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„The Orchard“ ist immerhin das 13. Album der Songwriterin Heather Nova – und es folgt gleich auf dem Fuße ihres letzten Longplayers „Breath And Air“ aus dem letzten Jahr und der Live-Scheibe „Live In Europe“, die erst vor wenigen Monaten erschien. Das Album überrascht durch eine stilistische Ungebundenheit, die man zuletzt gar nicht mehr gewohnt war. Es scheint, dass die Frau von den Bermudas wieder Lust auf musikalische Abenteuer hat, wie sie das zu Beginn ihrer Laufbahn ja auch demonstrierte. Freilich: Damals ging es darum, zu einem eigenen Stil zu finden – heutzutage hingegen schöpft Heather Nova aus dem Fundus ihrer Möglichkeiten und weiß genau, was sie tut, kann und will. Deswegen überrascht es jetzt nicht unbedingt, dass sich Heather Nova heutzutage mit einer gewissen Leichtigkeit und ansteckender Begeisterung zu ihrem neuen Projekt äußert (während sie früher ja öfter eher nachdenklich und zurückhaltend agierte).
GL.de: Was steckt hinter der Symbolik des „Obstgartens“? Es scheint so, dass es auf diesem Album um das Thema Verjüngung und eine intensive Verbindung mit der Natur ginge. War das der Plan?
Heather: „Ja, genau. Ich habe zwar nie einen Masterplan und ich schreibe meine Songs nie mit einem Publikum im Sinn. Ich schreibe Songs, um mich selbst wirklich selbst zu heilen. Es ist meine Art, das Leben zu verarbeiten; um mit mir selbst in Verbindung zu kommen und ein ehrliches Bewusstsein für meine Gedanken und Emotionen zu bekommen. Es gab also keinen Masterplan, das Thema betreffend, aber ich denke, dass ich in einem Geisteszustand war, in dem mir etwas bewusst wurde: Wir alle haben Düsternis und Licht zugleich in uns, und ich hatte das Gefühl, dass es an der Zeit war, um meiner Selbst Willen nun eher in Richtung des Lichtes zu schauen – um nicht von der Dunkelheit verschlungen zu werden.“
GL.de: Nun sind deine Songs doch üblicherweise eher melancholischen Charakters?
Heather: „Nun, es ist ja auch einfacher, Songs aus einer Position des Schmerzes zu schreiben. Die Melancholie führt uns schließlich zu den tiefsten Orten unserer Seele. Das ist toll, aus dieser Position zu schreiben. Aber mir wurde bewusst, dass, wann immer du etwas schreibst, sagst, denkst oder singst und das wiederholst, es zu einer Art Mantra oder einem Gebet wird. Damit manifestierst du eine gewisse Energie. Deswegen wollte ich mit diesen neuen Songs, als ich an ihnen arbeitete, Regeneration manifestieren – und Hoffnung, Licht und Helligkeit. Auf diese Weise wollte ich mich selbst in ein Hochgefühl versetzen – und zwar, weil ich erst vor kurzem aus einer langjährigen Beziehung gekommen war.
Ich war also ziemlich traurig, weil alles vorbei war, aber ich wollte in dieser Trauer nicht zu sehr verweilen. Ich wollte auch herausfinden, was vielleicht ein positiver Aspekt sein könnte, der aus einem Ende entspringt. Denn wenn es ein Ende gibt, dann bedeutet das ja auch, dass es einen neuen Anfang geben muss. Ich wollte mich dann lieber auf diesen neuen Anfang konzentrieren, als auf die Trauer über das Ende – wenn das Sinn macht.“
GL.de: Kann es sein, dass diese Scheibe in gewisser Weise wieder auf die Anfänge verweist? Immerhin geht es in einigen Songs um Erinnerungen aus der Jugend und das Thema der Scheibe soll ja die Verjüngung an sich sein. Dann ist es auch so, dass einige Tracks wieder an die experimentelleren Sachen der frühen Phase erinnern.
Heather: „Ja, vielleicht. Das ist eine interessante Beobachtung. Es geht mir aber gar nicht so sehr darum, zu meinen musikalischen Wurzeln zurückzukehren, sondern zu meinen eigenen Ursprüngen. Es geht mir darum, zu ergründen, wer ich eigentlich bin. Denn wie ich sagte, schreibe ich ja für niemanden anderen Songs. Ich schreibe und erschaffe, was sich gut und wahr anfühlt. Ich suche immer nach der Wahrheit. Da geht es um aufrichtige Texte – aber auch um die energetische Wahrheit. Ich versuche nie, etwas zu sein, was ich nicht bin, sondern ich suche immer nach meinem Selbst – wenn das Sinn macht. Das würde also erklären, warum sich die neuen Sachen anhören könnten, wie meine früheren.
Ich glaube allerdings, dass ich mich kaum weiterentwickelt habe – haha. Es gab mal eine Phase in der Mitte – wenn du dir ein Album wie ‚South‘ anhörst, etwa – wo ich denke, dass ich mich ein wenig selbst verloren habe und zu weit von meinem Selbst entfernt hatte. Das hatte aber damit zu tun, dass ich damals bei einem Major-Label war und man dort eine andere Produktion wünschte, als die, die ich mir vorgestellt hatte. Die wollten ja Hit-Scheiben fürs Radio haben und haben mir dann Produzenten genannt, mit denen ich zusammenarbeiten sollte. Das hat sich gar nicht gut angefühlt und war auch nicht authentisch. Von so etwas bin ich heute ja glücklicherweise befreit, da ich als Independent-Künstlerin jetzt wieder alles selbst entscheiden kann – was mir erlaubt, ich selbst sein zu können.“
GL.de: Aber das bedeutet ja nicht, sich selbst Regeln zu geben.
Heather: „Nein – aber jedes Album muss für mich auch ein Abenteuer sein, ich möchte ja auch verschiedene Dinge ausprobieren – andererseits würde ich mich ja langweilen. Bei meinem ersten Album ‚Glowstars‘ habe ich ja alleine mit Loops und Electronics gearbeitet. Bei meinem Album ‚Oysters‘ hatte ich dann eine volle Band und konnte Rock-Songs umsetzen. Das Album ‚Storm‘ habe ich mit Mercury Rev zusammen gemacht – das war dann wieder ein anderes Abenteuer, meine Songs einer Band anzuvertrauen. Das Album ‚The Jasmine Flower‘ sollte ein Akustikalbum mit Streichern werden. Das fühlt sich für mich alles immer neu an – auch wenn es sich für die Außenwelt vielleicht nicht so neu anhört. Das ist übrigens der Grund, warum ich immer mit neuen Produzenten zusammenarbeite. Wenn ich schreibe, bin ich ja allein – aber ich liebe die Zusammenarbeit mit anderen in einem Studio. Wenn ich das Studio betrachte, dann geht es darum, kollaborativ herauszufinden, wie die Arrangements angelegt werden müssen und wohin die Songs eigentlich wollen und wie sie angezogen werden möchten. Das ist aufregend, denn ich mag es, mit anderen zusammenzuarbeiten.“
GL.de: Viele Songwriter-Kollegen sagen ja, dass sie die Songs gar nicht schreiben, sondern dass sie von einem geheimnisvollen Ort kommen und sie diese nur kanalisieren müssten.
Heather: „So sehe ich die Sache zu 100% auch. Es ist interessant zu hören, dass andere Songwriter das also auch so sehen. Ich glaube, Songs sind so etwas wie Geschenke. Ich denke, dass ich die Verantwortung habe, die Songs fertigzustellen, denn sie kommen in Fragmenten zu mir, und es ist dann meine Verantwortung als Künstlerin, alles zusammenzufügen.“
GL.de: Hast du denn durch diese Scheibe etwas Interessantes über dich selbst herausgefunden?
Heather: „Nun, ich habe gelernt, dass es mir immer noch Spaß macht, mich im Rock’n’Roll zu verlieren. Ich glaube, dass sich das mit dem Alter auch gar nicht ändert. Als wir zum Beispiel den Song ‚In The Path Of Hurricanes‘ aufgenommen haben, habe ich das Gefühl des Loslassens und Fallenlassens jedenfalls sehr genossen. Ich denke auch, dass Musik kein Zeitgefühl hat. Es ist richtig schwierig zu realisieren, dass man älter wird, wenn man sich mit Musik beschäftigt. Wenn du Musik machst, dann fühlst du dich selbst auch zeitlos. Man glaubt dann gar nicht, dass die Knochen und die Haut älter werden. Ich habe mir neulich noch gedacht: Moment mal, da stimmt doch was nicht – ich fühle mich ja immer noch wie 25!“
GL.de: Gibt es denn irgendwelche versteckten Botschaften in den Texten des neuen Albums, von denen die Hörer wissen sollten?
Heather: „Ich wünschte, das wäre so. Obwohl es ja langweilig ist, wenn ich einfach ’nein‘ sage. Ich würde sagen, dass es in den Songs schon etwas zu entdecken gibt, aber dass es an jedem Einzelnen liegt, das in den Songs zu finden, denn es ist ja in der Natur von Songs, dass sie hinaus in die Welt möchten – anders als ein Gedicht, das man für sich selbst behält. Wenn ich meine Songs aber in die Welt entlasse, dann gehören sie doch allen. Jeder kann also seine eigenen Geheimnisse in den Songs entdecken.“
GL.de: Wie du ja schon sagtest, hast du in der Vergangenheit verschiedene Sachen ausprobiert. Gibt es denn noch etwas auf deiner Bucket-List, was du immer schon mal machen wolltest, aber bislang noch nicht umsetzen konntest?
Heather: „Oh, da gibt es so viel. Ich möchte gerne mal ein Album mit einem vollen Orchester machen – denn das habe ich bislang ja nicht gemacht. Ich würde dann auch gerne mehr Kollaborationen mit anderen Künstlern machen – ich habe so was ja noch nicht oft gemacht. Ich habe mit der schwedischen Band Eskobar bei dem Song ‚Someone New‘ zusammengearbeitet und mit dem deutschen DJ ATB. Ich bin durchaus daran interessiert, mich breiter aufzustellen und mit anderen Musikern Kontakt aufzunehmen. Frag mich aber bitte nicht, mit wem, denn ich habe noch keine Liste aufgestellt, aber ich denke, das ist etwas, was ich künftig machen will. Ach ja: Und Duette mit Frauen möchte ich machen – weil es einfach nicht genügend davon gibt.“
„The Orchard“ von Heather Nova erscheint auf V2 Records/Bertus.



