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Lesley Mok gehört seit Jahren zu den spannendsten Stimmen der so ungemein lebendigen New Yorker Jazz- und Improv-Szene. Das bewies das vor drei Jahren veröffentlichte und mit dem deutschen Jazz-Preis ausgezeichnete Ensemble-Werk „The Living Collection“ ebenso wie jetzt das ganz allein eingespielte neue Album „Transient“. Darauf bricht Mok die Grenzen zwischen akustischer Improvisation und digitaler Klangarchitektur radikal auf und lässt akustische Schlagzeugimprovisationen mit komplexen elektronischen Texturen grenzenlos zusammenfließen.
Mit einem Schaffen, das Schlagzeug, Komposition und interdisziplinäre Kunst umfasst, gehört Lesley Mok (they/them) längst zu den faszinierendsten Vertreter*innen der zeitgenössischen Avantgarde. Beeinflusst von Free Jazz, Neuer Musik, afrokubanischer Rhythmik und feministischen Kunstpraktiken entstehen dabei immer wieder Werke, die Klang und Identität tiefgründig erforschen und dabei auf den unbeirrten Ausdruck der eigenen Persönlichkeit setzen.
„Ich denke, dass ich Musik mache, die sich sehr persönlich und authentisch anfühlt, und ich habe das Gefühl, dass ich in dieser Hinsicht nie Kompromisse eingegangen bin“, erklärt Mok beim Videocall mit Gaesteliste.de. „Ich bin stets offen für verschiedene Möglichkeiten und habe mich in unterschiedliche Situationen begeben, um mich selbst zu fragen, was bei mir Anklang findet.“
Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass die Musik und das Musikmachen mit der Zeit immer wichtiger für Mok geworden sind, bis sie nun gewissermaßen zugleich Lebensmittelpunkt und emotionaler Kompass sind:
„Ich glaube, im Vergleich zu früher ist die Musik nun viel stärker in mein Leben integriert, und zwar in einer Weise, dass es mittlerweile nicht mehr nur um das Musikmachen als Hobby geht. Es fühlt sich so an, als wäre es inzwischen fast schon ein Mittel für mich, Dinge zu verarbeiten und mein Leben zu meistern.“
Aufgewachsen in der kalifornischen Bay Area, zog Mok einst die Körperlichkeit und instinktive Art des Spielens zum Schlagzeug. Das Interesse am Jazz wurde allerdings eher durch einen glücklichen Zufall geweckt.
„Ich erinnere mich, wie ich mit dem Schlagzeugunterricht anfing: Ein gleichaltriger Schüler, der vor mir Unterricht hatte, war ein großer Jazzfan. Wir haben dann zusammen Jazz gehört, und ich war sofort von der Musik begeistert“, erzählt Mok. „Das war eine der ersten Musikrichtungen, die ich wirklich gemocht habe. Ich liebte einfach den Jazz, die Standards und den Jazz-Kanon. Damals wusste ich noch nicht viel über freie Improvisation. Erst nach dem Studium, als ich nach New York kam, begann ich, mich viel intensiver damit auseinanderzusetzen.“
Nicht zuletzt wohl auch wegen dieses Faibles für das Spontane und Improvisierte macht Mok keinen großen Unterschied zwischen den Auftritten und dem Komponieren.
„Für mich ist das ein und dasselbe“, bestätigt Mok. „Ich glaube, der Unterschied liegt für mich lediglich in der Dauer. Wenn man auf der Bühne steht, komponiert man in Echtzeit und muss im Moment reagieren. Wenn ich zu Hause komponiere, habe ich Zeit, jede Entscheidung zu verarbeiten und zu überdenken. Ich weiß, dass viele Musiker*innen über den mentalen Zustand sprechen, in dem sie sich beim Auftreten befinden, und darüber, dass sie sich vielleicht in einem Zustand der Katharsis befinden oder etwas loslassen wollen. Ich stelle fest, dass ich beim Auftreten sehr viel nachdenke und strategisch vorgehe, so als säße ich an meinem Schreibtisch und würde Musik schreiben. Ich versuche ständig, alle Möglichkeiten zu erkennen, in welche Richtung die Musik gehen könnte. Wenn es zum Beispiel 20 Minuten zuvor einen Moment im Set gab, der mir besonders interessant erschien, versuche ich vielleicht, darauf zurückzukommen und in Echtzeit über die Gesamtform des Auftritts nachzudenken. Deshalb glaube ich, dass ich beim Auftreten eine ähnliche Denkweise wie beim Komponieren habe.“
Auch wenn Moks Soloaktivitäten in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund gerückt sind, waren es in der Vergangenheit nicht zuletzt auch viele, viele Kollaborationen, die immer wieder aufhorchen ließen. Allein zwischen der Veröffentlichung von „The Living Collection“ und nun „Transient“ war Mok in Anna Webber’s Shimmer Wince zu hören, war an der Seite von Mary Halvorson, Tomeka Reid und Ingrid Laubrock Teil von Myra Melfords hochkarätig besetztem Fire-and-Water-Quintett, veröffentlichte gemeinsam mit Philip Golub ein Album als Dream Brigade, kollaborierte mit Camila Nebbia und tourte mit Marc Anthony und Florian Herzog als Vehicle/Passenger gleich mehrfach durch Deutschland. All diese Projekte werden Mok in der zweiten Jahreshälfte 2026 auch zurück nach Europa und Deutschland führen.
Dieser Vielseitigkeit zum Trotz setzt Mok bei der Arbeit im Bandkontext zumeist auf ein vergleichsweise traditionelles Drumkit und lässt sich nicht wie viele andere Drummer*innen der Improv-Welt dazu verleiten, ob des Einsatzes von allen möglichen (und unmöglichen) Percussion-Instrumenten das eigentliche Erkunden des klassischen Schlagzeug-Setups zu vergessen.
„Mein Setup variiert derzeit ziemlich stark, da ich viel solo spiele“, erklärt Mok. „Da habe ich ein komplettes elektronisches Setup mit Pedal, Computer und allem, was dazugehört. Bei Vehicle/Passenger ist es so, dass meine Bandkollegen Marc und Florian beide modulare Synthesizer spielen. Es gibt dort so viele Stimmen: Elektronik, Akustikbass, Saxofon, Poesie. Deshalb habe ich in dieser Band mehr in die Rolle am akustischen Schlagzeug hineingefunden. Das ist das, was ich meistens mache, wenn ich nicht solo auftrete.“
Mit dem auf dem Label American Dream Records erscheinenden neuen Album „Transient“ schlägt Mok nun ein betont persönlich gefärbtes neues Kapitel auf. Das Werk kombiniert akustische Schlagzeugimprovisationen mit digitaler Elektronik und Studiomanipulationen, um die bildhauerischen Qualitäten von Rhythmus, Textur und Dynamik auszuloten und dabei das Spannungsfeld von Melodie, Rhythmus, Resonanz und Ausklang zu erforschen. Dabei scheinen viele Einflüsse durch, die bislang in Moks Musik nicht wirklich eine tragende Rolle gespielt haben.
„Mit einigen der spezifischeren Einflüsse, wie Autechre, Robert Hood und vielem aus dem Techno- und Elektronikbereich habe ich mich besonders in den letzten Jahren intensiver beschäftigt“, verrät Mok. „Einige der anderen Einflüsse begleiten mich eigentlich schon eine Weile, und ich habe das Gefühl, dass sie durch den Einsatz von Elektronik zum Vorschein gekommen sind – zum Beispiel afrokubanische Musik, die ich nun schon seit etwa zehn Jahren höre und studiere. Ich glaube, manchmal spüre ich beim freien Spielen, dass diese Einflüsse da sind, vielleicht auf ziemlich abstrakte Weise. Ich denke, dass ich dank der Elektronik einen anderen Weg gefunden habe, diese Einflüsse auszudrücken, insbesondere bei dem ersten Track ‚Berserk‘, und dass ich – gerade wegen dieser Einflüsse – die rhythmische Präzision der Elektronik nutzen und die verschiedenen Drum-Parts, die ich gehört habe, wirklich programmieren konnte.“
Apropos Einflüsse: „Transient“ hat Mok im Gegensatz zum in zehnköpfiger Besetzung entstandenen Vorgänger „The Living Collection“ allein aufgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf, wie sich die Arbeit mit einem solch großen Ensemble auf das neue Solowerk niedergeschlagen hat.
„Das ist eine interessante Frage, denn ich betrachte dieses Soloalbum in gewisser Weise auch als Verkörperung des großen Ensembles“, sagt Mok. „Ich denke dabei an all die Möglichkeiten, wie ich Klavier, Blas- oder Streichinstrumente mit Percussion und Elektronik ausdrücken kann. Tatsächlich fußte ein großer Teil meiner Motivation, Elektronik einzubeziehen, auf dem Wunsch, melodisch, harmonisch und texturtechnisch präziser zu sein – auf eine Art und Weise, die mit rein akustischem Schlagzeug manchmal schwierig zu erreichen ist. Deshalb würde ich sagen, dass ‚The Living Collection‘ einen großen Einfluss auf die Entstehung des Soloalbums hatte und darauf, diese Art von Dissonanz, Komplexität und Dialog, die innerhalb eines großen Ensembles entstehen können, auch im Rahmen eines Solowerkes zu nutzen.“
Nicht zuletzt deshalb ist der Albumtitel „Transient“ mit Bedacht gewählt, wenngleich er erst am Ende des Prozesses entstand und nicht etwa als Leitlinie bei der Arbeit diente. Doch sollen die evokativen Songtitel vor allem an die Ursprünge der Tracks erinnern, oder dienen sie ein Stück weit auch dazu, das Publikum an die Hand zu nehmen und es in die richtige Stimmung zu versetzen?
„Es ist ein bisschen von beidem“, antwortet Mok. „Zum Beispiel ist ‚Berserk‘ der Titel eines Animes, den ich wirklich mag, und er ruft auch dieses Gefühl hervor, durchzudrehen. Es ist ein wirklich chaotischer Track, der sehr schnell ist. Andererseits ist ‚Williams Landing‘, die dritte Nummer, der Name der Straße, in der ich als Kind aufgewachsen bin. Für mich hatte dieser Track also eine ganz persönliche Bedeutung. ‚In The Funhouse‘ hat diese etwas schräge Basslinie und bewegt sich durch verschiedene elektronische, arpeggierte, bearbeitete Drum-Sounds – auf eine Art, die ein bisschen frech wirkt, aber auch diesen wirklich ernsten, choralartigen Moment hat. Deshalb wollte ich gerade für diesen Track einen Namen, der den Humor, den ich beim Produzieren empfunden habe, irgendwie zum Ausdruck bringt. Ich habe das Gefühl, dass die Titel dazu beitragen können, die Hörer*innen in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, sodass sie Verbindungen herstellen können, die ihnen sonst vielleicht entgangen wären.“
Auch für die Zukunft ist Mok voller Ideen. Mehr Solowerke stehen genauso auf der Wunschliste wie weitere Ensembleveröffentlichungen und die Zusammenarbeit mit bestimmten Musiker*innen. Außerdem dürfen es gerne auch Auftragsarbeiten für Film oder Tanz und überhaupt mehr interdisziplinäre Projekte sein. Dass es dafür nötig ist, in einen Dialog mit Regisseur*innen oder Choreograf*innen zu treten, macht den besonderen Reiz aus, wie Mok abschließend erklärt:
„Diese Art von Kollaboration finde ich wirklich interessant. Bei der Zusammenarbeit mit Tänzer*innen und vielleicht Bewegungskünstler*innen oder im Theater spricht man nicht wirklich dieselbe Fachsprache, aber dennoch versucht man, eine Welt zu erschaffen, die Sinn ergibt, zusammenhängend ist und eine eigene Logik hat. Ich habe schon einige Male mit wirklich großartigen Künstler*innen zusammengearbeitet – zum Beispiel mit Bewegungskünstler*innen -, bei denen man sich wirklich Gedanken darüber machen und ein Konzept entwickeln muss, was die Musik eigentlich bewirkt und worin der Sinn der Musik und der Bewegung besteht. Ich liebe es wirklich, Dinge auf dieser konzeptionellen Ebene zu erforschen.“
„Transient“ von Lesley Mok erscheint auf American Dream Records.




