Es ist ja immer wieder schön zu sehen, wie Kristian Matsson a.k.a. The Tallest Man On Earth auch auf seiner neuen Scheibe „Just Beyond Endless Mountain“ wieder das System sprengt – ohne den Boden der Tatsachen zu verlassen. Denn er tut das nicht durch provokative Bilderstürmerei oder stilistische Extravaganzen (denn im Prinzip bewegt er sich auf dem Gebiet des Folk- und Folkpop), sondern durch die Art, wie er seine Stücke strukturell zerfleddert und vom Arrangement her umspielt, sodass dem Hörer schon mal schwindlig werden könnte.
Deswegen ist der Vergleich mit dem jungen Bob Dylan, den ihm ein schwedisches Magazin andichten will – trotz seines nölig penetranten Organs –, nicht wirklich angebracht. Ein schönes Beispiel dafür wäre der Solo-Track „Scully“, den Matsson durchaus mit einer gewissen unangepassten Inbrunst in die Welt hinausträgt, der aber auf der musikalischen Seite mit neo-klassizistischen Vignetten, folkloristischer Note und virtuoser Gitarren-Glissandi aufwartet.
Die anderen Tracks mäandern dann mal in diese Richtung (Blues etwa im Titeltrack) und mal in jene (Bossa Nova Beat in „Deliver Me From Trying“ oder Retro Psychedelia in „The Forest Keeper“). Abwechselnd werden die Songs dabei mit Band, Solo oder – wie „Overboda“ als Duett inszeniert. Das liegt daran, dass sich Matsson musikalisch an den Folklore-Traditionen seiner schwedischen Heimat orientiert und diese Akzente dann in sein grundsätzlich folky ausgerichtetes Klanggefüge einließen lässt. Dabei kommt es dann nicht darauf an, dass zwischen den Musikern (inklusive Matsson selbst) eine große Einigkeit über den Stil des jeweiligen Songs herrscht, sondern, dass die Spielfreude und die Energie im Raume irgendwie eingefangen wird. Was oberflächlich dann Potential zum schrägen Chaos zu bieten scheint, findet dann am Ende (meist) zu einem – nun ja – nicht versöhnlichen, aber doch zumindest songdienlichen Miteinander. Wichtig dabei: Es gibt bei all dem keinen Masterplan – und niemanden, der gesagt hätte was richtig oder falsch gewesen sein könnte. „Deliver Me From Trying“ heißt einer der Tracks, der aus den Wirrungen von einzelnen Ideen zu einem Songformat findet und das im Titel dann auch gleich in Worte fasst.
Die Hinwendung zu den folkloristischen Themen führte vermutlich auch dazu, dass sich Matsson inhaltlich in der Natur austobt. In fast jedem Song finden sich Metaphern, die er mit Bildern aus der Natur unterlegt: Gärten, Blätter, der Himmel, der Wald, Blumen, Sommer, Wind – was immer sich draußen befindet, ist es Matsson Wert poetisch aufgegriffen zu werden um sein Seelenheil in Worte zu fassen. Das klingt dann aber nicht kitschig oder anmaßend, sondern so, als müsse es halt so sein.
Der schratige Charakter der Aufnahmen – im Grunde aber des ganzen Projektes – reüssiert dann daher, dass die Sachen ohne Respekt vor dem, was eigentlich richtig wäre, schnürsenkelig und despektierlich eingefangen wurden – mit reichlich Raum für Unebenheiten, Haken, Ösen und musikalische Warzen. Eine gefällige Folkscheibe konnte so natürlich nicht entstehen – aber das wäre ja auch zu einfach gewesen. In der Denk- und Arbeitsweise ist The Talles Man On Earth mit dieser Scheibe wesentlich näher an Bonnie „Prince“ Billy dran, als an klassischen Vorbildern aus der Folk-Szene.
„Just Beyond Endless Mountain“ von The Tallest Man On Earth erscheint auf Anti Records.




