Platte der Woche KW 13/2026
Lindsey Jordan ist erwachsen geworden: Auf ihrem dritten Album stößt das Snail-Mail-Mastermind die Tür zum Mainstream weit auf, tut das aber so kunstvoll und organisch, dass man sich problemlos einbilden kann, dass es hier allein um künstlerisches Wachstum geht und nicht etwa um den Versuch, radiofreundlich die heute entscheidende Kundschaft jenseits der Indie-Bubble zu erschließen.
Zehn Jahre ist es inzwischen her, dass Jordan im Alter von gerade einmal 16 Jahren mit ihrer Debüt-EP „Habit“ und verletzlichen, queeren Indierock-Lovesongs allenthalben offene Türen einrannte, bevor ihr hinreißendes Debütalbum „Lush“ im Jahre 2018 und der ebenfalls bemerkenswerte Nachfolger „Valentine“ vor fünf Jahren aus ihr endgültig eine der Lichtgestalten des modernen Indierocks machten.
Auf „Ricochet“ bugsiert die inzwischen in North Carolina heimische Musikerin nun geschickt alte Tugenden auf neues Terrain. Entstanden ist dabei ein Album, das selbstbewusst klingt, auch wenn sich viele Songs um Unsicherheit und Instabilität drehen.
Textlich löst sich Jordan vom zu Beginn ihrer Karriere so prägenden Sad-Girl-Image, weil sie, wie sie selbst sagt, inzwischen nicht mehr so in ihren Emotionen ertrinkt wie als Teenagerin. Stattdessen suchte sie nach mehr Tiefe und fand zu Texten, die geprägt sind von Selbstreflexion und der stillen Angst, mitanzusehen, wie einem die Dinge, die man liebt, entgleiten. Auch wenn sie eigentlich nicht mehr viel über die Liebe schreiben wollte: Ein Liebeslied für ihre Freundin hat dann doch den Weg auf die Platte gefunden.
Klanglich knüpft „Ricochet“ – co-produziert gemeinsam mit Momma-Tausendsassa Aron Kobayashi Ritch – an die Markenzeichen an, die Snail Mail schon immer ausgezeichnet haben, doch die mitreißenden Shoegaze-Gitarren und Jordans unverwechselbarer Gesang voller unterschwelliger Zartheit treffen nun gleich bei einer ganzen Reihe von Songs auf ausladende Streicherarrangements, die ganz neue Facetten im Tun Snail Mails offenbaren.
Songs wie „Tractor Beam“ oder „Light On Our Feet“ verhilft das zu bisher ungekannter Strahlkraft, ohne dabei in die Gefühlsseligkeit zu verfallen, die so oft mit der Hinzunahme von Streichern unvermeidbar scheint. Tatsächlich ist der Einsatz des orchestralen Glanzes bemerkenswert durchdacht, denn die Songs klingen imposant und gewaltig, aber nie überladen bombastisch. Wer dabei an The Verve als Referenz denkt, liegt übrigens goldrichtig.
Bevor die Streicher gegen Ende des Albums beim Titelsong und der fast balladesk zu nennenden Schlussnummer „Reverie“ zurückkehren, taucht Jordan im Mittelteil der Platte mit Songs wie „Dead End“ oder „Hell“ tiefer als je zuvor in das Universum des schwelgerischen Indierocks der 90er-Jahre ab, wenn sie sich von den Goo Goo Dolls, Bush oder Coldplay inspirieren lässt und auch die Liste der Einflüsse – Smashing Pumpkins, Catherine Wheel, Ivy und Sunny Day Real Estate -, die sich im Waschzettel des Labels wiederfindet, nicht von der Hand zu weisen ist. Bei „Butterfly“, dem vielleicht musikalisch ungewöhnlichsten Track der Platte, standen sogar Radiohead Pate.
Will heißen? So und nicht anders sollte sich konsequente musikalische Weiterentwicklung anhören!
„Ricochet“ von Snail Mail erscheint auf Matador/Beggars Group/Indigo.




