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Die Mannheimer Songwriterin, Sängerin, Rapperin und Produzentin Satarii bastelt ihre Songs konsequent im DIY-Verfahren selbst im Studio zusammen und setzt dabei auf die Erfahrungen, die sie in einem Studium in Jazz- und Popgesang gesammelt hat (und obendrein auf ihre deutsch/rumänisch/persischen Roots). Das hat zur Folge, dass ihren Tracks das im Genre oft zu beobachtende Element des Zufälligen und Holperigen vollkommen abgeht. Unterstützt von einer DJane an einem ziemlich großen Mischpult präsentierte Satarii im Panda Platforma klug strukturierten und komponierten Ethno-Pop-Tracks an der Grenze zwischen HipHop und Pop – und hatte keine Mühe, das Publikum für sich einzunehmen. Performerisch gebärdete sich Satarii mit entsprechenden Gesten als Empowerment-Queen, die aber auch Verletzlichkeit zulässt. Insgesamt ein guter Mix also.
Im Maschinenhaus gab es dann geballte Komprosslosigkeit in Form des französischen Synth-Punk-Duos Potochkine, Pauline Alcaïdé und Hugo Sempé (kurz Polly und Hugo Smp). Sie haben eine besonders stringente Art von Electronic Body Music entwickelt, die mit nur wenigen Zutaten auskommt: Spoken Word Vocals (durchaus mit Storytelling-Charakter) von Pauline, die auch schon mal geschrien werden dürfen, und transparente, harte, vor allen Dingen aber unerbittliche, vollelektronische industrial Techno-Beats und Grooves, die von Hugo dann mit viel Körpereinsatz getweakt werden, während Polly gerne auch schon mal auf das Keyboard-Podest krabbelt oder am Bühnenrand das Publikum animiert. Gerade dieser Purismus ist es dann, der der Sache eine hypnotische Wirkung verleiht, der sich selbst diejenigen nicht entziehen können, die gar nicht tanzen wollen. (was im Maschinenhaus dann aber auch die Minderzahl war).
Das ehemalige Damentrio Automatic war in der alten Besetzung ja schon bei der Pandemie-Edition des Synästhesie-Festivals 2021 in der Kulturbrauerei zu Gast gewesen – hatte damals aber im wesentlich größeren Kesselhaus gespielt. Daran konnte sich zwar Frontfrau Izzy Glaudini noch erinnern – wohl aber nicht die Festivalmacher, denn die hatten Automatic in das kleinere Maschinenhaus gebucht. Die Folge davon war dann, dass es schon zu Beginn der Show einen Einlass-Stop geben musste, da der Raum bis auf den letzten verfügbaren Zentimeter dicht war. Das ließ das inzwischen mit einem neuen Drummer agierende Trio aus Los Angeles natürlich kalt, da es erstens Ventilatoren auf der Bühne gab und es zweitens – wie Izzy meinte – ja auch im kleineren Raum ganz schön war. Jedenfalls für die, die es geschafft hatten, hereinzukommen. Das minimalistische Set-Up mit Keyboards, Bass und Drums entfaltet ja auch tatsächlich erst in kleineren Clubs mit direktem Kontakt zum Publikum seine volle Wirkung – so auch hier. Izzy Glaudini schien auch ihren Spaß an der Sache zu haben, während man sich da bei der Bassistin Halle Saxon wegen ihrer stoischen Haltung nie so ganz sicher sein kann (das ist übrigens im richtigen Leben auch so). Sei es drum: Der minimalistische, irgendwo zwischen New Wave, Kraut und Indie-Pop angesiedelte Mix fand jedenfalls großen Anklang und stellte dann auch den Höhepunkt und Ausklang des ersten vollständigen Konzert-Tages dar.
Auch am Samstag ging die Sache im Frannz Garten los – allerdings nicht mit Newcomern, sondern mit den sogenannten Berlin-Resicencies. Hier treffen jeweils Musiker aus den Partnerstädten und Berlin zusammen, um ein gemeinsames Programm für das Festival zusammenzustellen. Den Anfang machten Anabel Rose und Joy Frempong mit der Co-Creation-Residenz Accra/Berlin. Anabel Rose ist eine philippinisch-ghanaische Songwriterin und Anabel Rose ist eine Berliner Künstlerin, die über ihre Mitgliedschaft des ghanaischen Musikkollektivs 99PHACES über entsprechende Kontakte verfügt. Anabel Rose schreibt elegante Afro-Pop-Songs zum Thema Selbstfindung und Empowerment und Anabel Rose sorgte für eine stilvolle, halbelektronische Untermalung der zusammen erarbeiteten Stücke. Von den Fans – insbesondere jenen, die zu der freien Veranstaltung aus Neugier gekommen waren – kam das sehr gut an.
Etwas spezieller wurde es dann im Folgenden mit dem Auftritt der israelischen Musikerin Yael Dagon und dem in Berlin ansässigen ungarischen Produzenten und Komponisten Szabolcs Bognár (der sich glücklicherweise Àbáse nennt) im Rahmen der Co-Creation-Residenz Tel Aviv/Berlin, denn hier ging es nicht um Pop-Musik, sondern um eine spannende Verquickung aus Folklore und fast schon avantgardistischer Elektronica. Yael Dagon spielt verschiedene Saiteninstrumente wie Mandoline, Bouzouki und Saz, die zwar allesamt elektrisch verstärkt werden – aber nicht im klassisch westlichen Sinne eingesetzt werden. Yael singt dazu multilingual – aber wenig auf Englisch – und Àbáse entwickelt dazu elektronische Strukturen und komplexe Grooves, die zusammen mit Yaels Saitenspiel ein avantgardistisches, vielschichtiges Eigenleben entwickeln. Das war interessant und mal ganz was anderes.
Mit dem „richtigen“ Club-Programm ging es dann in der alten Kantine weiter. Das heißt: Wäre es weitergegangen, wenn die Schweizer Songwriterin Akryl nicht im Stau steckengeblieben wäre und erst mit einer halben Stunde Verspätung und ohne richtigen Soundcheck loslegen konnte. Unterstützt von zwei Live-Musikern präsentierte Akryl ihr Programm aus deutschsprachigen Songs, die weder Pop noch Folk sein möchten, deswegen vielleicht sogar mit einer leicht kämpferischen Note. Die Fans hatten ihr die Verzögerung sowieso nicht übel genommen – eben weil sie offensichtlich Fans waren, die das Material von Akryl demzufolge auch mitsingen konnten.
Ganz etwas anderes war anschließend im Maschinenhaus zu bestaunen. Hier gab es das Commissioned Work „CANTATA“ der Songwriterin und Performance Künstlerin Eva Bottega, die in Zusammenarbeit mit der Choreographin Heloïse Jocqueviel ein an den Arbeiten von Pina Bausch orientiertes Projekt erarbeitet hatte, bei dem es um die verschiedenen Aspekte weiblicher Empfindungen, Ausdrucksmöglichkeiten, Körperlichkeiten ging – aber auch um Religion, Extase, körperliche Exaltationen, Hysterie und MystikerInnen (vielleicht Hildegard von Bingen? Oder Jeanne d’Arc?). Das war faszinierend – aber man musste das dann nicht verstehen, sondern erfahren.
Im Palais hatte derweil Lucy Kruger mit ihrer Lost Boys Band ein großes performerisches Projekt aufgezogen. Die ganze breite Bühne des Palais war in eine Art weißen Märchenwald verwandelt worden, in dem Lucy und ihre MusikerInnen (allen voran Partnerin/Gitarristin Liú Mottes und die Multiinstrumentalisten/Viola-Spielerin Jean-Louise Parker) in weißen Gewändern ihr Unwesen trieben und das Commissioned Work „Animal/Logic“ aufführten. Eine Parabel auf den Ursprung der menschlichen Existenz – und wie man dorthin findet oder auch nicht. Das Konzept sah vor, dass mittels mehrerer Projektoren (einer davon gleich auf der Bühne und einer sogar dahinter) ein entsprechend vielschichtiges Bühnenbild erzeugt wurde. Im zweiten Teil der Show verschwand Lucy gar hinter der Bühne und wandelte dann als Schattenriss durch einen bislang nicht sichtbaren Teil des besagten Märchenwaldes. Etwas erstaunlich, dass gerade die Farbe Weiß im Zentrum der wie gewohnt manischen Performance von Lucy stand, denn für gewöhnlich bewegt sie sich ja eher im nachtschattigen Bereich. Demzufolge wurde es auch nicht wirklich hell im Palais.
Es dauerte dann eine ganze Weile, bis die ganze Bühneninstallation abgebaut war und eine mindestens ebenso große neue für das Set von JJ Weihls Projekt Discovery Zone eingerichtet werden konnte, sodass Zeit blieb, im Maschinenhaus bei dem Set der ungemein natürlich und sympathisch unfertig agierenden Deutsch/Türkischen Songwriterin Nalan (Şeyma Karacagil) vorbeizuschauen. Tatsächlich erwies sich gerade dieses Set, bei dem Nalan und ihre Jungs überwiegend die herrlich unkonventionellen Indie-Pop-Songs des Albums „2009“ aufführten, als echtes musikalisches und performerisches Highlight. Denn hier ging es nicht um eine saubere Produktion und performerische Perfektion, sondern um Spontaneität, Lebensfreude, Impulsivität und charmante Unangepasstheit. Dass Nalan nicht nur als Singer/Songwriterin, sondern auch als DJane, Visual Artist und Mitglied des Hip-Hop-Projektes Gaddafi Gals tätig ist, hörte man irgendwie auch aus ihrer Musik heraus. So und nicht anders sollte zeitgemäßer Indie-Pop eigentlich am besten immer klingen.
Dann war es so weit und die Reise ins Science Fiction Dreamland von Discovery Zone konnte losgehen. In der Pandemie-Edition des Pop-Kultur-Festivals war JJ Weihl 2023 schon einmal mit dem Discovery Zone-Projekt in der Kulturbrauerei zu Gast. Damals war die Sache allerdings etwas verkopfter angelegt, als in diesem Jahr. Denn anstatt aufwendiger 3D-Emulationen gab es dieses Mal einfach eine psychedelische Reise durch Zeit und Raum. JJ Weihl stand mit ihrem Equipment (Keyboard, Trigger-Pads, Synth Gitarre und elektronisches Theremin) hinter einem riesigen Screen, auf den selbst gebastelte Visuals projiziert wurden, die dadurch, dass sich hinter JJ eine weitere Leinwand befand, auch wieder ein dreidimensionaler Effekt erzeugt wurde – freilich um den Preis, dass die Protagonistin nur schemenhaft zu sehen war (wenn man nicht gerade hinter den Vorhang schaute). Deutlich songorientierter und poppiger als auf den Discovery Zone-Tonträgern gab es eine unterhaltsame Science-Fiction-Show, wie man sie von der wandlungsfähigen Künstlerin stets erwarten darf.
Das Londoner Trio PVA braucht nun wirklich nicht viel, um glücklich zu sein – und kam sich auf der großen Bühne des Kesselhauses vermutlich sogar ein wenig verloren vor, denn sie hatten ihr Setup mit minimalem Drumkit und zwei Keyboard-Stationen inmitten des abgedeckten, umfangreichen Instrumentariums von The Notwist aufbauen müssen (die im Anschluss das letzte Konzert im Kesselhaus spielen sollten). Darum machten Frontfrau Ella Harris und ihre Jungs aber kein großes Aufheben, zumal es das Trio sowieso nicht so mit Showmanship hat. Sehr konzentriert, teilweise introvertiert und nur teilweise auf das Publikum eingehend präsentierten PVA ihren eigentümlichen, Gitarren-losen Slow-Core-Elektro-Post-Punk-Mix mit Spoken-Word-Vocals und elektronischer Basis (bis auf die Live-Drums), der aber auch eh eher eine hypnotische Wirkung ausübte, als dass er zum Partymachen animieren könnte. Das Publikum reagierte entsprechend – indem es intensiv und gebannt zuhörte (gerne auch mit geschlossenen Augen wie Ella Harris) und sich auf die psychedelische Grundstimmung und die Vocals einließ, die sich auch live eher unauffällig im Unterbewusstsein einnisten. Fast schon eigenartig, dass ausgerechnet dieser Act dann vergleichsweise gut ausgeleuchtet und nicht im Kunstnebel ertränkt wurde.
Im Maschinenhaus verbreitete inzwischen die österreichische Musikerin Francesca Anna mit ihrem Projekt Beaks ihr nonchalantes Hippie-Flair. „Hippie“ bezieht sich dabei nur auf die performerische Attitüde und vielleicht noch das Outfit Annas (die auch über Erfahrungen als Model verfügt). Musikalisch geht es um einen coolen Mix aus New Wave, Electronica, Kraut und Indie-Pop. Die bestens aufgelegte Band brauchte gar nicht so viel zu tun, um das Publikum mitzunehmen, denn Beaks’ Songs sind von einem fast schon unerbittlichen, hypnotischem Drive getrieben. Auf gewisse Weise erinnert dieser Ansatz an das, was Martin Rev und Alan Vega in den 70ern oder The Knife in den 2010er Jahren gemacht haben – aber mit einem ganz eigenen, Beaks-typischen Twist und auch auf Deutsch.
Derweil hatte es im Palais einen erneuten Umbau gegeben – der dieses Mal aber überschaubarer war. Es ging nämlich nur um ein DJ-Pult der inzwischen auch zur Musikerin, Produzentin und Songwriterin gereiften Leipziger Künstlerin Josi Miller, die – alleine und mit ein paar Gästen – beispielsweise die Tracks ihres Debütalbums „4 Stages Of Sleep“ präsentierte, auf dem es tatsächlich um stressbedingte Schlaflosigkeit und die sich daraus ergebenden Angstzustände geht. Die Musik von Josi Miller ist logischerweise Club-orientiert, oft auch instrumental und im Allgemeinen gut zum Tanzen geeignet. Das funktionierte dann auch ganz gut, denn so verwandelte sich das Palais in eine Teilzeit-Disco. Am Tag zuvor war Josi Miller auch bei einem Panel zum Thema „Gender Pay Gap“ dabei gewesen.
Der letzte Umbau des Tages galt der Mannheimer Band Engin, die den Abend im Palais mit einer No-Nonsense-Goodfeel-Rockshow beenden sollte. Frontmann Engin Devekiran und seine Jungs präsentierten ihren charmanten und höchst effektiven Deutsch/Türk-Indie-Pop mit Verve und Schwung und jener Art von ansteckender Begeisterung, die dazu führte, dass die Fans auch nach dem langen Festivaltag (es war inzwischen deutlich nach Mitternacht) noch Lust hatten, Engin im Palais zu feiern und die Songs mitzuträllern. Noch ein Wort zur Stilistik: Wo andere sich fest auf ein Genre eingeschossen haben, finden Engin immer wieder Wege, interessante Referenzen aus Brit-Pop, Psychedelia und US-orientierten Indie-Rock in ihre Songs einfließen zu lassen.
Quasi als Bonus gab es in diesem Jahr noch eine abschließende Show im Maschinenhaus. Während sich draußen schon lange Schlangen von den Disco-Clubs gebildet hatten, konnten die Pop-Kultur-Fans noch dem skurrilen Auftritt der kanadischen Performance-Künstlerin Annie-Claude Deschênes abhotten. Es gab eine Art Dancepunk-EDM-Show – bei der allerdings eher die Comedy-Aspekte oder Performance-Elemente (Live-Kamera auf der Bühne, die dann auf ein Backdrop gestreamt wurde) des Projektes im Zentrum standen. Das war dann ein absolut würdiger offizieller Abschluss des diesjährigen Pop-Kultur-Programms in der Kulturbrauerei – bei dem wieder einmal deutlich geworden ist, dass mehr tatsächlich mehr sein kann. So kunterbunt und abwechslungsreich wie dieses Jahr, war es tatsächlich noch nie. Am Programm für das nächste Jahr wird dem Vernehmen nach bereits gearbeitet.



















































