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Mit jedem neuen Album scheint sich die australische Songwriterin Grace Cummings neu aufstellen zu wollen (oder zu müssen). Mit ihrem ersten Album „Refuge Cove“ schien die Musikerin aus Melbourne sich 2019 zunächst als neue Indie-Folk-Queen zu empfehlen. Als die Kritiker versuchten, dieses Label auch für ihr 2022er Album „Storm Queen“ anwenden zu wollen, passte das schon nicht mehr – denn hier ging es in Richtung Art-Pop. Kein Halten gab es schließlich, als sich Grace 2024 mit dem Produzenten Jonathan Wilson zusammen tat, der ihr mit seinem Sinn fürs Voluminöse ein episches, stilistisch kaum noch greifbares Meisterwerk auf den Leib produzierte. Für das neue Album „Bloodhorse!“ tat sich Grace erneut mit Wilson zusammen, arbeitete aber mit diesem alleine an einem vollkommen anderen Biest und spielte ihr bislang raustes, ursprünglichstes und im besten Sinne monströsestes Album ein, das alleine von ihrem gutturalen Gesang zusammengehalten wird, der die Nerven bis auf die Knochen blank legt. Ach ja: Auf der Bühne präsentiert sich Grace Cummings auch schon mal als Rock-Braut.
Warum klingt eigentlich jedes Projekt, das Grace Cummings angeht, anders? „Ich denke, das ist einfach die Art, wie ich bin“, berichtet Grace, „nachdem ich jetzt viele Erfahrungen in der Welt gesammelt habe und älter werde, versuche ich jetzt einfach, mehr ich selbst zu sein. Darum geht es. Wenn einige Sachen auf der Scheibe dramatisch, turbulent und rau sind, dann liegt das daran, dass ich eben so bin. Es geht mit mir immer rauf und runter. Es ist für mich auch eine Herausforderung, das zu zeigen – aber das ist das, was ich mit dieser Scheibe machen wollte. Ich habe gar nicht versucht, etwas Bestimmtes sein zu wollen, sondern das widerzuspiegeln, was ich fühle und das dann klanglich einzufangen.“ Ging es denn auf dieser Scheibe nicht vor allem darum, Extreme auszuloten? Da gibt es auf der einen Seite ja düstere Songmanifestationen wie „My God“ und auf der anderen Seite fast unschuldige Dreampop-Tracks wie „I’m Not Crazy“ – das sind ja ganz schöne Gegensätze. „Nein – ich habe gar nicht versucht, Gegensätze auszuloten, sondern ich habe angestrebt, ich selbst zu sein – und das beinhaltet nun mal Extreme. Das ist dann halt wie eine kleine Schlacht.“
Das Album entstand ja erneut in Zusammenarbeit mit Jonathan Wilson – aber auf eine ganz andere Weise, als die letzte Scheibe „Ramona“. „Ja, Jonathan und ich haben das Album weitestgehend alleine eingespielt“, berichtet Grace, „es kamen dann einige Musiker hinzu für Kleinigkeiten, aber das Wesentliche haben wir gemacht. Bei dem Song ‚My God‘ habe ich auch mit meinem Freund Nick Finch zusammengearbeitet. Denn bei diesem Song hatte ich dann das Gefühl, dass die Stimmung nicht passte.“ War das nicht der Song, den Grace mit einer Lungenentzündung aufgenommen hatte? „Ja – aber das gilt nur für die Stöhngeräusche – dieses ‚Ha Ha‘ während des Refrains. Der Song hat ja viele Atemgeräusche und ich dachte mir, dass diese mit meiner belegten Lunge sich so rauer und rauchiger anhörten. Das repräsentiert ja auch ein bisschen einen internen Kampf, den ich da ausfechte.“
Worum geht es in dem Song eigentlich? Diesem wird ja nachgesagt, dass dieser ein Abbild unserer Zeiten darstellt. Hat der Song denn – eingedenk des Titels – eine spirituelle Konnotation? „In ‚My God‘ geht es darum, dass ich in dem Song an einen Gott glaube, der für all die verstörenden Dinge verantwortlich ist, mit denen wir gerade zu tun haben. Ich gebe da vor, dass ich am Altar dieses Gottes bete. Manchmal tue ich das auch – wir alle tun das. Hass gebiert mehr Hass und es ist eine Art von Kraft, die süchtig macht und zu der sich jedermann hingezogen fühlt – auch ich zuweilen. Ich räume ein, dass ‚Gott‘ dennoch ein großes Wort ist, das ich verwende, um diese Kraft zu beschreiben.“ Ganz anders ist hingegen der Song „John Lennon“ angelegt. Auf der letzten Scheibe nahm Grace Bezug auf den Charakter „Ramona“ aus einem Song von Bob Dylan. Was hat es denn mit der John Lennon-Referenz auf sich? „Als Kind war ich ziemlich von den Beatles besessen“, berichtet Grace, „ich weiß natürlich, dass jedermann von den Beatles besessen ist – aber ich ganz besonders. Ich hatte eine Schachtel unter meinem Bett, in der ich alle Sachen, die ich über die Beatles finden konnte, aufbewahrte. Ich strich meine Wände in grellen Farben und schrieb Beatles-Texte drauf. Der Song ‚John Lennon‘ ist somit eine Ode an jemanden, der mir viele wunderschöne Momente meines Lebens bescherte und der für gute Erinnerungen in meinem Gedächtnis sorgte. Ich schreibe ihm hier einen kleinen Brief, in dem ich mich frage, was er zu diesem und jenem sagen würde, wenn er noch hier wäre. Ich werde niemals, niemals, niemals, niemals aufhören, die Beatles zu hören. Und wenn wir darüber sprechen, dass meine Scheibe rau und ursprünglich ist: John Lennon ist derjenige, der mich durch die Weise, wie er gesprochen und geschrieben hat, und wie er sein Herz ausgeschüttet hat, mit solchen Dingen in Verbindung gebracht hat.“
Was hat Grace denn über sich selbst gelernt, als sie dieses neue Album machte? „Ich denke, dass ich in den letzten Jahren einige wertvolle Dinge über mich selbst gelernt habe“, führt sie aus, „das Wichtigste ist, dass es keinen Sinn hat, der Welt etwas geben zu wollen, was sie schon hat. Man kann der Welt aber sich selbst geben – denn das ist das einzige Ding, was die Welt nicht selbst schon hat. Ich arbeite ständig daran, ich selbst zu sein und bin bemüht, mich nicht dafür zu schämen, dass ich gar nicht erst versuche, jemand zu sein, der ich nicht bin. Alles andere wäre fake und es fiele mir auch schwer, mich zu verstellen, um anderen zu gefallen. Die Scheibe hat mich gelehrt, genau das dann auch zu machen und hat mir gezeigt, dass es auch möglich ist – und dass das nicht das Ende der Welt bedeutet.“ Das hört sich an, als sei Grace Cummings ziemlich abhängig von der Muße. Was ist denn für sie als Songwriterin die größte Herausforderung? „Eine Idee festzuhalten“, erklärt sie, „und die Disziplin zu haben, die Antenne auszufahren, die diese Idee auffangen könnte. Meine größte Herausforderung ist, gegen das Gefühl anzukämpfen, dass ich einen Song schreibe, von dem ich nicht wusste, wie ich das gemacht habe und dann überzeugt bin, dass mir das niemals wieder gelingen wird.“
Nimmt denn Grace nicht ihr Unterbewusstsein zur Hilfe? „Da muss ich sogar“, meint sie, „auch meine Träume. Ich versuche immer, Dinge, die ich anderweitig mit Worten nicht oder nur schwer ausdrücken kann – über die Welt als solches und über mich selbst – mit meiner Musik auszudrücken. Zu singen ist dabei das Schönste. Ich kann erkältet sein, Verletzungen haben, mich mental nicht wohlfühlen – aber wenn ich dann singe, macht das alles okay. Das ist das Beste – alle Probleme lösen sich dann in Luft auf.“ Heißt das dann auch, dass die Musik hilft, das Leben zu verarbeiten? „Hm ja schon“, zögert Grace, „aber ich verarbeite mein Leben auch über Vögel, Wolken und die Natur, mit der Verbindung zu anderen Menschen und mit diesen die guten Dinge des Lebens zu teilen – all das eben.“
Geht es Grace Cummings auch darum, kreativ und musikalisch etwas Einzigartiges zu erschaffen? „Ja – aber ich reiße mir kein Bein aus, um ungewöhnlich zu sein, um zu vermeiden, dass es das, was ich mache, schon geben könnte. Aber ich mag es sehr, mit Sachen herumzuspielen, die seltsam klingen – weil mir das Plaisir bereitet. Ich mag die Qualität des Seltsamen in jeder Hinsicht.“
„Bloodhorse!“ von Grace Cummings erscheint auf ATO.




