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Nach „Desintegration“ (2017) und „Erregung“ (2024) veröffentlichten Klez.e in diesem Sommer mit „Einmal mehr mit dir gegen die Furcht“ bereits ihr drittes Album, das ganz unverhohlen The Cure huldigt. Daniel Moheit, Filip Pampuch und Tobias Siebert treten dabei aber keineswegs als bloße Kopisten auf, sondern haben sich den Sound ihrer musikalischen Helden mittlerweile mit einer solchen Perfektion und Detailverliebtheit angeeignet und ihn so zu ihrer eigenen Sache gemacht, dass niemals das Gefühl aufzukommen droht, man würde einer Coverband zuhören.
Das aktuelle Album – das insgesamt sechste der Band – klingt im Vergleich zu seinen beiden direkten Vorgängern streckenweise erstaunlich poppig, kann und möchte dabei aber nie seine melancholische Grundstimmung aufgeben. Das wird auch live zu spüren sein, wenn Klez.e von Mitte September bis Anfang Oktober 2026 quer durch Deutschland reisen und insgesamt 15 Konzerte spielen – alle Daten und Tickets sind über die Bandwebsite zu finden.
Tobias Siebert sieht der Tour schon vorfreudig entgegen und hat sich vorab in seinem heimischen Studio in Mecklenburg-Vorpommern unseren zehn Fragen gestellt…
1. Was ist deine Definition von „guter Musik“?
Da muss ich erst einen Schluck Kaffee trinken… Das ist aber eigentlich eine schöne Frage, die ich mir auch schon lange stelle, weil ich ja nicht nur als Musiker unterwegs bin, sondern auch als Produzent mit Bands im Studio arbeite und mich dann frage, was Musik eigentlich für mich ausmacht. In meiner Welt würde zum Beispiel Helene Fischer nicht dazu zählen, wenn wir von guter Musik sprechen, denn da würde ich unterstellen, dass mit Baukästen gearbeitet wird: Was triggert am besten an, um gute oder schlechte Laune zu machen? Und das wird dann benutzt… Ich stelle das aber auch immer wieder in Frage und denke, dass ich den Leuten vielleicht Unrecht tue. Ich glaube, solange Musik Leuten ein Gefühl vermittelt, ein Lebensgefühl überträgt, verbreitet oder festigt, hat man vermutlich gute Musik gemacht.
2. Was war der wichtigste Einfluss bei den Aufnahmen zur neuen Veröffentlichung?
Ein ganz toller Einfluss war unser ‚analoges Facebook‘: Wir hatten auf unserer letzten Tour am Merch-Stand eine kleine Holzkiste mit Zetteln und Stiften, da konnte unser Publikum uns etwas schreiben: eine E-Mailadresse für den Newsletter, aber auch ein paar nette Zeilen oder Ideen fürs nächste Album. Da gab es dann zwei, drei Zettel, die uns aufgefordert haben, mal einen richtig poppigen Song zu machen. Ich würde nicht sagen, dass wir uns ins Studio begeben haben und festgelegt haben, dass wir jetzt ein luftiges Lied aufnehmen. Wir haben es diesmal so gemacht, dass jeder für sich geschrieben hat. Filip hat Beats aufgenommen und uns geschickt, mit denen haben Daniel und ich dann Songs geschrieben und das war alles nicht abgesprochen, aber irgendwie hat sich so ein kleiner Triggerpunkt von diesen Zetteln eingeschlichen und uns beeinflusst.
3. Warum sollte jeder deine neue Veröffentlichung kaufen?
Das ist für mich in mehrfacher Hinsicht eine schwierige Frage. Als ‚DIY-Indie-Vogel‘ schreckt mich das Wort ‚kaufen‘ immer direkt ab, aber natürlich müssen wir irgendwie auch von A nach B kommen und dieses System gibt es vor, dass wir mit Geld hantieren, insofern ist es wahrscheinlich gut, wenn unsere Platten verkauft werden. Ich glaube, wenn man ein Lebensgefühl archiviert bekommen möchte, das man entweder selbst vor 30 bis 35 Jahren hatte, oder mal reingucken will als junger Mensch, wie sich das damals in den Köpfen der Jugend angefühlt hat (man wird merken, dass vieles heute noch relativ ähnlich ist), dann sollte man diese Platte kaufen – für ein bisschen Museumseinsicht.
4. Was hast du dir von deiner ersten Gage als Musiker/-in gekauft?
Oh krass, das kann ich gar nicht so direkt sagen. Ich kann dir sagen, was ich mir vom Begrüßungsgeld nach dem Mauerfall gekauft habe, das weiß ich noch ganz genau: eine BRAVO und ein Telespiel. Da konnte man mit einer Krake an einen Schatz krabbeln, musste aber aufpassen, dass man nicht mit einem U-Boot zusammenstieß, denn dann ist die Krake umgekippt und man hatte verloren. Aber von meiner ersten Gage? Nimm lieber die Geschichte mit dem Begrüßungsgeld…
5. Gab es einen bestimmten Auslöser dafür, dass du Musiker/-in werden wolltest?
Ja, ganz klar: Oktober 1992, Deutschlandhalle, „Wish“-Tour von The Cure. Ich bin 40 Kilometer von Berlin entfernt auf dem Dorf groß geworden, und das war mein erstes Hallenkonzert, wo ich mal alleine in die große Stadt fahren durfte. Alleine wie die Bandmitglieder so graziös auf die Bühne liefen und die Techniker ihnen mit so kleinen Taschenlampen den Weg geleuchtet haben! Dieses ganze Drumherum hat mich so bewegt, da mussten die noch nicht mal einen Ton spielen, da wusste ich schon, dass ich Musiker werden möchte. Ich wollte immer, dass mir einer mit der Taschenlampe den Weg auf die Bühne leuchtet – das hat bisher vielleicht so ein-, zweimal geklappt…
6. Hast du immer noch Träume – oder lebst du den Traum bereits?
Ich glaube, wenn man aufhört, Träume zu träumen, dann ist irgendwas nicht in Ordnung. Es ist natürlich ein großes Glück und Privileg, dass ich mit Musik Geld verdienen kann, insofern lebe ich da schon einen Traum, aber ich merke, dass es immer wieder neue Träume am Wegesrand gibt, die dann zum Leben erweckt werden. Ein anderer Traum, den meine Frau und ich uns beispielsweise erfüllt haben, war, von der Stadt aufs Land zu ziehen. Wir haben 2020 angefangen, mit ziemlich viel Eigenleistung einen alten Vier-Seiten-Hof umzubauen, jetzt sind wir so langsam fertig und ich kann mir nicht vorstellen, hier je wieder wegzugehen. Es erfrischt mich, hier draußen zu sein, während mich Berlin irgendwann eher müde und alt gemacht hat, jedenfalls ab dem Moment, in dem es kippte und die Stadt nicht mehr frisch war, sondern anfing, ein bisschen ranzig zu werden. Nach der Wende war sie ja superfrisch, das war natürlich Wahnsinn, wenn man vorher auf dem Land gelebt hat. Auf unserem Hof haben wir jetzt aber völlig neue Möglichkeiten: Ich mache hier natürlich viel Musik, aber wir bringen durch Veranstaltungen auch Farbe und Vielfalt in die Gegend, was hier voll wichtig ist. Alle vier Wochen machen wir ein Café auf und jetzt bin ich auf einmal Gastronom. Das ist dann übrigens vom Musikmachen gar nicht so weit weg, denn ich versuche in beiden Fällen, jemand zu sein, der den Leuten einen Platz bietet, wo sie sich wohl fühlen können: entweder im Studio oder eben im Garten.
7. Was war deine größte Niederlage?
Wenn ich jetzt mal wieder auf die Band zurückgehe, haben wir im Umkreis unseres dritten Albums „Vom Feuer der Gaben“ (2009) einige falsche Entscheidungen getroffen, die dann dazu geführt haben, dass wir acht Jahre lang keine neue Musik mehr veröffentlicht und zwei Bandmitglieder verloren haben. Dieses Nachspiel war unsere große Niederlage, die uns aber zu dem gemacht hat, was wir jetzt sind: eine sehr stark in sich ruhende Band, die sehr beieinander ist – ein bisschen wie ein altes Ehepaar, das die Ehekrise, die es irgendwann mal gab, überlebt hat.
8. Was macht dich derzeit als Musiker/-in am glücklichsten?
Mich macht es immer wieder glücklich, live zu spielen! Ich freue mich tierisch auf die Tour und könnte ein ganzes Jahr unterwegs sein. Ich finde diesen Moment toll, wo man das, was man vorher die ganze Zeit in seinem Studiokämmerchen gemacht hat, live vorspielen kann – dass da Leute sind, die extra, weil du Musik machst, in einen Club kommen und dir zuhören; das ist etwas ganz Besonderes und das feiere ich sehr.
9. Welches ist das schlechteste Lied, das je geschrieben wurde?
Schni-Schna-Schnappi.
10. Wer – tot oder lebendig – sollte auf deiner Gästeliste stehen?
Gregor Gysi – ihn halte ich für einen wirklich guten Politiker. Ich glaube ihm, was er sagt, und ich finde gut, dass er etwas sagt, während viele andere nichts sagen, obwohl sie viel reden. Ich denke, es bräuchte mehr Leute wie ihn, auch in anderen Parteien, die eine Vision haben, aus dem Herzen zu sprechen. Außerdem erinnert er mich an meinen Opa, die sind sich sehr ähnlich…
„Einmal mehr mit dir gegen die Furcht“ von Klez.e erscheint auf Windig/Cargo.




