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Lass es raus, lass es kreisen
Wie immer zu Pfingsten fand auch 2014 das Orange Blossom Special-Festival im Firmengarten des Indie-Labels Glitterhouse statt. Umbaupause auf der Bühne. Da erhebt sich eine Stimme auf dem Gelände, die irgendwie nach Tom Waits klang. Also keine Mantaplatte mit Bier, sondern hin zur Minibühne mitten im Publikum. Dort haben sich bereits mehr Leute versammelt als sonst üblich. Der raue Gesang stammt von einem Jungspund namens Henning May, der mit seinen Kölner Kumpels Christopher Annen (Gitarre) und Severin Kantereit (Schlagzeug) eine erstaunliche Entdeckung bedeuten. Texte zwischen WG-Chaos und wackeligen Liebesbeziehungen und nicht so glatt wie die Popsänger von Tim Bendzko bis Wincent Weiss. 2015 standen sie dann auf der Hauptbühne des OBS. Inzwischen spielen AnnenMayKantereit in den größten Hallen, in Hannover an zwei Abenden in der ausverkauften ZAG Arena vor jeweils 11.000 Menschen.
Für die Band scheint dieser märchenhafte Aufstieg nicht selbstverständlich zu sein. May erinnert sich an frühere Auftritte in Hannover, vom Wohnzimmer-artigen Miniclub Béi Chéz Heinz, über das Kulturzentrum Pavillon, die mittelgroße Stadionsporthalle bis in die Riesen-Arena. Doch im Grunde hat sich live nicht viel geändert. Keine vorproduzierten Videos, keine zuckenden Scheinwerferkegel. Sicher: Die nach vorn rund ins Publikum ragende Bühne weist mehrere Ebenen auf und Kameraleute filmen die Musiker bei ihrem Tun, was auf den schlichten Vorhang hinter der Bühne und die beiden seitlich angebrachten Bildflächen projiziert wird. Ein notwendiger Service für die, die weiter hinten sitzen.
May erscheint auf der Bühne, als sei er gerade dem Bett entstiegen. Kurze Jeans, die von Weitem einer Schlafanzughose ähneln, schlichtes T-Shirt, verwuschelte Haare. Zwischendurch schaut er staunend ins Publikum, atmet tief durch, als sei der Megaerfolg immer noch kaum fassbar. Eine Regenbogenfahne am Keyboard bleibt das einzige politische Statement. Das ist alles angenehm unprätentiös. Bei „21, 22, 23“ wirft er ein: „Und jetzt bin ich 34!“ Die Fans sind mit der Band älter geworden, die Texte schreiben das Buch ihres Lebens. Jedenfalls so ungefähr. Entstehende und vergehende Liebe in teilrenovierten Altbauwohnungen, der Zauber der Jugend, endlose Telefonate und ratloses Schweigen – und in „Vielleicht Vielleicht“ bereits die Hoffnung, dass die Beziehung für immer währt. Doch inzwischen darf es gern mal eine Auszeit sein: „Drei Tage am Meer, und ich weiß wieder, wer ich bin“. Doch AnnenMayKantereit sind Stadtmenschen, die in der zweiten der vier Zugaben, „Tommi“, unter Heimweh nach Köln leiden. Nachdem May die Ballade „Barfuß am Klavier“ (mit Schuhen am Keyboard) noch solo bestritten hat, gesellen sich Annen und Kantereit nun mit einem Kölsch in der Hand dazu. „Tommi“ ist ein Blick in die Zukunft: „Da, wo mer zosamme groß jeworde sin, da ziehen mer alle irgendwann wieder hin. Damit die Kinder, die mer krieje könn, alle in Kölle jebore sin“. Das Lied endet a cappella, die drei stehen vor dem Publikum, das mitsingt und die Arme schwingt, ein Meer menschlicher Wellen, die AnnenMayKantereit entgegenbrandet.
Auf den Abend eingestimmt hat zuvor Magda, die sich von Cello und Klavier begleiten lässt und selbst einmal zur Geige greift. Ihre chansonesken Popsongs changieren zwischen nachdenklicher Reflexion und aufgeräumter Fröhlichkeit wie in „Brich mich“, das sogar der Knef gut gestanden hätte. Die Lebensfreude der jungen Österreicherin ist ansteckend und wird angemessen bejubelt, bevor AnnenMayKantereit, ergänzt um Fabian Langer am E-Bass, mit „Marie“ einsteigen. „Lass es kreisen“ mit Bass-Intro und Sprechgesang wird folgen, natürlich auch „Oft gefragt“ und selbstverständlich „Pocahontas“. So energisch wie die Entschuldigung aus der Kehle drängt („Es tut mir leid, Pocahontas/Ich hoffe, du weißt das“), zweifelt man an der Zukunft dieser Beziehung. Wunderbar nostalgisch kommt „Als ich ein Kind war“ daher: „Als ich ein Kind war, gab’s kein Internet/Es gab keinen Bildschirm neben dem Bett/Das Telefon hatte ein Kabel/Und wenn ich Fernseh’n schau’n wollte, musste ich fragen“. Von Social Media und Gaming ganz zu schweigen.
In der zweiten Hälfte der eindreiviertelstündigen Show gesellen sich vier Bläser um den Trompeter Ferdinand Schwarz hinzu. „Jenny Jenny“ wird durch Kantereits perkussives Drumming vorangetrieben, dazu je ein geschmackvolles Saxofon- und Trompeten-Solo. Das Zutons-Cover „Valerie“ braucht es nicht, vor allem, wenn man an die großartigen Versionen von Amy Winehouse denkt. Unverzichtbar dagegen: „Ich geh heut nicht mehr tanzen“ mit Kantereits forderndem Techno-Beat im Refrain. Unmöglich, nicht doch noch aufzubrechen – in den Club um die Ecke. Und so beschließen AnnenMayKantereit den Abend mit „Ausgehen“.
Drei noch unveröffentlichte Stücke schleichen sich ein. Zu „Komm zu mir“, einem der Vorboten des geplanten Albums, begeben sich die drei in ein improvisiertes Aufnahmestudio am Bühnenrand mit Mini-Drumset und Sesseln. Ähnlich intim, wenn „Ozean“ zu dritt vorn an der Rampe dargeboten wird, drei Stimmen, zwei Akustikgitarren. Mehr nicht. Da schrumpft die Arena (mit etwas Fantasie) wieder zum kuscheligen Chéz Heinz oder zur OBS-Minibühne. Und das ist dann wirklich großes Kino. May wurde übrigens als Henning Gemke geboren. May ist also sein Künstlername. Den braucht man nur, wenn man Großes vorhat.


































