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Viel zu tun
Wie eigentlich in jedem Jahr ist der Festival-Freitag für die Fans der Hauptkampftag, weil hier die geballte Power des Aussie BBQ im Molotow, der zweite Tag der kanadischen Showcases im Canada House sowie mehrere Label-Showcases und einige Rahmenveranstaltungen wie z.B. die Festival-Preis-Verleihung (Orange Blossom Festival als beliebtestes Festival) und die Anchor-Award-Show (mit Siegerin Ganna Gryniva) aufeinandertreffen.
Im Molotow ging das Aussie BBQ – wie gewohnt ohne BBQ, aber mit viel musikalischer Würzsoße – mit einem Auftritt des australischen Duos Pamela im Top Ten Club des Molotow los. Sarah Ellen und Josh Kempen berichteten, dass sie ihren Drummer erst am Abend zuvor getroffen hatten – der dann dadurch beeindruckte, dass er auf die Fälle haute, wie weiland der selige Jon Bonham. Alles andere machen Pamela dann selber: Ein bis zwei Gitarren spielen, singen und dramatische Rockstar-Posen präsentieren nämlich. Das wäre ja nichts wert ohne ordentliches Material – und das haben Pamela zu Hauf zu bieten. Da reihte sich dann ein knackiger Power-Pop-Hit an den nächsten. Josh Kempen erzählte noch, dass er und Sarah eigentlich nur zum Spaß zum Songschreiben zusammengefunden hätten – bis sie von Freunden aufgefordert worden seien, mal was vorzuspielen. Zum Glück.
Im Molotow Club selbst ging es dann mit den jungen Streaming-Kings dayweran weiter. Die Band aus New South Wales besteht aus den drei Brüdern Matthew, Daniel und Michael Lough und ihrem Freund Tane Cullen. Vielleicht ist genau das der Grund für den tighten, gefälligen, aber auch mit großer Geste angelegten Indie-Rock-Sound, den die Jungs sich auf die Fahnen geschrieben haben, denn die spielen schon traumhaft zusammen.
Im Top Ten Club hatte im Folgenden der Sunny-Boy Jack Gray die Bühne erklommen, um mit seiner Gitarre und ein paar Backing Tracks seinen im Vergleich luftigen Songwriter-Pop zu inszenieren. Der Grund, warum seine Songs alle so gefällig daher swingen, dass sich sogar jüngere Damen in den stickigen Club verirrten, dürfte damit zusammenhängen, dass Gray zurzeit in Los Angeles lebt und dort seine Songs schreibt und produziert. So was färbt halt ab.
Eine Art Gegenentwurf zu dem, was Jack Gray zu bieten hatte, hatte das Stoner-Rock-Trio Headsend im Angebot, das gleich darauf im Molotow aufspielte. Auch diese Band besteht aus Brüdern (Rasmus und Kyuss King plus Drummer Bon Soric), schlägt aber eine härtere Gangart ein als zuvor dayweran und arbeitet mit klassischen Stoner-, Hardrock- und Grunge-Elementen. Das dann sehr intensiv – aber merkwürdig introvertiert: Die Jungs wandten sich oft vom Publikum ab und einander zu. Kommt nicht so gut als Live-Act.
Anschließend war es an der Zeit, das Canada House wieder mit einzubeziehen. Die kanadische Elektronikspezialistin Rayannah ist eine Reeperbahn Festival-Veteranin, die ihr Heimatland zum wiederholten Male vertrat. Da war im Ankündigungstext irgendetwas von Folk-Roots, einer neuen LP, Filmmusiken und Ballettarbeiten die Rede. All das spielte im Uwe keine Rolle, denn es gab Konzeptkunst pur: Rayannah war mit ihrer umfangreichen Maschinerie hinter einem Gazevorhang verborgen, auf den psychedelische Muster projiziert wurden. Am Tag. Im hellen Sonnenlicht. Das war jetzt nicht die beste Idee, denn sehen konnte man da weder Rayannah selbst noch die Projektionen. Eine richtige Erklärung für diesen Ansatz hatte Rayannah nicht – außer der, dass sie normalerweise von vier Vorhängen umgeben sei und sich somit in einem Würfel befände.
Auch der Auftritt von Big Wett im Molotow war dann nichts für schwache Nerven. Die australische Musikerin Bronte Maguire wirbelt auf der Bühne mit provokativen Anmachgesten zwischen zwei aufgeblasenen Sex-Puppen hin und her und rief dabei dauernd „Pussy, Pussy“ und andere Anzüglichkeiten. Musikalisch bietet sie musikalisch Electro-Clash-Schmalkost. Das ist kurzfristig unterhaltsam (wenn man auf so etwas steht), aber musikalisch und konzeptionell natürlich nicht besonders wertvoll.
Einen Rückgriff auf alte Zeiten gab es im Canada House danach mit dem Auftritt des aus Ontario stammenden Trios The Redhill Valleys, die mit ihrem ansprechend souverän dargebotenen Mix aus Blues-Rock, Alt-Country, Heartland Pop und Americana-Sounds noch einmal an die Zeiten erinnerten, als solche Acts im Canada House zum musikalischen Grundnahrungsmittel gehörten. Chelsea McWilliams, Tim Allard und Matt Seliveri sind schon länger im Geschäft – und das merkt man der Performance deutlich an, die zwischen cooler Routine, souveräner Darbietung und charmanter Publikumsanimation pendelte.
Ganz etwas anderes hatten anschließend Lee Hamo und Johnny Abou Chakra im Sinn. Mit ihrem Bandprojekt Kazdoura verquicken sie eigentlich unvereinbare musikalische Stilrichtungen und Sounds zu einem eigenwilligen, aber durchaus spannenden Mix, der dann dank der lebendigen Darbietung auch bestens funktioniert. Das muss man sich ungefähr so vorstellen, wie Lee es bei einer Ansage formulierte: Das nächste Stück sei in ihrer Heimat im syrischen Aleppo entstanden, aber man habe es etwas bearbeitet, um es jazziger zu machen – und spielte es dann mit einem gewissen Soul-Touch als Folklore-Nummer.
Ziemlich düster, was vor allem die Beleuchtung betrifft, ging es dann mit dem Duo White Flowers in der Prinzenbar weiter – es passt zwar zur Musik der beiden, denn hier geht es vorwiegend um Dream-Pop, großflächige Gitarren-Sounds und eine Einladung auf einen schönen Trip, aber irgendwie wollte es nicht 100%ig überzeugen; vielleicht kam der Auftritt der beiden doch etwas zu kühl rüber.
In der St. Pauli-Kirche waren inzwischen Laura-Mary Carter und Steven Ansell – besser bekannt als Blood Red Shoes – eingetroffen. Aber nicht, um dort einen Showcase anlässlich ihrer gerade an diesem Tag herausgekommenen neuen LP „Stay Lonely“ zu spielen, sondern um erstmals eine reduzierte Show ohne Schlagzeug zu spielen, bei der Steven Laura-Mary auf einer zweiten Gitarre begleitete – einem Instrument, welches er eigentlich gar nicht spielt. Das war als Akustik-Show angekündigt worden, doch die meisten Tracks spielten Laura und Steven dann schon auf den elektrischen Gitarren. So ganz kann man einer alten Rockband keine neuen Tricks beibringen. Darum ging es aber auch nicht. Nach der – musikalisch etwas hakeligen – Show erklärte Steven, warum die Blood Red Shoes das gemacht haben: Er habe halt noch mal die gesunde Spannung/Ehrfurcht evozieren wollen, die er am Anfang seiner Karriere vor Auftritten verspürt habe. Diese Show habe ihm jedenfalls ein wenig Angst gemacht – und das sei dann eine gute Motivation gewesen. Mal sehen, ob aus diesem Testballon noch etwas wird. Die kommende BRS-Tour wird jedenfalls wieder in einem „normalen“ Umfeld stattfinden.
Auf der großen Bühne des Docks hat es dann ein Wiedersehen mit Lime Garden aus Brighton gegeben – schließlich war die Band schon 2022 auf dem Reeperbahn Festival zu Gast (und auch damals für den Anchor Award nominiert). Seit damals ist recht viel passiert, eine neue Platte wurde veröffentlicht, die Zutaten sind nach wie vor vielfältig (aber alles basiert praktisch auf Indie-Rock-Pop), das Keyboard ist nun in den Hintergrund gerückt, damit Sängerin/Gitarristin Chloe Howard mehr Freiheiten hat, die sie auch inzwischen gerne nutzt. Es ist sowieso eine Freude zu sehen, mit welcher natürlichen Lockerheit sie auf der Bühne steht und vor allem stimmlich sehr zu überzeugen weiß. Der Rest der Band steht ihr natürlich in nichts nach, die Songs werden von Jahr zu Jahr besser – es bleibt spannend bei Lime Garden.
Dann war da aber noch der Auftritt von Elín Hall, der gleich im Anschluss an die Show der Blood Red Shoes in der St. Pauli Kirche stattfand. Die isländisch-kanadische Songwriterin (und Schauspielerin) hatte sich entschlossen, solo – nur mit einer elektrischen Gitarre bewaffnet – zu spielen, um ihre fragil-mystischen Indie-Folkpop-Tunes in einem intimen Setting präsentieren zu können. Dabei überraschte sie mit einem für IsländerInnen eher ungewohnten Redebedürfnis und erklärte die Hintergründe ihrer Songs. „Tachylite“ beispielsweise ist eine Ode an die Qualität eines durch vulkanische Aktivitäten entstandenen schwarzgrünen Glases namens Tachylit, das aber keinesfalls ein Stein sein möchte, obwohl es doch den griechischen Wortstamm „Stein“ im Namen führt. Nun ja.
Nachdem ein scheinbar unendlicher, nerviger Soundcheck im Docks von und mit Fat Dog beendet war, hat es auch hier ein Wiedersehen gegeben – denn auch Fat Dog waren schonmal beim Reeperbahn Festival, das Jahr war 2023 und der Auftritt damals im Molotow Backyard war schon beeindruckend. Auch wenn sie nach wie vor an einem würdigen Ende einer Show arbeiten sollten (die Fat Dog-Gigs hören dann einfach irgendwann auf, ohne großes Finale oder ohne erkennbare Verabschiedungsszene), war dieser Auftritt sehr beeindruckend. Hatte man aufgrund der bisher veröffentlichten neuen Songs eher die Vermutung, dass es weniger energetisch zur Sache geht (schließlich sind die neuen Songs eher synthielastiger, teils poppiger ausgefallen), wurde man direkt vom Gegenteil überzeugt – Fat Dog geben nach wie vor Vollgas, die neuen Songs reihen sich nahtlos in die Auswahl der alten Songs ein, alles ist immer noch sehr rockig und durchgedreht, Sänger Joe Love ist im ständigen Kontakt zum Publikum, ist dort auch gerne entweder direkt mittendrin oder turnt auf der Absperrung herum. Das war großer Spaß.
Dann wurde es Zeit, zum Top Ten Club zurückzukehren, damit überhaupt eine Chance bestand, den einzigen Auftritt des flämischen Postpunk-Wunders Maria Iskariot miterleben zu können. Alleine die Idee, die für ihre wilden Live-Shows bekannten Crazygirls im kleinstmöglichen Rock-Club des Festivals zu buchen, war ja schon etwas seltsam. Immerhin: Das wurde dann sicherlich eine der denkwürdigsten Veranstaltungen des ganzen Festivals – denn zwar maulten Helena Cazaerck und Louke Vanhoutteghem beim Aufbau über die beengten Platzverhältnisse –, ließen es sich dann aber bei der Show nicht nehmen, das volle Programm durchzuziehen; und zwar inklusive Mosh-Pit-Gemenge, Crowd-Surfing und Stage-Diving. Der Gesang (oder das Geschrei) kam wie gewohnt auf Flämisch – aber Louke verzichtete wegen des internationalen Festival-Flairs darauf, die Ansagen und Buchempfehlungen (ein Fetisch der Freundinnen) auf Deutsch vorzutragen. Als Helena dann mit ihrem Mikro ins Auditorium sprang, auf dem Mobiliar herumturnte und sich dann per Publikumsförderband zurück auf die Bühne hieven ließ (alles im Umkreis von etwa 2 Metern) gab es natürlich kein Halten mehr. Kurzum: Das war dann wieder mal ein Fest für die Sinne, wie es nur Maria Iskariot auslösen kann.

























































