„Marisa Andersons Musik überschreitet Grenzen. Die Topografie ihres Schaffens hinterfragt die Schnittstellen von Kunstfertigkeit und Ausdruck mit Form und Tradition“, heißt es in den Pressematerialien zum neuen Album der amerikanischen Ausnahmegitarristin, und obwohl das eigentlich für all ihre Veröffentlichungen seit ihrem Debüt „Holiday Motel“ vor genau 20 Jahren gilt, ist es für ihr neues Album doch so wortwörtlich wie nie zuvor zu verstehen.
Die Songs, denen sie hier ihren eigenen Stempel aufdrückt, stammen allesamt aus der inzwischen im Bob Dylan Center in Tulsa, Oklahoma, aufbewahrten Sammlung des legendären Musikforschers und Archivars Harry Smith, dessen hier schon im Titel anklingende „Anthology Of American Folk Music“ einst das Folk- und Blues-Revival in den USA auf den Weg brachte.
Doch während Smith oft vor allem mit den Songs und Sounds in Verbindung gebracht wird, ohne die die heutige Roots-Musik kaum denkbar wäre, waren die Interessen des akribischen Sammlers längst nicht nur auf sein Heimatland beschränkt – und genau da setzt Anderson nun an.
Unter der Fragestellung „Wer sind die Menschen, von denen uns unser Leben lang gesagt wurde, sie seien ‚unamerikanisch‘?“ widmet sich Anderson auf dem ersten Teil ihrer als Trilogie angelegten „Anthology Of UnAmerican Folk Music“ Songs, die aus Regionen stammen, mit denen die USA seit ihrer Geburt im Jahre 1970 kriegerische Konflikte ausgetragen hat. Südostasien und die UdSSR zählen genauso dazu wie die arabische und islamische Welt.
Das entpuppt sich schnell als großartige Idee, denn so gelingt es Anderson vor dem ernsten Hintergrund geradezu spielerisch, Traditionen neu aufzugreifen und neu zu interpretieren und gleichzeitig den US-Imperialismus zu kritisieren. Denn auch wenn Anderson in den ausführlichen Liner Notes durchaus selbstkritisch erklärt, an welchen Stellen sie bei diesem Vorhaben an ihre Grenzen gestoßen ist, strahlen diese facettenreichen Songs im Spannungsfeld von Freigeistigkeit, Virtuosität und dem scharfen Blick für das Besondere doch betont hell.
So ist es gleich bei der ersten Nummer, „Quodlibet“, nur ein Katzensprung von usbekischer Volksmusik zu amerikanischer Bluegrass-Technik, während Violinistin Gisela Rodríguez Fernández beim aus Afghanistan stammenden „Sarvi Simin“ glänzt oder beim jemenitischen Stück „Zar“ gemeinsam mit Anderson um die immer wieder gleichen fünf Töne herumtanzt.
Auch wenn die Stücke Instrumentals sind, sind sie im Kern doch echte Übersetzungen, etwa, wenn Anderson bei „Pair Of Duduk“ armenische Holzblasinstrumente gegen hallgetränkte Gitarren- und gespenstische Synthesizer austauscht, während ganz zum Schluss der minimalistische „Whistle Song“ aus Vietnam von Bambusflöten auf ein E-Piano übertragen wurde.
„Ich habe einfach ganz aufmerksam zugehört und gehofft, dass diese Lieder in mein Blut übergehen und Teil meines musikalischen Wortschatzes werden“, sagt Anderson selbst über die Anfänge ihres Arbeitsprozesses, und das hat ganz offenbar funktioniert. Obwohl die Vorzeichen dieses Mal andere waren, zeichnen sich auch diese Nummern deshalb durch all das aus, was Andersons Musik schon in der Vergangenheit bemerkenswert gemacht hatte, denn auch die „Anthology Of UnAmerican Folk Music“ klingt unmittelbar, intensiv und echt.
„Anthology Of UnAmerican Folk Music, Volume 1“ von Marisa Anderson erscheint auf Thrill Jockey/Indigo.




