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„Pale Bloom“, der Titel des neuen Albums von Lucy Kruger, ist gut gewählt. Wie eine Blume, die nur zaghaft im Schatten erblühen kann, entfaltet sich auch ihre kunstvoll widerspenstige siebte LP nur langsam. Emotional aufgeladen mit lange aus dem Gedächtnis gelöschten Erinnerungen an eine prägende Kindheit in einem streng religiösen Umfeld in ihrer Heimat Südafrika spiegelt sie die innere Zerrissenheit der inzwischen in Berlin heimischen Musikerin brillant wider. Seine Entsprechung findet das im kunstvoll reduzierten Art-Rock-Sound ihrer langjährigen Band The Lost Boys, wenn auf „Pale Bloom“ nach zuletzt zwei betont vorwärts gerichteten Alben auch klanglich mit spürbar theatralischer Note ein Bogen in die Vergangenheit geschlagen wird.
Mit ihren letzten beiden Alben „Heaving“ und „A Human Home“ hatte sich Lucy Kruger ein Stück weit von ihrer (musikalischen) Vergangenheit gelöst. Klanglich war auf diesen beiden Werken das Bemühen erkennbar, neue Wege gehen zu wollen und sich nicht weiter an den Sound der „Tapes“-Album-Trilogie zu klammern, mit der sie ihren Abschied aus ihrer südafrikanischen Heimat und das Entdecken der Möglichkeiten an ihrem neuen Wirkungsort Berlin nachgezeichnet hatte.
Insofern ist es schon ein wenig überraschend, dass sie nun auf „Pale Bloom“ inhaltlich wie musikalisch den Blick zurückschweifen lässt. Es ist eine bisweilen schmerzvolle Rückschau, bei der für nostalgische Verklärung kein Platz ist, wenn Kruger den inneren Zwiespalt beleuchtet, der ihre Jugend prägte, und sich dabei auch nicht scheut, unbequeme Fragen zu stellen. Der Weg vom Kindheitstrauma zu ästhetischer Eleganz ist dabei oft ganz kurz. Das klingt nach Konzept, aber tatsächlich war Kruger selbst überrascht von dem, was sie dort zutage förderte.
„Ich bin in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen und habe eine sehr religiöse Schule besucht. Das bedeutet, dass es sehr patriarchalisch war, was einen starken Einfluss auf meine Erziehung hatte“, verrät sie beim Videocall mit Gaesteliste.de. „Vor allem in meiner Studienzeit war ich ziemlich hin- und hergerissen und ein bisschen verärgert darüber. Aber ich habe das irgendwie hinter mir gelassen und nicht mehr so viel darüber nachgedacht. Das alles spielte in meinem Leben keine große Rolle mehr – vor allem nicht, nachdem ich nach Berlin gezogen war. Es war kein Thema mehr, das mich besonders beschäftigte. Aber dann tauchte es plötzlich wieder sehr stark auf, was mich ziemlich überraschte. Vielleicht kam es wieder hoch, weil ich mich in meiner aktuellen Situation irgendwie stabiler fühlte und dadurch eine weitere Ebene dieser jüngeren, angstbesetzten Erfahrungen erreichen konnte, die sich irgendwie von selbst getilgt hatten.“
Vielen Veränderungen und unbeantworteten Fragen zum Trotz, gab es über die Jahre doch auch Dinge, die sich nicht gewandelt haben. Die Liebe zur Musik zum Beispiel, die sie schon seit ihrer Kindheit begleitet. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Musik jemals keinen großen Teil meines Lebens eingenommen hätte“, verrät sie. „Sie war allgegenwärtig und ein wichtiger Bestandteil meines Familienlebens, als ich aufwuchs. Sie war für mich so normal wie Essen oder so etwas. Wir durften auch schon von klein auf unseren eigenen Geschmack entwickeln. Ich habe einen fünf Jahre älteren Bruder, der sich ebenfalls sehr für Musik interessierte und mir gewissermaßen den Weg gewiesen hat. Wenn er sich eine CD aussuchen durfte, durften wir uns auch eine CD aussuchen. So entwickelte ich schon von klein auf eine persönliche Beziehung zur Musik.“
Auch an den ersten Song, der bleibenden Eindruck bei ihr hinterließ, kann sie sich gut erinnern. Als Kind tanzte sie Ballett und dachte sich in ihrem Zimmer eigene Choreografien aus, bei denen sie am Ende dramatisch sterben konnte. Der Soundtrack dazu? „Sad Lisa“ von Cat Stevens! „Das ist natürlich ein kindliches Gefühl, aber ich erinnere mich, dass ich die melancholische Stimmung des Songs gespürt und mich irgendwie darauf eingelassen habe“, sagt Kruger. „Andere Lieder, die ich schon früh mochte, wie die von Kate Bush, waren dagegen sehr verspielt, und selbst für ein Kind ist es sehr aufregend, sich diese theatralischen Songs anzuhören.“
Auch auf „Pale Bloom“ bewegen sich Kruger und die Ihren im Spannungsfeld von Melancholie und Verspieltheit und knüpfen damit deutlicher als zuletzt an ihre Frühwerke an. Auch dahinter steckte allerdings keine Absicht. „In gewisser Weise hatte ich nicht vor, zurückzublicken“, sagt sie. „Bei den letzten beiden Alben habe ich versucht, meine Fühler auszustrecken und mich zu etwas Neuem zu drängen. Bei dieser neuen Platte habe ich dagegen schlichtweg keine Anstrengungen unternommen, mich gegen das zu wehren, was sich ganz natürlich ergab. Das hat mich zu dem zurückgeführt, was ich früher gemacht habe, weil es mir sehr vertraut ist. Im Kontext dieses Albums fühlte es sich okay an, vielleicht sogar notwendig an, eine ältere und intuitivere Herangehensweise Teil der Geschichte werden zu lassen. „
Kruger ist davon überzeugt, dass sich ihre Platten praktisch wie von selbst formen, und „Pale Bloom“ ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Allerdings gab es doch eine markante Veränderung, die zur etwas anderen Ausrichtung der Platte beigetragen hat.
„Ein Unterschied war, dass dieses Album im Vergleich zu den anderen über einen längeren Zeitraum geschrieben wurde“, gibt Kruger zu bedenken. „Es taucht also tatsächlich in jede Ära ein, weil es in unterschiedlichen Situationen geschrieben wurde. Ich denke aber auch, dass ich bei den letzten beiden Alben versucht habe, mich ein wenig von der Songwriting-Qualität meiner früheren Werke zu entfernen. Bei dieser neuen Platte war es mir dagegen wichtig, diesen Aspekt wieder zu berücksichtigen, ohne dabei die neue, etwas wildere Energie von ‚Heaving‘ aufzugeben. In gewisser Weise war es ein Zurückgreifen auf die Vergangenheit und ein Vorausschauen in die Zukunft, um die Kontraste noch etwas zu verstärken.“
Mit Liú Mottes (Gitarre), Jean-Louise Parker (Viola), Gidon Carmel (Drums), Reuben Kemp (Bass) und André Leo (Co-Produktion) standen ihr bei den Aufnahmen Menschen zur Seite, mit denen sie größtenteils nun bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Überhaupt darf man sich einbilden, dass Kruger durch den Umzug nach Berlin, der ihrem noch in Südafrika eingespielten 2017er-Debütalbum „Summer’s Not That Simple“ folgte, nicht zuletzt künstlerisch so richtig in Schwung gekommen ist.
„Ich glaube, dass Berlin mir Zeit und Raum gegeben hat und auch die Gelegenheit, viel live zu spielen“, sagt sie. „Ich glaube wirklich, dass man beim Zusammenspiel viel Neues entdecken kann. Im wortwörtlichen Sinne des Musizierens genauso wie durch die Zeit, die man mit der Band auf der Bühne verbringt, wodurch man die Möglichkeit hat, im kindlichen Sinne des Wortes zu spielen. Berlin hat mir auch etwas Abstand von den komplexeren Gedanken verschafft, die ich in meiner Heimat und insbesondere in meinem Zuhause hatte. Außerdem bekommt man in Berlin viel interessante Musik zu hören, sodass man viele Eindrücke sammelt, und das ist natürlich sehr bereichernd.“
„Pale Bloom“ ist ein Paradebeispiel dafür, denn praktisch jeder dieser vor Symbolik nur so strotzenden Songs bringt musikalisch kleine Eigenheiten mit, als sei jede Nummer ein Kapitel für sich. Mal rücken die Streicher in den Vordergrund, dann überraschen Spoken-Word-Parts und bei „Ambient Heat“ – von Kruger selbst als „existenzieller Fiebertraum“ beschrieben – sind es elektronische Klänge, die den Ton angeben. Trotzdem klingt das Album am Ende wie aus einem Guss, was auch daran liegt, dass bei aller Zurückhaltung die menschliche Note stets spürbar bleibt und bei Songs wie „Anchor“ leise, aber gewaltig für schaurig-schöne Gänsehautmomente sorgt. Art Rock, Dream Pop, Dark Folk oder Slowcore – diese Songs verdienen viele Etiketten und entziehen sich am Ende doch gängigen Schubladen. Tender Noise nennt es das Label – und das trifft es vielleicht am besten.
Über alledem schwebt Krugers Stimme, die mal zart, mal unwirsch aufbrausend genauso schwer zu fassen ist wie die nicht selten poetisch verhüllten und hinter der schon im Albumtitel anklingenden Garten- und Pflanzen-Metaphorik versteckten Erinnerungsfragmente, die sie transportiert. Dass ihre Herangehensweise an das Songwriting davon beeinflusst ist, dass sie inzwischen besser einschätzen kann, was ihre Band den Songs in Proberaum und Studio hinzufügen kann, glaubt Kruger allerdings nicht.
„Für die ersten Schritte beim Schreiben spielt das keine Rolle“, sagt sie. „Wenn ich anfange zu schreiben, spiele ich manchmal mit einer musikalischen Idee, aber meistens versuche ich vor allem, etwas Wahres herauszuarbeiten. Erst dann überlege ich mir, wie die Band dazu passen könnte. Bei diesem Album war es mir allerdings wichtig, dass die Band eine tragende Rolle spielt, denn mein Ziel war es, die Menschlichkeit zu betonen. Mit der Gitarristin Liu [Mottes] arbeite ich ja schon sehr lange zusammen, und sie ist unglaublich ausdrucksstark. Ich glaube, wir haben mittlerweile eine sehr enge musikalische Beziehung, und deshalb vertraue ich immer darauf, dass sie etwas extrem Magisches in die Songs einfließen lässt.“
Aber auch die neueren Bandmitglieder spielen eine tragende Rolle: „‚Pale Bloom‘ ist das erste komplette Album, das wir mit Giddy [Gidon Carmel], unserem Schlagzeuger, aufgenommen haben. Weil einige der Songs ziemlich melancholisch und atmosphärisch sind, war es mir wichtig, dass das Schlagzeug ihnen einen Puls und echten Drive gibt, denn unter dieser melancholischen Schicht steckt eine Art treibende Kraft. Ich wusste auch von Anfang an, dass Jean-Louise [Parker] an der Viola eine sehr wichtige Rolle spielen würde. Auf der letzten Platte hat sie viele verzerrte und irgendwie affektierte Sachen beigesteuert, dieses Mal haben wir ihr Instrument mit vielen Schichten ganz natürlich eingefangen, weil ich diesen offensichtlich schönen Aspekt betonen wollte. Ich hatte einfach das Gefühl, dass die Band eine Art von Fülle eingebracht hat, die sonst nicht vorhanden wäre.“
The Lost Boys sorgen so für den perfekten Backdrop, vor dem Kruger ihr Innerstes nach außen kehren kann. „Ich bin das Ganze nicht mit einer bestimmten Herangehensweise angegangen, aber oft ist es so, dass ich, sobald ich einen narrativen roten Faden erkenne, diesen einfach ständig im Kopf habe“, erklärt sie. „Vieles auf dem Album basiert auf der Ursprungsgeschichte, meiner eigenen Ursprungsgeschichte und der religiösen Ursprungsgeschichte. Die Songs pendeln zwischen eher persönlichen und allgemeinen Mythen, die von einer kindlichen Sichtweise auf die Dinge zur dunkleren Welt der Erwachsenen führt: Es geht um den Kampf, dem Leben und der Sterblichkeit einen Sinn zu geben. Es gibt viele stille, große Fragen, die letztlich aber alle wieder auf die Themen Zuhause und Intimität zurückkommen.“
Das wirft die Frage auf: Glaubt Kruger, dass sie aufgrund oder trotz ihrer Erziehung zu der Person geworden ist, die sie heute ist? „Ich meine, wer weiß das schon?“, antwortet sie. „Ich denke, das ist eine zentrale Frage des Albums: Kann man seiner Geschichte entkommen? Man kann sie umgestalten, aber letztlich baut man ja immer noch auf ihren Wurzeln auf. Das ist für mich eine interessante Fragestellung. Es ist interessant zu sehen, wie man geformt wurde und ob man sich weiterentwickeln kann, indem man sich bewusster entscheidet, welche Aspekte man nutzt und welche man beiseitelegt. Ich persönlich weiß es nicht. Das ist eine riesengroße Frage.“
Auf die Suche nach einer Antwort macht sich Kruger auch auf der großen Europatournee, die wenige Tage nach der Albumveröffentlichung startet und bei der auch knapp ein Dutzend Konzerte in ganz Deutschland auf dem Plan stehen. Das spielerische Element, tatsächlich mit einer Band auf der Bühne zu stehen, hatte sie bereits erwähnt, doch wie baut sie mit den Songs von sieben Platten zur Auswahl eigentlich ihr Konzertprogramm zusammen?
„Das ist eine gute Frage“, erwidert sie. „Ich möchte wirklich gerne das neue Album komplett spielen, weil es so vieles von dem einschließt, was uns ausmacht. Eine Platte komplett zu spielen, haben wir noch nicht gemacht, und ich würde das wirklich gerne einmal ausprobieren. Aber um ehrlich zu sein, sind wir auch keine Band, die es sich leisten kann, unzählige Proben und fünf Tryouts zu machen. Also tun wir, was wir können, und dann müssen wir sehen, was sich gut anfühlt, denn ich glaube, es ist immer etwas anders, wenn man letztlich vor Publikum steht. Es wird also ein bisschen experimentell werden. Das ist schwierig, denn ich finde, wir haben jetzt eine Show, die mir sehr viel bedeutet und in der ich mich sehr sicher fühle, und es fällt mir schwer, das loszulassen. Aber ich glaube, dass Künstlerinnen und Künstler nicht steckenbleiben dürfen. Ich mag es auch, neue Energie aus den neuen Songs zu schöpfen, denn so lernt man, wo man sich weiterentwickeln kann.“
Kein Wunder, dass Kruger bei der Frage nach ihren Erwartungen und Hoffnungen auch zuallererst die kommenden Konzerte einfallen. „Ich hoffe, auf der Bühne etwas Neues zu spüren und dass dieses Album lebendig wird. Ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Platte wirklich etwas gezaubert habe. Sie fühlt sich irgendwie sehr intensiv und sehr ehrlich an. Ich hoffe, dass wir das auf der Bühne spüren können. Ich möchte das Gefühl haben, dass im Saal etwas passieren kann, denn ich möchte das Publikum wirklich großzügig belohnen. Es ist verwirrend, genau ergründen zu wollen, was das bedeutet, weil es ein ziemlich abstraktes Konzept ist. Aber es ist ein echtes Gefühl, wenn man spürt, dass man es tut, und ich hoffe, dass wir das mit diesem Album erreichen können. Das sind meine Hoffnungen und Träume!“
Nach sieben Platten in weniger als einem Jahrzehnt hat Kruger also nichts mehr auf der bucket list, was sie mit ihrer Musik unbedingt noch erreichen will? „Ich weiß, dass das seltsam klingt, aber: nicht wirklich!“, sagt sie abschließend. „Irgendwie war ich nie ein sehr zukunftsorientierter Mensch. Ich würde gerne einfach weitermachen wie bisher, aber auf eine etwas entspanntere Art und Weise, mit etwas mehr Vertrauen in die Dinge. Ich wünsche mir wirklich nicht viel mehr, außer vielleicht etwas weniger finanzielle Unsicherheit!“
„Pale Bloom“ von Lucy Kruger & The Lost Boys erscheint auf Unique/Schubert/The Orchard.




