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Auf ihren letzten beiden Scheiben „Sorceress“ und „Time Ain’t Accidental“ hatte die amerikanische Songwriterin Jess Williamson sich musikalisch von den Folk- und Americana-Roots ihrer früheren Alben insofern entfernt, als dass sie hier mit Pop-Elementen flirtete, mit Keyboards arbeitete und produktionstechnisch ordentlich zulegte. Wenn sich nun ihr neues Album „A Mile South Of Heaven“ der reinen Country-Lehre zuwendet, so kommt das dennoch nicht ganz überraschend, denn bereits 2022 hatte Jess – zusammen mit ihrer Freundin Katie Crutchfield (Waxahatchee) mit dem Projekt Plains ein ganzes Album im Old-School-Country- und Honky-Tonk-Setting aufgenommen.
Bei unserem letzten Gespräch mit Jess empfahl sie uns das Buch „Songwriters On Songwriting“ von Paul Zollo – eine Sammlung von Interviews, in denen Songwriter aller Couleur von den Freuden, Sorgen und Nöten des Liedermachens erzählen. Darin gibt es einen Bericht, dass Pete Seeger seinem Kollegen Woody Guthrie gegenüber Bedenken zum Ausdruck brachte, dass einer seiner eigenen Songs vielleicht nicht originell genug sein könnte – woraufhin Woody Guthrie gesagt haben soll, dass Seeger sich nicht um Originalität kümmern bräuchte, solange der Song selbst nur gut sei.
Irgendwie könnte man diese Aussage auch auf das neue Album der zwischen Los Angeles und ihrer texanischen Heimat Marfa pendelnden Songwriterin anwenden, denn das von Shooter Jennings produzierte Album „A Mile South Of Heaven“ ist eine Sammlung lupenreiner Country-Songs geworden. Songs, die in musikalischer Hinsicht gar nicht besonders originell sein wollen, sondern durch ihre Qualität alleine begeistern. Kann an dieser Beobachtung vielleicht etwas dran sein?
Jess: „Witzig, dass du das aufgreifst. Wenn ich an Pete Seeger und Woody Guthrie denke, dann denke ich nämlich auch nicht, dass die versuchten, irgendwelche großartigen Momente als Musiker anzustreben. Ich betrachte ihr Lebenswerk. So denke ich heutzutage auch über mich selbst. Ich frage mich, welche Art von Leben ich als Musikerin führen möchte und welches Erbe ich hinterlassen möchte, anstatt darüber nachdenken zu müssen, ob ich irgendwelche Karriere-Leitern erklimmen sollte. Das war aber nicht die Grundlage der Entscheidung, das neue Album als Country-Album anzulegen. Das hatte mit den Songs an sich zu tun und dem Wunsch, mit Shooter Jennings als Produzent zusammenzuarbeiten.“
Shooter Jennings ist bekanntlich der Sohn des verstorbenen Outlaw-Country-Giganten Waylon Jennings, der auch das Erbe seines Vaters verwaltet. Jess wählte ihn aus, weil er die Songs im legendären Sunset Sound Studio 3 einspielen konnte – einem analogen Studio, in dem Prince für mehrere Jahre gearbeitet und gelebt hat (und eine Bar einbauen ließ) und in dem das Klavier steht, das auf „After The Gold Rush“ von Neil Young zu hören ist. Dort konnte die ganze Band das Material live zusammen einspielen. Shooter als Produzenten zu wählen, hat dann ja sicher automatisch zu einem Old-School-Country-Sound geführt, oder?
Jess: „Genau. Alleine zusammen mit den Musikern in einem Raum zu sein, hat dann zu einem klassischen, organischen Sound geführt. Wir haben dann einfach mal geschaut, was passierte und was den Songs am besten nützen könnte. Das war gar nicht als radikaler Kurswechsel zu meinen letzten Alben, wo ich mit Pop-Elementen herumgespielt hatte, geplant – es ist einfach das, was passiert ist. Ich bin ganz froh darüber und finde es sogar spannend, dass ich jetzt ein Album habe, das geradlinig und klassisch ausgefallen ist.“
Auf dem neuen Album gibt es zwei zentrale Themen: Jess Williamsons Leben „zwischen zwei Welten“ und die Erkenntnis, dass es für sie nicht ein Ziel im Leben gibt, das es zu erklimmen gilt. Jess teilt ihre Zeit auf zwischen der Megacity Los Angeles – wo sie ihre musikalische und produktionstechnische Heimat hat – und ihrer eigentlichen Heimatstadt Marfa in Texas, wo ihre Familie und auch ihr Partner leben. Ist das nicht ein wenig stressig?
Jess: „Ja, schon – aber an zwei verschiedenen Orten zu leben ist etwas, was ich grundsätzlich schätze – und ich brauche das auch irgendwie. Aber wenn du nicht einen einzigen Platz hast, den du ‚Zuhause‘ nennen kannst, dann kann man sich überall ein wenig verunsichert fühlen, das stimmt schon.“
Kommen wir noch einmal auf das Buch „Songwriters On Songwriting“ zurück: Die Songwriterin Laura Nyro sagte einmal über ihre Heimatstadt: „New York sieht zwar aus wie eine Stadt, fühlt sich aber an wie eine Religion.“ Passt das vielleicht auch für L.A.?
Jess: „Oh – dieses Zitat gefällt mir. Ich glaube auch, dass ich weiß, was sie mit Bezug auf New York spezifisch meint. Aber New York und L.A. sind doch sehr unterschiedlich. Es gibt aber etwas Bestimmtes bezüglich L.A., das sich magisch und spirituell anfühlt. Das hatte ich schon gespürt, als ich das erste Mal als Kind dort war. Das habe ich seitdem immer wieder verspürt – aber ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen. Es gibt natürlich auch dunkle Seiten dort – aber vielleicht ist das auch nur der Geist der Träume, die die Menschen, die dort leben und hinziehen, verwirklichen wollen? L.A. ist nämlich immer noch ein Ort, an dem Träume wahr werden können. Diese Art von Energie führt dann eben zu mystischen Gedanken.“
Die Musik an sich hat ja auch spirituelle, magische und mystische Aspekte, oder?
Jess: „Ja – Musik bedeutet mir einfach alles. Sie ist mir unglaublich wichtig. Ich höre ständig Musik – zu Hause, im Auto, in Kopfhörern. Das Schreiben von Songs – und auch die Songs von anderen Songwritern – hilft mir, mein eigenes Leben zu verstehen. Musik hat ein Eigenleben und sie existiert auf dieser nicht greifbaren, flüchtigen Ebene. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn ich Leute treffe, die mir sagen, was meine Songs für sie bedeuten und wie sie sich auf deren Leben beziehen – weil ich ein Fan von so viel Musik bin und das auch oft erfahre.“
Und dann gibt es da noch den Titel des Albums „A Mile South Of Heaven“. Dabei geht es um die Idee, dass man sich dem Himmel (als Sinnbild für ein Ziel, das es zu erreichen gilt) zwar bis auf eine Meile nähern kann, ihn aber letztlich nicht erreicht. Was sie mit diesem Titel meint, beschreibt Jess auf ihrer Website.
Jess: „Wir sind immer eine Meile von den unmöglichen Zielen entfernt, die wir uns gesetzt haben – und worauf ich hinauswill: Vielleicht ist das in Ordnung, denn eine Meile ist ziemlich nah. Es geht darum, zu schätzen, wo wir gerade stehen, denn es gibt keine Ziellinie. Es gibt immer noch mehr zu tun.“
Oder anders ausgedrückt: Der Weg ist das Ziel.
Jess: „Ja, genau – aber das gilt dann nicht nur für Künstler, sondern für jedermann. Gerade hier in Amerika sind wir ja geradezu davon besessen, durch harte Arbeit einem bestimmten, nächsten Ziel entgegenzustreben. Das sollten wir generell alle mal hinterfragen.“
Mal dumm gefragt: Woher kommen eigentlich die Songs von Jess Williamson – eher aus dem Inneren, vom Äußeren oder gar aus einer magischen Sphäre?
Jess: „Für mich fühlt sich das an, als kanalisiere ich da etwas. Songs zu schreiben ist die coolste Sache überhaupt. Aber ich weiß auch nicht genau, wo die Songs dann herkommen. Ich laufe zwar ständig herum und notiere mir Ideen, aber wenn es konkret wird, dann fühlt sich das an, als kanalisiere ich da etwas, das woanders herkommt. Ich bin für gewöhnlich dann selbst erstaunt über das, was dabei entsteht.“
Womit wir wieder bei der Magie der Musik wären. Jess Williamson hat in dieser Hinsicht eine Erfahrung gemacht, die viele Songwriter und/oder Musiker machen: Dass sich nämlich der kreative Prozess nur bedingt steuern lässt und die Musik selbst in gewisser Weise vorgibt, wohin sie eigentlich möchte. Freilich: Indem man sich auf diesen Flow einlässt, entstehen dann auch die schönsten, emotionalsten, aber auch überraschendsten und rundesten Ergebnisse. Und in dieser Hinsicht ist Jess Williamson ganz vorne mit dabei.
„A Mile South Of Heaven“ von Jess Williamson erscheint auf New West/Bertus.




