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Brooklyn brennt nicht mehr
Ursprünglich stammt die inzwischen schon lange in Nashville lebende Songwriterin Nicole Atkins ja aus New Jersey – wo sie dereinst auch ihre musikalische Laufbahn startete. Regelmäßige Trips nach NYC – insbesondere nach Brooklyn – gehörten damals zum Pflichtprogramm der aufstrebenden Songwriterin. Diese Phase machte sie beispielsweise zum Thema ihrer ersten Solo-LP „Neptune City“, auf der sich unter anderem der Track „Brooklyn’s On Fire!“ befindet, in dem sie die Erinnerung an eben diesen Zeitabschnitt glorifizierte. Kein Wunder also, dass Nicole den Stop im angesagten Brooklyner Music-Club Baby’s All Right im Rahmen ihrer gerade laufenden „Weird Summer Tour“ als Heimspiel betrachtete – auch wenn Brooklyn heutzutage nicht mehr im Atkin’schen Sinn zu brennen scheint, denn gerade dieser Track befand sich dann nicht auf der Setlist.
Ihre aus Gitarrist John Paul Keith, Drummer Danny Banks und Bassistin Sissy Dinkle bestehende US-Band für diese Tour hatte Nicole Atkins um ihre Freundin, die Songwriterin Jess Nolan, erweitert, die dann die Shows auch als Support-Act eröffnete. Dem Gekreische und Gequieke aus dem Auditorium nach zu beurteilen, gehört Jess Nolan zu den Household Names in der Brooklyner Musikszene und wurde demzufolge auch ordentlich beklatscht. Jess trug ihre jazzigen Empowerment-Songs zum Klang eines verzerrten Wurlitzer-Piano-Settings vor, adressierte Themen wie etwa ihre inhärente Schüchternheit, die sie in ihren Songs verarbeitet, zitierte ihre musikalischen Vorbilder wie z.B. Tom Waits, dessen Song „Pictures In A Frame“ sie coverte, und präsentierte neue Songs wie „Shake My World Around“, die sie auf ihrer kommenden LP zu veröffentlichen gedenkt. Als versierte Keyboarderin/Harmoniesängerin für Acts wie z.B. Jenny Lewis oder ihre Mentorin Ani DiFranco ist es Jess Nolan gewohnt, das Publikum für die Headliner-Acts mit souveräner Nonchalance aufzuwärmen, ohne denen dann die Show zu stehlen, und lieferte demzufolge ein ausgewogenes, kurzweiliges Set, das dem Setting in idealer Weise angemessen erschien.
Es gab eigentlich keinen besonderen Grund für die „Weird Summer Tour“, denn nachdem Nicoles letztes Album „Italian Ice“ mitten in die ausbrechende Pandemie hinein platziert worden war – und demzufolge ziemlich unter dem Radar versackt war – hatte es bis auf das Online-Live-Album „Memphis Ice“ keine erwähnenswerten Veröffentlichungsaktivitäten gegeben. Allerdings hatte Nicole seit dieser Phase das Song-Schreiben nicht aufgegeben, sodass nunmehr ein Batch neuen Materials bereit steht, das im Anschluss an die Tour dann auch endlich für eine neue LP eingespielt werden soll. Im Wesentlichen diente die Tour dann wohl zum Warmspielen für die anstehenden Recording Sessions.
Nachdem die Band den Rahmen mit einer hinreißend verschlankten Version des eigentlich eher opulent orchestrierten Neptune-City-Openers „Maybe Tonight“ und des Closers „Party’s Over“ abgesteckt und dann mit einem kunterbunten Potpourri, hauptsächlich mit Songs vom „Italien Ice“-Album, erweitert hatte, gab es dann auch zwei der neuen Songs zu hören. „For Cryin‘ Out Loud“ ist dabei ein Retro-Pop-Song, den Nicole inspiriert von dem Crystals-Song „And Then He Kissed Me“ geschrieben hatte. Hier verwendete Gitarrist John Paul Keith eine Danelectro-Doppelhalsgitarre, deren oberer Teil mit einem 12-saitigen Griffbrett ausgestattet war, mit dem er dann Byrds/R.E.M.-Rickenbacker-Sounds erzeugte, die dem poppigen Refrain des Tracks Vorschub leisteten. Nur der Vollständigkeit halber: Beim darauffolgenden Honkytonk-Song „My Baby Don’t Ride“ vom Mondo-Amore-Album spielte er auf dem unteren Griffbrett dann eine messerscharfe Slide-Gitarre.
Der andere neue Song heißt „For No One“ und wendet sich im jazzigen Torch-Song-Stil an alle Verschmähten und Gedemütigten. Zwischendrin gab es dann noch eine kleine Episode mit lokalem Bezug, als nämlich Nicole die zufällig anwesenden Macher der Fernsehserie „Love Island“ begrüßte, die ihren Song „Captain“ in einer romantischen Szene der Serie platziert hatten, indem sie einen zuvor organisierten Luftballon als Geburtstagsgruß überreichte. Ein weiteres Highlight war dann der Song „A Little Crazy“ vom „Rhonda Lee“-Album, den Nicole mit ihrem „Highschool-Sweetheart“ Chris Isaak geschrieben hatte. Und in schönster Nicole Atkins-Tradition endete die Show dann mit einem Ausflug ins Auditorium, wo Nicole dann mit dem Publikum der Band zuschaute, wie sie den letzten Song „In The Splinters“ zu Ende brachte und anschließend ein paar Zeilen mit den Fans sang.
Insgesamt war das dann eine ziemlich coole Show der Songwriterin aus Nashville, der man dann den Heimspiel-Charakter schon deutlich anmerkte – schon alleine deswegen, weil viele von Nicoles Freunden und Bekannten aus den alten Tagen im Publikum waren und so eine entsprechend familiäre Feierstimmung herrschte. Musikalisch begeisterte die Show durch eine spontane Energie und Spielfreude, die nach der längeren kreativen Auszeit der Künstlerin für frischen Wind sorgte. Die kommende neue LP ist dann für den kommenden Frühling angepeilt. Danach wird Nicole Atkins dann auch wieder mal in unseren Breiten auf Tour gehen.