht erwartet hätte. Beispielsweise sich unerwartet in einen Freund zu verlieben – und dann seine Sicht auf diese Sache kalibrieren zu müssen. Dafür muss man sich selbst zerreißen und analysieren, um Platz für diese Erkenntnisse zu schaffen. Deswegen ist das Outro dieses Stückes auch ziemlich intensiv. Das hört sich jetzt ziemlich destruktiv an – obwohl der Akt des Verlernens und des Erlernens von Verhaltensweisen am Ende ja Wachstum bedeutet, auch wenn der Prozess selbst schmerzlich ist.“
Wo sieht Rowena die Funktion ihrer Musik – für sich selbst?
„Musik ist in der Lage, ein wenig Abstand zwischen dir und deiner verwirrenden emotionalen inneren Welt zu erschaffen und eine gewisse Abstraktion zu ermöglichen. Musik kann dabei helfen, Dinge zu betrachten und zu verarbeiten. Sie ist allerdings definitiv nicht in der Lage, etwas wirklich lösen zu können. Dafür braucht es andere Dinge: Therapien, Freunde, Medikamente – oder gutes Essen.“
Rowena muss selbst lachen, als sie das zeigt – was dann aber auch belegt, dass sie als Mensch die wirklich schwierigen Themen in ihrer Musik hinter sich lassen – oder doch zumindest verarbeiten – kann. Da wären wir dann wieder beim Titel des Albums und dem Sternchen darin, das alles vorher Gesagte wieder relativiert. Dinge zu hinterfragen und dabei auch unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren, liegt zweifelsohne in der Natur von Rowena Wise.
„Bad Things Feel Good*“ von Rowena Wise erscheint 22Twenty/Beloved Records.




