Anfang Dezember letzten Jahres starb Steve Cropper im Alter von 84 Jahren. In den 60ern war seine Gitarre auf fast jeder Produktion der legendären Stax-Studios im Memphis vertreten. Als Teil der Hausband Booker T. & The M.G.‘s spielte er Hits wie „Green Onions“ ein, war Co-Autor von Wilson Picketts „In The Midnight Hour“ und Otis Reddings Tophit „(Sitting On) The Dock Of The Bay“. In dessen Refrain heißt es weiter: „watching the tide go by“. Augenfällig also, warum Croppers Begleitband The Midnight Hour heißt und sein postum erschienenes Album „Watching The Tide“. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Cropper als Gitarrist der Blues Brothers in dem gleichnamigen Kultfilm. Ein Poser, der seine Künste in ausufernden Soli zelebriert, war Cropper nie. Seine feinen Licks stellte er immer in den Dienst des Songs und wenn Sam Moore und später die Blues Brothers in Sam & Daves „Soul Man“ rufen „Play it, Steve!“, mag ihm das schon unangenehm gewesen sein.
Für sein letztes Projekt hat Cropper vier berühmte Gitarrenkollegen eingeladen. „Ticket First“ mit Eric Clapton ist Blues-Rock von der Stange. Da gerät „Until Now“ mit Ron Woods Slide-Gitarre deutlich inspirierter. Meist bewegen sich die Stücke im Rhythm ‘n‘ Blues-Genre. Wie man es aus den Stax-Zeiten kennt, gesellen sich immer wieder mal Bläser hinzu („Blood From A Stone“, „It Gonna Get Worse“). „Tipoff To The Ripoff“ könnte unverändert auf die Setlist von Dr. Feelgood wandern. Bei „Stand Right Here“ spielt ZZ Tops Billy Gibbons Gitarre, Ana Grosh singt hier und in „Here & Gone“ im Duett mit dem Midnight Hour-Vokalisten Roger C. Reale. Gibbons ist neben dem Queen-Gitarristen Brian May auf „My Angels Are Calling“ erneut vertreten. Vor allem für Gibbons ein ungewohntes Terrain, unterscheidet sich der balladeske Popsong gewaltig vom Blues-Rock seiner Stammband. May, ganz uneitel, streut lediglich ein Mini-Solo ein, aber wer hinhört, erkennt ihn sofort. May schrieb die Lyrics, die „The Dock Of The Bay“ zitieren. Wie damals kreischen die Möwen und branden die Wellen. May hatte noch mit Cropper an dem Song gearbeitet, nach dessen Tod bekam er eine neue Bedeutung, wenn die Engel Croppers Seele in Empfang nehmen. Ein Video wie aus den Anfangstagen des Musik-Kurzfilms zeigt Fotos von Cropper, May tippt an seine Hutkrempe zum letzten Gruß und das Lied schließt mit einem „Bon voyage, Steve“. Ein würdiges Gedenken. May singt das Stück und man muss konstatieren, dass seiner Stimme das Besondere fehlt, weshalb es Queen-Neuauflagen mit externem Freddy Mercury-Ersatz versuchten. Konnte natürlich nicht funktionieren. Dennoch ein soulvoller Vortrag, der Respekt verlangt.
Eingerahmt wird das Album vom Instrumental „Tandoori Chicken“, womit sich der Kreis zu Booker T. & The M.G.‘s schließt. „Watching The Tide“ rundet das Lebenswerk von Steve „The Colonel“ Cropper ab und motiviert, einmal wieder in den Stax-Kosmos einzutauchen und zu staunen, an wie vielen Songs der Gitarrist beteiligt war. Oder den ersten Blues Brothers-Film zu schauen: „Wir bringen die Band wieder zusammen. Wir sind auf göttlicher Mission.“ Mit John Belushi könnte Cropper sich auf Wolke zu einer Session treffen.
„Watching The Tide“ von Steve Cropper & The Midnight Hour erscheint auf Provogue Records/Artone Label Group/Bertus.



