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Echt!
Auftritte in Belgien, Luxemburg und der Schweiz in diesem Frühjahr unterstreichen: Grundeis mögen aus Hamburg kommen, aber wegen ihrer Melange aus düsterem Post-Punk und melancholischem Shoegaze ist das Quartett längst über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Nach dem furiosen Debüt „Amygdala“ und dem vielschichtigen Nachfolger „Every Second An Ocean“ bricht die Band nun zu neuen Ufern auf. Aktuell arbeiten die Hanseaten an ihrem dritten Studioalbum, das die Brücke zwischen Lärm und Emotionen schlägt. Ihr Auftritt im Bielefelder JZ Kamp Anfang September unterstreicht eindrucksvoll, dass wir uns darauf freuen dürfen.
Es ist kurz vor 23:00 Uhr, und damit knapp eine Stunde später als geplant und angekündigt, als Grundeis endlich auf die Bühne dürfen. Die Leipziger Solistin Kiyo mit ihrem Sad Synth Wave und die Bielefelder Post-Punk-Local-Heroes Hear Me Out hatten zuvor dafür gesorgt, dass der Zeitplan völlig aus den Fugen geraten war und der Auftritt von Laura Müller (Gesang, Gitarre), Nils Pfannenschmidt (Gitarre), Tobias Rutkowski (Bass) und Andreas Mann (Schlagzeug) erst nach Mitternacht und damit zu einem Zeitpunkt endet, als die Kernklientel eines Jugendzentrums von Rechts wegen eigentlich schon längst Matratzenhorchdienst hat.
Grundeis sind nicht zuletzt deshalb besonders, weil sie nicht wie so viele andere Acts derzeit Veränderung mit der Brechstange erzwingen, sondern ganz organisch neue Einflüsse in ihren Sound einflechten, und so, ohne sich und ihr Genre neu zu erfinden, nie auf der Stelle treten.
Nachdem die Presse den vieren schon bei ihrem letzten Album bescheinigt hatte, ihren Weg von ihren Wurzeln im Goth und Post-Punk hin zu einem stärker Shoegaze-orientierten, bisweilen etwas ätherischen Sound im Geiste von Lush, Slowdive oder Cocteau Twins gefunden zu haben, begeistert die Handvoll neuer Songs, die in Bielefeld auf der Setlist stehen, oft mit bemerkenswerter Intensität. Dabei lassen sich Grundeis selbst von den technischen Problemen nicht aufhalten, die in der ersten Hälfte des Konzerts dazu führen, dass Frontfrau Müller mehr mit dem Technikpersonal des JZ Kamp als mit dem Publikum kommuniziert.
Obwohl das dritte Album noch auf sich warten lässt, hat das Quartett die neuen Songs prominent im Programm platziert: Mit „Chameleon“ steht nicht nur eine unveröffentlichte Nummer am Anfang, rund 75 Minuten später ist mit „Velvet“ auch ein letzter neuer Song die finale Zugabe, die das bunt gemischte Publikum – von Teenager-Mädchen im klassischen Goth-Outfit bis hin zu älteren Herren, die die 80er nicht nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen, ist alles vertreten – vehement eingefordert hat.
„Wir haben fast komplett auf Overdubs und Synths verzichtet. Alles baut auf Jams aus dem Proberaum auf. Das Album klingt sehr organisch und ist sehr ehrlich und emotional, gleichzeitig aber auch stark und selbstbewusst geworden“, hatten uns Grundeis im Interview zu „Every Second An Ocean“ vor zwei Jahren verraten – und genau dieses Echte und Unmittelbare zeichnet auch den Auftritt in Bielefeld aus.
Während es auf den Platten oft die atmosphärischen Stücke sind, die den größten Eindruck hinterlassen, strahlt der Stern von Grundeis auf der Bühne immer dann am hellsten, wenn die Songs besonders wuchtig und rasant sind. „Ignoring People“ wird so früh im Set zu einem echten Highlight, bevor „Bleach“ das Finale einläutet und das Mainset mit dem alten Favoriten „Strange“ endet.
Das eindrucksvollste Stück des Abends ist allerdings ein neues: „Serpents“ heißt der Song, der wie kein zweiter den eingangs erwähnten Brückenschlag zwischen Emotion und Lärm symbolisiert, wenn nach einem Beginn voller kribbelnder Spannung irgendwann alle Dämme brechen und die Nummer ihrem wüsten Höhepunkt entgegenrast, während sich Müller am Mikro die Seele aus dem Leib brüllt. Besser kann man die Vorfreude auf eine neue Platte kaum schüren!


















