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Bereits im letzten Jahr hatte das Berliner Pop-Kultur-Festival durch eine Trennung des Vortrags/Panel/Diskussions-Programmes und des breit gefächerten Musik-Angebotes, die Ausdehnung auf insgesamt sechs Festival-Tage und auf verschiedene Veranstaltungsorte im Silent Green Kulturquartier und der Kulturbrauerei sowie die Hinzunahme des Labelmarktes im Festsaal Kreuzberg, auf dem sich Fans, Fachleute und Indie-Labels über den Stand der Dinge informieren können, neue Dimensionen angenommen. In diesem Jahr kam dann noch der Sonntag als zusätzlicher Spieltag hinzu, wobei im Pierre Boulez Saal noch zwei Produktionen – darunter das Projekt „Sonnenuhr“ des isländischen Ensembles múm – aufgeführt wurden (diese Veranstaltung war dann allerdings nicht im „normalen“ Festival-Ticket enthalten). Ebenfalls neu im Angebot war das Projekt „Full Court Femme“ – das „als Teil des Kulturprogramms zum FIBA Women’s Basketball World Cup 2026 einen offenen Raum für Bewegung und Begegnung bot“.
Das erforderte vom Festivalbesucher zwar eine genaue Planung und auch eine Menge an Durchhaltevermögen – zahlte sich aber insofern aus, als dass die einzelnen Veranstaltungen nicht so überlaufen waren, wie das früher der Fall war, als alles an zweieinhalb Tagen in der Kulturfabrik stattfand. In unserem Bericht geht es nun um das Musikprogramm von Mittwoch bis Samstag.
Los ging die Sache am Mittwoch für Fachbesucher zunächst mal mit einer Eröffnungsveranstaltung in der Kuppelhalle des Silent Green, wo das aus Yeşim Duman, Pamela Owusu-Brenyah und Christian Morin bestehende Programmteam, die Festivalleiterin Marie von der Heydt, Katja Lucker und die Staatssekretärin für Kultur in Berlin Cerstin Richter-Kotowski auf die Bedeutung der Popmusik im Allgemeinen und des Pop-Kultur-Festivals im Besonderen eingingen und auf das vielfältige Musikprogramm des Festivals einstimmten. Dafür startete man dieses Mal mit einem kurzen Set der Pop-Kultur-Veteranin Fee Aviv Dubois, die später zusammen mit Ralph Heidel, Izzy Ment, Shanice Ruby Bennett, Andi Haberl das kollaborative Commissioned Work „Before It’s Over“ präsentieren sollte.
Das öffentliche Musikprogramm startete dann zeitgleich mit DJ-Sets um Mars Café und der Betonhalle sowie mit dem Projekt „Equinox“ der multidisziplinären Künstlerin Elena Herrmann, die unter ihrem Künstlernamen Eddna zusammen mit ihrem Ensemble ihr Commissioned Work im als Spielstätte neu hinzugekommenen Kino-Arsenal aufführte. Dabei ging es um einen Mix aus Performance, Musik-Vortrag, Stilisierung und psychedelischen Projektionen. Eddna selbst saß dabei wie eine Nixe auf einem der Felsbrocken, die als Dekoration ins Theater geschafft worden waren. Das Ganze war visuell wie auch musikalisch durchaus sehr ansprechend aufbereitet – allerdings war nicht wirklich viel zu sehen, da die Musiker kaum beleuchtet wurden und Unmengen von Kunstnebel zusätzlich für Sichtschutz sorgten.
Das „Headliner“-Programm fand – wie schon im letzten Jahr – in der sogenannten Betonhalle (einer ehemaligen Tiefgarage) statt. Das Line-Up war dabei wie gewohnt ziemlich eklektisch. Neben Afro-Music DJ-Sets von Kevin K-Mens Mensah waren es die Shows von Ray Lozano, Avalon Emerson & The Charm sowie Bar Italia, die die Fans in die am Ende gut gefüllte Halle lockten.
Als Trägerin des Holger-Czukay-Zukunftspreises der Stadt Köln hat Ray Lozano bereits eine gewisse Reputation erworben. Musikalisch bietet dieser Preis allerdings keine Anhaltspunkte auf die Musik, die die Kölner Künstlerin selbst produziert, denn anstatt avantgardistischer Spinnereien gibt es bei ihr solide konstruierten Soul- und R’n’B-Pop zu hören. Das Besondere dabei ist dann der Umstand, dass Ray Lozano gesanglich in ihren Lyrics dann keine US-Klischees bemüht, sondern in Sachen Empowerment und Selbstfindung unterwegs ist. Die Show in der Betonhalle fand dann mit großer Bandbesetzung statt – und war vielleicht ein bisschen zu introvertiert und intim, um etwa als Warm-Up-Show eine echte Partystimmung zu initiieren.
Als Reality-Check in Sachen Performance-Kunst gab es dann noch eine Art Installation mit Tönen im für solche Fälle bestens geeigneten Transmediale Studio (einem kleinen Atelier in der Betonhalle). Hier gab es das Commissioned Work „I Will Not Disappear In Your Face“ der Künstlerinnen Tekla Valy und VÍZ (Réka Csiszér). Der Info nach ging es dabei um széklerisch-ungarische und finnische Folkloretraditionen als lebendigem psychologischen System. Was es zu sehen gab, war eine Installation von in den beiden Räumen des Ateliers verteilten Fernsehern, auf denen unscharfe, psychedelische Filmschnipsel im Stile von Horrorfilm-Videokassetten zu sehen waren. Nach einiger Zeit kamen VÍZ und Tekla Valy mit einer blauen Perücke und einer gesichtslosen Maske herein und setzten sich auf einen Stuhl neben einem der Fernseher. Tekla Valy wanderte dabei mehrfach rastlos durch diese Räume, hielt einige Male inne, um einige Töne live zu singen. Dann nahm VÍZ ein Mikro zur Hand und äußerte einen gutturalen, manischen Monolog, während sich das Publikum staunend in einem Halbkreis auf den Boden gesetzt hatte. Kunstnebel gab es auch noch. Punkt.
Musikalisch ging es dann weiter in der Betonhalle mit einem der seltenen Live-Gigs von Avalon Emerson und ihrer Begleitband The Charm. Zunächst und vor allem ist Avalon Emerson eine Produzentin und DJane, die im heimatlichen San Francisco zunächst als Softwareentwicklerin gearbeitet hatte, bevor sie begann, diese Fähigkeiten für elektronische Dance-Musik einzusetzen, die sie nach ihrem 2014er Move nach Berlin auch im Berghain implementierte. Anfang des Jahres legte sie ihre zweite LP „Written Trio Change“ vor, auf der sie die EDM-Elemente in konkrete Song-Strukturen einbettete und auch vor poppigen Sounds und Melodien nicht zurückschreckte. Sagen wir mal so: Der Auftritt in der Betonhalle fasste die beiden Aspekte – also EDM-Sounds, eingebettete Remixe und Grooves und eine organische, songorientierte Ausrichtung mit einer Betonung auf die Live-Instrumente – zusammen, wobei die Sache jedoch deutlich mehr in eine Club-Richtung abdriftete. Die drei MusikerInnen arbeiteten dabei nonchalant und konzentriert zusammen, und obwohl natürlich Avalon selbst im Zentrum der Performance stand (sich aber oft ihrem Keyboard zuwandte), schienen ihre Musiker mehr Spaß auf der Bühne zu haben als sie selber. Immerhin: Hier kamen die Fans dann langsam in Schwung, und als Avalon dann gegen Ende der Show ihre Quasi Hits „Eden“ und „Happy Birthday“ anstimmte, lief die Party langsam an.
Die Headliner-Show des Tages absolvierte dann das für Live-Auftritte zum Quintett ausgebaute Londoner Trio Bar Italia. Das war dann die Art von Rock-Musik, auf die die Fans des Pop-Kultur-Festivals am Eröffnungsabend des Musik-Programms stets zählen können. Obwohl die Band bei ihren Studio-Produktionen ja als tighte Einheit funktioniert, steht bei den Live-Shows Sängerin Nina Cristina ganz im Zentrum des Tuns – selbst dann, wenn die Lead-Vocals von Sam Fenton oder Jezmi Rarik Fehmi gesungen werden. Dieser Eindruck kam in der Betonhalle besonders zur Geltung, da die Band die gesamte Breite der Bühne (und die ist sehr breit) ausnutzte und mit mehreren Metern Abstand agierte, während Drums und Bass im Hintergrund auf Podesten verankert waren. Die explosive Bühnen-Energie, die die Band in kleineren Clubs zu einem Live-Phänomen gemacht hatte, verpuffte hier zwar ein wenig (was auch durch die brachiale Lautstärke nicht vollständig aufgefangen werden konnte), dafür brachten aber die körperbetonten Exaltationen und die dramatische Präsentation Ninas (die von einem Ventilator effektvoll unterstützt wurde) die Fans in ihren Bann, die zu dieser Zeit dicht gedrängt in der Halle standen. Insgesamt erfüllte Bar Italia die Erwartungen, die man an einen soliden Indie-Rock-Act haben darf – bis ans Äußerste ihrer Fähigkeiten ging Bar Italia an diesem Abend aber nicht.
Bevor es mit dem offiziellen Musikprogramm dann am Freitag in der Kulturbrauerei weiterging, gab es am Donnerstag noch die Möglichkeit, beim Labelmarkt im Festsaal Kreuzberg einige interessante Newcomer-Acts zu entdecken, die im erweiterten Musikprogramm im Festsaal selbst und im Biergarten (der im letzten Jahr wegen des Regenwetters nicht nutzbar war) die Chance ergriffen, sich Fans und Fachpublikum zu präsentieren.
Als „prägende Figur der Berliner Musikszene“ wurde der Hip-Hop-Produzent und R’n’B-Musiker Tim „S. Fidelity“ Wetter angekündigt, der mit einem Sänger einige relaxte Soul- und R’n’B-Songs präsentierte, die genau in den ausklingenden Sommertag passten. Viel Zeit, sich vorzubereiten, habe er nicht gehabt, erklärte Tim, da er gerade Vater geworden sei. Dementsprechend klang das Set dann auch chillig spontan.
Gleich im Anschluss präsentierte Oska Wald – seines Zeichens multidisziplinärer Alleskönner und als Sänger der Bands Chuckamuck und Die Verlierer gut ausgelastet – seine Künste als schrulliger Liedermacher mit schrägem Humor. Er war dann auch der Erste, der mit einem charmant ungehobelten Cover von „I Will Always Love You“ auf den Tod der zwei Tage zuvor verstorbenen Dolly Parton einging.
Mit Dolly Parton hatte die deutsch-iranische Künstlerin Maryam.fyi im Folgenden nicht ganz so viel am Hut. Die naheliegende Idee, ihre Selbstfindungs- und Empowerment-Songs als Rap-Tracks zu implementieren, hatte sie dankenswerterweise zu Gunsten einer eher songorientierten Performance aufgegeben und legt ihr Programm heutzutage als „krasse Balladen“ aus. Dabei schreckt sie musikalisch nicht vor generischen Pop- und Schlager-Sounds zurück – wartet dafür aber mit schönen Text-Ideen auf, wie z.B. in dem frühen Song „Ich bin die Nacht“, der zudem nicht mit Plastik-Pop-Arrangement, sondern auf der Gitarre dargeboten wurde.
Mit einem ungewöhnlichen Ansatz überzeugte danach die zwischen London und Berlin pendelnde Darkpop-Künstlerin Blake Harley, denn sie trat im Biergarten mit zwei Gothic-Zipfelmützen-bewehrten Musikern an Drums und Bass auf – jedoch ohne Live-Gitarren. Für eine Musik, die zwischen Gothic/New Wave und Darkwave-Sounds laviert ist, ist das ja zumindest mal ungewöhnlich. Dennoch: Da wehte dann irgendwie der Sound der 80er durch das Gelände, und das ist ja auch mal ganz nett. Blake Harley malt übrigens gerne Monster und hat ein ziemlich interessantes Make-Up-Design. Schön, dass es noch Künstlerinnen gibt, die sich auch um solche Sachen kümmern.
Das offizielle Musikprogramm in der Kulturbrauerei startete dann am Freitag wie gewohnt im Frannz Garten mit den Auftritten der Newcomer Acts. Den Anfang machte das genderfluide Grunge/Punk-Duo treibgut (wird aus irgendwelchen Gründen klein geschrieben). Nils, Svenja, Thomas und Drummer Phil Nosko langten musikalisch dann auch gleich richtig hin und überzeugten schon allein durch die Begeisterung für ihr Tun. Nils, Svenja, Thomas erklärten, dass er im letzten Jahr zum ersten Mal auf dem Pop-Kultur-Festival gewesen sei und schon damals davon geträumt hatte, hier einmal selber auf der Bühne zu stehen. So kann das gehen. Manchmal gehen Träume eben in Erfüllung.
Frei nach dem Pop-Kultur-Motto, dass nichts zusammenpassen muss, was dennoch zusammen gehört, spielte danach die Hamburger Songwriterin Anna Hirschgänger mit ihrem Bandprojekt Deer Anna eine Reihe von „traurigen Songs, die aber ja auch ganz schön sein können“ – wie sie sagte. Stilistisch gar nicht so einfach zu kategorisieren, bewegen sich Annas Songs zwischen Folk- und Indie-Pop und klassischem Singer/Songwriter-Tun. Das war dann eher etwas zum Zuhören als zum Abhotten.
Der dritte Newcomer-Act war dann wieder von einer ganz anderen Sorte. YALE (sprich Jale), die mit ihrer Band eine Art innovativer Crossover-Pop macht, der so gar nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt ist – mal kindlich naiv, mal verführerisch clever, mal solide rockend, mal verspielt poppig, mal sentimental, mal emotional – aber immer unterhaltsam und deutlich unterhalb von Peinlichkeitsgrenzen und auf jeden Fall selbstbewusst empowernd, arbeitet sich YALE durch ein ganzes Arsenal musikalischer Ideen (übrigens ohne dabei die Rap-Schiene zu bedienen). Schade nur, dass ihre Stimme bei diesem Auftritt im Mix teilweise vollständig unterging.
Inzwischen hatte auch das Club-Programm begonnen. Die amerikanische Songwriterin Lael Neale hatte ihre Laufbahn als angesagte Indie-Queen mit einem recht radikalen Konzept begonnen, indem sie auf eine erbarmungslose Reduktion setzte. Ihre ersten Veröffentlichungen kamen alleine mit ihrer Stimme und einem Omnichord als Begleitinstrument aus. Das hat sich erst im Laufe der Zeit geändert, als Lael auch andere Instrumente zuließ und ihre Vorliebe für archaischen Retro-Pop entdeckte. Als sie mit ihrem Gitarristen im Frannz Club aufspielte, war von dieser Attitüde nicht mehr so viel zu spüren. Zwar gab es auch hier ein Omnichord – aber eben auch Gitarren, Keyboards und Loop-Stations. Tatsächlich rockten Lael und ihr Kollege am Ende sogar recht ordentlich (in etwa so, wie das in den 60s beispielsweise Velvet Underground und Nico gemacht hätten). Nach der Show verkaufte Lael zwar keine Tonträger – aber immerhin eigene, selbst gezeichnete Bilder, die auch reißenden Absatz fanden.
Im Maschinenhaus stand dabei das Noise-Rock-Trio An Experiment On A Bird In The Air Pump auf der Bühne und ließ sich den Kunstnebel um die Ohren blasen. Eine Band mit einem solchen Namen (der sich auf das gleichnamige Gemälde bezieht) hat natürlich auch einen besonderen Anspruch: Die drei Damen, die nur als C-Bird, D-Bird und X-Bird bekannt sind, traten 2008 in London an, um mit ihrem kompromisslosen Krachsound ein Statement in Sachen Konventionsverweigerung zu setzen. Sowohl musikalisch – da gibt es nur Krach ins Gesicht – wie auch demokratisch. Es gibt keine Frontperson und keine festgelegten Rollen – alles ist im Fluxus. Die Show in Berlin war eine Art Comeback, denn lange Zeit war die Band von der Bildfläche verschwunden – hat aber nichts von ihrer primalen Energie eingebüßt.
Im Kesselhaus hatte derweil Layla Boe mit ihrem Mix aus Rap, Hip-Hop, R’n’B, Soul und Pop das Publikum fest um den Daumen gewickelt. Der Auftritt der Berliner Musikerin und ihrer DJane setzte den Trend fort, der auf dem Pop-Kultur Festival schon lange zu beobachten ist: Dass nämlich auch ohne Live-Musiker und organische Instrumente ein massenkompatibles Live-Erlebnis möglich ist – nämlich indem das Publikum selbst in die Show einbezogen wird. Im Falle von Layla Boe beispielsweise dadurch, dass das Publikum ständig im Call-and-Response-Verfahren zum Mitsingen/machen bewegt wird.
Deutlich zivilisierter ging es im Anschluss in der Alten Kantine weiter. Hier spielte die schwedische DJane, Produzentin und Musikerin Tove Agilii a.k.a. Toxe ein letztlich faszinierendes Solo-Set – irgendwo zwischen EDM, Ambient, Esoterica, aber auch Dream- und Kook-Pop mit echten Melodien und Songstrukturen. Dazu brauchte sie keine Instrumente im klassischen Sinne, sondern triggerte und tweakt mittels eines auf Boden stehendes Mischpultes ihre recht umfangreiche Soundbibliothek und fertigte so quasi on the fly Live-Remixe ihrer eigenen Songs an, die sie dann mit geschlossenen Augen in den Schatten des traditionell ja nicht auf optische Effekte angelegten Clubs vortrug. Dabei verzichtete Toxe weitestgehend auf die englische Sprache und trug ihre Songs auf schwedisch vor – was der lautmalerischen Qualität ihres Materials nochmals Vorschub leistet. Das war dann ebenso ungewöhnlich wie auch schön und kurzweilig; auch wenn Toxe nicht einmal ansatzweise den Versuch unternahm, mit den Zuschauern Kontakt aufzunehmen.
Teil 2 folgt in Kürze…











































