Auch das neue Album von Hannah Sian Topp a.k.a. Aldous Harding ist wieder mal eine brillante Demonstration exzentrischer Eigenarten geworden. Natürlich waren auch die vorangegangenen vier Alben der neuseeländischen Exzentrikerin niemals geradlinig oder gar auf Gefälligkeit angelegt. Selbst als sie mit ihrem 2019er Durchbruchsalbum „Designer“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde und mit musikalisch gut verständlichen Songs wie „The Barrel“ oder „Zoo Eyes“ ihre teils obskuren Ideen in ein versöhnliches Format überführen konnte, brodelte unter der kreativen Oberfläche ansonsten stets die künstlerische Provokation.
Schon auf dem Nachfolgewerk „Warm Chris“ fehlten dann solche „Songs für die Ewigkeit“, wie Kollege Carsten Wohlfeld ganz richtig anmerkte. Das ist im wesentlichen auf dem neuen Album „Train On The Island“ auch nicht anders. Es gibt zwar Ansätze in dieser Richtung, aber eigentlich ist Aldous Harding auch gar nicht auf der Suche nach Songs für die Ewigkeit, sondern nach der Realisierung ihrer Visionen und Obsessionen. So ergeht sich Aldous Harding auf diesem Album weitestgehend in der ebenso konsequenten wie unerbittlichen musikalischen Erforschung der Stilmittel „Monotonie“ und „Mantra“. Mit dieser Einstellung setzt Aldous Harding aber eigentlich jenen Weg fort, den sie mit ihrem langjährigen musikalischen Partner in Crime John Parish bereits 2017 mit ihrem zweiten Album „Party“ eingeschlagen hatte.
Worum es auf dem Album inhaltlich geht – oder gehen könnte – liegt wie gewohnt im Ohr des Betrachters, denn irgendeine Art von kohärentem Sinn kann den codierten Lyrics der Künstlerin von Außenstehenden nicht zugestanden werden – zumal auf irgendwelche Erklärungen der Künstlerin bewusst verzichtet wird. Auf der musikalischen Seite ist die Sache etwas einfacher: Hier setzen Aldous Harding und John Parish den eingeschlagenen Weg der Dekonstruktion und Fragmentierung konsequent fort. Neben der bereits erwähnten Unerbittlichkeit kommt hier der Kombination ungewöhnlicher Akzente und irritierender musikalischer Entscheidungen eine immer größere Bedeutung zu.
Melodie und nachvollziehbare harmonische Richtungsänderungen spielen dabei offensichtlich eine eher untergeordnete Rolle. Selbst in Songs, die strukturell in konventionelle Bereiche vorstoßen – wie z.B. „Worms“ oder dasmit Huw Evans (H. Hawkline) im Duett vorgetragene Folkpop-Epos „Venus In The Zinnia“ – kommen immer wieder unerwartete Schlenker zum Vorschein, die die Zugänglichkeit zumindest erschweren. Mit der Entscheidung des Teams, Songs wie „If Lady Does It“ oder San Francisco auf halber Strecke in ihr musikalisches Gegenteil zu verkehren – oder andere wie „What Am I Gonna Do“ und das abschließende „Coats“ mit wunderlichen Akzenten wie wirren psychedelischen Harfen-Improvisationen oder jaulenden Synthie-Eskapaden anzureichern, lässt Aldous Harding die Freunde sortierter, nachvollziehbarer Songwriter-Kunst eher hinter sich.
Für all jene indes, die sich von Gehörtem gerne herausfordern lassen, die geduldig sind und die nicht den Anspruch haben, alles verstehen und ergründen zu müssen, dürfte auch diese dieses leicht verschrobene Album einen gewissen Reiz haben – vielleicht sogar einen größeren noch als das letzte Werk.
„Train On The Island“ von Aldous Harding erscheint auf 4AD/Beggars Group/Indigo.




