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Ein Kessel Morbides
Die berühmteste und hochdotierteste Coverband der Welt präsentiert in der Barclays Arena einen Kessel Buntes, wenn man den Titel einer Unterhaltungsshow bemühen möchte, die ab 1972 samstags in der DDR lief. Im selben wurde „School’s Out“ zum Megahit. Alice Cooper hat ihn genauso mitgebracht wie den Durchbruchssong „I’m Eighteen“, Joe Perry hat im Aerosmith-Katalog gekramt. Darüber hinaus gibt es eine Handvoll Songs, die im Bandkontext entstanden sind, und viele Stücke, mit denen die Hollywood Vampires verstorbene Lieblingsmusiker ehren. Sie werben neben Cooper und Perry mit einem weiteren großen Namen: Johnny Depp. Trotzdem wollen die Show nur 7.000 Fans sehen.
Die Gäste bekommen als Support zunächst die Engländerin Cassyette. Unter dem bürgerlichen Namen Cassy Brooking besuchte sie eine katholische Mädchenschule. Die Lehrkräfte würden sich wundern, wenn sie ihre ehemalige Schülerin heute auf der Bühne sähen. Mit einem meist heftigen Mix aus Metal und Elektropop kreischt sie gegen eine E-Gitarre und Power-Drums an, dazwischen ruhigere, melodiöse Passagen. Die Stimme der 33-Jährigen hat Potenzial, die Laut/Leise-Dynamik ist Geschmackssache. Und die Synthies kommen leider aus der Konserve. Lyrics mit F-Wörtern und das knappe Outfit passen denn auch nicht zu einem gottesfürchtigen Programm, sondern eher zu einer satanischen Messe.
In diese Richtung führen anschließend die Hollywood Vampires, wenn sich auf der Projektionsfläche die Tore zu einem Friedhof öffnen. Auf den Grabsteinen stehen die Namen zahlreicher verstorbener Musiker von Bowie bis Zappa, an die immer wieder mit Fotos erinnert wird. Die Cover werden zur Hommage: Velvet Undergrounds „Venus In Furs“ an Lou Reed, The Whos „Baba O’Riley“ an Keith Moon und John Entwistle, „Heroes“ an David Bowie, The Doors‘ „Roadhouse Blues“ an Jim Morrison, AC/DCs „Highway To Hell“ an Malcolm Young. Und mit „Beck’s Bolero“ ehren sie einen Gitarristen, auf den sich alle vier einigen können.
Im Mittelpunkt steht das alte Schlachtross Alice Cooper, der mit seinen 78 Jahren keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt. Die blutverschmierte Krücke hat er aus seinem Fundus gerettet. Er singt die meisten Songs, spielt beim „Roadhouse Blues“ und bei der einzigen Zugabe, „The Train Kept A-Rollin‘“, sehr passabel Mundharmonika. Johnny Depp schlägt auf der tiefergehängten Gitarre das eine oder andere Riff an, steuert eher Sprechgesang bei, hat für „Heroes“ aber wohl die passendste Stimme. Bilder vom Mauerfall begleiten den Vortrag. Perry, mitunter mit Röhrchen auf dem Griffbrett unterwegs, und vor allem der vierte Frontmann Tommy Henriksen zeigen, dass das Gitarrenspiel – anders als bei Captain Sparrow – ihr Hauptberuf ist. Henriksen spielt sonst in Coopers Band und fungiert zudem als Produzent und musikalischer Direktor. Für „Baba O’Riley“ imitiert er Pete Townshends Windmühlen-Gitarre und in „Highway To Hell“ wird er Bon Scotts Vocals durchaus gerecht. Deshalb ist er trotz eher geringeren Glamour-Faktors als Vierter im Bunde auf der Plattenhülle zu sehen und bewohnt in einer Animation als Skelett einen eigenen Sarg.
Tatsächlich entpuppt sich der Kessel Buntes als ein Kessel Morbides. Mit den selbst komponierten Songs „Raise The Dead“ und „My Dead Drunk Friends“ sowie „People Who Died“ von der Jim Carroll Band wird nicht nur der alten Kameraden gedacht, sondern werden die Gründe für das zu frühe Ableben so vieler Kolleg*innen angesprochen. Menschen, die das Leben hemmungslos ausgesaugt haben, Hollywood Vampires wie Lemmy und Ozzy. Musiker, die sehr kurz, sehr hell gebrannt haben wie Hendrix und Joplin. „Burn burn, burn brightly“ singt Depp mit verzerrter Stimme in Killing Jokes „The Death And Resurrection Show“, doch die Vampires können eine Show feiern, denn sie wissen: „Souls are recycled“. Glen Sobel steuert das martialische Drumming bei und Kevin „Geordie“ Walkers damalige Schredder-Gitarre ist auch wieder da.
Zwischen punkigem Geschrammel bei Johnny Thunders „You Can’t Put Your Arms Around A Memory“, launigem Rhythm ‘n‘ Blues („The Boogieman Surprise“) und partytauglichem Stampfrock sorgt Buck Johnson mit Klavier- und Orgelklängen am Keyboard und an der Akustikgitarre für Abwechslung. Für „Venus In Furs“ greift Bassist Chris Wyse in John Cale-Tradition zum E-Cello. Das von Perrys Gitarrenriff geprägte „Walk This Way“, das in der Kollaboration von Aerosmith mit den Rappern von Run-D.M.C. ein Welthit wurde, wird mit Szenen aus Mel Brooks Horror-Komödie „Frankenstein Junior“ unterlegt, damals Ideengeber für den Songtext. Genauso unverwüstlich: das Medley aus „School’s Out“ und Pink Floyds „Another Brick In The Wall“, ohne das kein Alice Cooper-Konzert auskommt. Auch bei den Vampires werden die riesengroßen, kunterbunten Luftballons in die Menge geworfen.
Die Hollywood Vampires treten auf, weil sie offensichtlich Bock haben, als Kumpels Konzerte zu geben. Ohne Frage bekommen sie einen durchaus mitreißenden Rocksound hin und sorgen in den rund 100 Minuten auf der Bühne für einen hohen Unterhaltungswert. Anders als Straßenfest-Coverbands führen sie eine Riesenbühne mit, von deren oberem Rand ein Vampir-Oberkiefer herabhängt, bieten eine fulminante Lightshow und lassen eigens erstellte Videos und Fotocollagen auf den Screens erscheinen. Dafür muss der Fan mit ca. € 150 für einen Zutritt zum Innenraum allerdings tief in die Tasche greifen. Wohl deshalb ist die Barclays Arena trotz des berühmten Trios Infernale bei Weitem nicht ausverkauft. Der Spaß soll dann schon was abwerfen.










































