Besonders produktiv sind Nive Nielsen und ihr musikalisches Wechselkarussell The Deer Children ja nun nicht gerade. Nachdem im Jahre 2012 das Debüt-Album “Nive Sings!” der grönländischen Künstlerin auf dem Glitterhouse-Label herauskam, gab es 2015 noch mal einen Nachschlag in Form der LP “Feet First” und danach erst mal zehn Jahre Sendepause. Jedenfalls in musikalischer Hinsicht, denn als Schauspielerin, Theater-Produzentin und bildende Künstlerin bzw. Botschafterin für indigene Themen ist Nive Nielsen gut beschäftigt und eigentlich ja auch ausgelastet.
Dennoch: Jetzt steht mit “My Mother’s Name” das dritte Album in den Startlöchern. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist dabei pikant, denn Nive Nielsen ist nicht nur eine Inuk (und gehört somit zur indigenen Bevölkerung Grönlands), sondern stammt sogar aus der Hauptstadt Nuuk. Es ist also davon auszugehen, dass sie keine besondere Freundin der derzeitigen US-Administration sein wird.
Auf dem Album geht es nun aber gar nicht politisch zu, sondern sehr bodenständig und persönlich. Das bislang einzige Video (zum Titeltrack des Albums) zeigt Nive etwa im Kreis ihrer Freunde, Familie und Kinder, wie sie im heimischen Wohnzimmer über den Namen, den ihr ihre Mutter gab, spricht, sich auf ihre Herkunft bezieht und zum Ausdruck bringt, dass sie keine Lust hat, Pläne zu machen, während das Leben etwas anderes vorhat. So oder ähnlich ist das auch bei den anderen Songs, wo bestimmte Gedankengänge als Denkanstöße in den Raum gestellt werden – beispielsweise der, dass man sich von Zeit zu Zeit selbst retten sollte (“Time To Time”). Mantraartige Wiederholungen sind dabei wichtig – die relevanten Zeilen werden mit hypnotischer Eindringlichkeit immer wieder wiederholt (im Falle von “Time To Time” etwa 12 Mal) – bis nun wirklich jeder mitbekommen hat, worum es Nive geht. Das ist dann (wegen der hypnotischen Wirkung) gleichermaßen bewusstseinserweiternd.
Und es führt dazu, dass sich der Hörer vom Flow der Musik mitreißen lässt. Das hat damit zu tun, dass Nive und ihre Musiker in einem weitestgehend akustischen Setting arbeiten, in dem es freilich keine Denkverbote gibt und auch elektrische Instrumente, Synthesizer und eine klassische Rhythmusgruppe zulässig sind. Ansonsten wird mit den Mitteln der klassischen Psychedelia gearbeitet – nicht die Instrumentierung betreffend, sondern die Struktur: Die meisten Songs basieren auf simplen Vier-Akkord-Riffs, die dann immer wiederholt werden, während sie vom Arrangement her, aber auch melodisch und gesanglich umspielt werden. Das Interessante dabei ist, dass die Sache klanglich dann ebensoweit von der Folk- bzw. Folklore-Ebene entfernt ist, wie von der westlichen Rock-bzw. Indie-Ästhetik – von beidem aber jeweils genug enthält, um die jeweils andere Seite nicht zu verprellen.
So gelingen Nive Nielsen und ihren beteiligten Musikern Melodien, Harmonien, Klänge und Strukturen, die so ungewöhnlich sind (jedenfalls für an GB-Sounds gewohnte Ohren), dass sie eine regelrechte Subnische – irgendwo zwischen Folklore, Indie-Pop und eben Psychedelia – darstellen. Der Track „Nuna Pii“ wird dann auf Inuit vorgetragen – das spielt aber in diesem Setting dann aber keine große Rolle. “My Mother’s Name” ist ein schönes Beispiel für ein Projekt, bei dem erkennbar Tradition und Moderne auf eigenwillige Weise zusammengeführt werden.
„My Mother’s Name“ von Nive Nielsen & The Deer Children erscheint auf Glitterhouse Records.




