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Warm, unaufgeregt und von einer tiefen Vertrautheit befeuert: Auf ihrem feinen neuen Album „All My Friends“ müssen Chastity Belt sich nicht neu erfinden, um zu faszinieren. Auf ihrem sechsten Studioalbum verzichtet das einst im äußersten Nordosten der USA gegründete Quartett endgültig auf die kratzbürstige Post-Punk-Attitüde ihrer frühen Tage und hüllt seine Songs stattdessen in ein Gewand aus kunstvoll aufgeschichteten Jangle-Gitarren und wehmütigen Indierock-Melodien. Mit Texten, die sich um Freundschaft, das Älterwerden, den Wert von Community und die Unsicherheiten des Lebens jenseits klassischer Lebensläufe ranken, ist es ein introspektives, angenehm unangepasstes Werk geworden, das sein Publikum bisweilen mit intimer Gelassenheit umarmt und zeigt, wie schön es sein kann, wenn man auch nach 15 Jahren immer noch gemeinsame Ziele verfolgt.
„Es fühlt sich eigentlich gar nicht so anders an. Genau wie das nächste Kapitel in einem Buch“, sagt Gitarristin und Sängerin Lydia Lund im Gaesteliste.de-Interview folgerichtig über das neue Werk. Schließlich ist das sechste Werk von Lund und ihren drei Mitstreiter*innen Julia Shapiro, Gretchen Grimm und Hunter Truscott eine Platte, die nicht mit großen U-Turns protzt, um künstlerische Weiterentwicklung zu suggerieren, sondern – der LP-Titel deutet es bereits an –, lieber die Beständigkeit dieser kleinen, großen Indie-Rock-Band zelebriert, die seit ihren frühesten Tagen in unveränderter Besetzung zusammenspielt. Zu sagen, dass sich gar nicht verändert hätte, wäre natürlich trotzdem geflunkert.
Als sich die vier Musiker*innen vor anderthalb Jahrzehnten im beschaulichen Walla Walla im Bundesstaat Washington zusammenschlossen, war ihr Sound noch von der rohen, augenzwinkernden DIY-Energie des Riot-Grrrl- und Grunge-Erbes geprägt. Mit Alben wie „No Regerts“ (2013) oder „I Used To Spend So Much Time Alone“ (2017) erspielten sie sich schnell einen festen Platz im internationalen Indie-Untergrund. Irgendwann allerdings begann für die vier auch das Leben außerhalb der Band mehr Gewicht zu bekommen, und damit veränderten sich auch die geografischen Vorzeichen der Band: Heute leben die Mitglieder über drei verschiedene US-Metropolen – Los Angeles, Seattle und Chicago – verstreut.
Diese räumliche Distanz machte klassische, wochenlange Proben unmöglich und zwang die Band für „All My Friends“ zu einem völlig neuen, fragmentierten Arbeitsmodus. Das Ergebnis dieser Zerrissenheit ist ein Album, das über Jahre hinweg stückchenweise in den unterschiedlichsten Zeitzonen Gestalt annahm. Die Sessions pendelten zwischen dem urbanen Flair des Seahorse Sound Studios in Los Angeles, der Abgeschiedenheit von Way Out in Woodinville im Staate Washington und einem geschichtsträchtigen, alten Haus auf der griechischen Insel Hydra, wo einst auch schon Leonard Cohen künstlerische Inspiration fand.
Genau diese Unvorhersehbarkeit spiegelt sich in den neuen Stücken wider, oder wie es das US-Musikmagazin Stereogum treffend zusammenfasste: „All My Friends ist das Produkt dieser Philosophie – ein Album mit Themen der Ungewissheit, entstanden in einem ungewöhnlich verlässlichen Zufluchtsort. Chastity Belt wissen vielleicht nicht, wie das Erwachsenenleben im Einzelfall aussehen soll, aber sechs Alben später haben sie ein Leben darum herum aufgebaut, immer wieder zueinanderzufinden.“
Das Ergebnis ist ein Album, das etwas rauer, unmittelbarer und weniger poliert ist als die unmittelbaren Vorgänger und somit wenn auch nicht unbedingt klanglich, wohl aber im Geiste wieder ein Stück weit zu den DIY-Wurzeln der Band zurückkehrt. Mit Gaesteliste.de sprach Lydia Lund über Songwriting als Ventil, die Lektionen aus 15 Jahren Bandgeschichte, den vorübergehenden Verzicht auf Live-Konzerte und darüber, wie ein glücklicher Zufall sie für einen Teil der LP-Aufnahmen nach Griechenland verschlug.
GL.de: Lydia, woher kommt der Impuls, etwas zu erschaffen, und welche Rolle spielt das in deinem bzw. eurem Leben?
Lydia Lund: Ich spüre nicht unbedingt einen Impuls zu kreieren, aber ich empfinde viel Erleichterung und Freude beim Prozess des Erschaffens. Ich führe schon fast mein ganzes Leben lang ein Tagebuch, und mir ist der Prozess, die innere Welt nach außen zu tragen – egal ob das mit jemand anderem geteilt wird oder nicht –, sehr wichtig. Es ist so eine Freude, gemeinsam mit meinen Freund*innen etwas zu erschaffen. Es fühlt sich wie ein sehr spielerischer Prozess an, wir können uns durch unser Zusammenspiel Witze erzählen – es ist eine Art, sich ohne Sprache zu verbinden, und mir fallen nicht viele andere Wege ein, wie ich mich ohne Sprache mit anderen verbinden kann… außer vielleicht mit meiner Katze.
GL.de: Wie hat dich/euch das Songwriting und das Musikmachen als Ventil für Gefühle und Emotionen als Mensch / als Menschen verändert?
Lydia Lund: Solch ein Ventil zu haben, war unglaublich wichtig für meine persönliche Entwicklung! Wenn ich mit anderen Menschen kreativ bin, habe ich viel mehr Mitgefühl mit mir selbst und mit dem, was ich erschaffe, weil ich es im Dienste von etwas sehe, das größer ist als nur meine eigene Arbeit. Es erdet einen und hat gleichzeitig mein Selbstvertrauen gestärkt in Bezug auf die Dinge, die ich erschaffen und durchziehen kann. Das Touren war enorm wichtig für mein Verständnis der Welt und dafür, wie vernetzt wir alle sind. Ich habe weltweit Freundschaften geschlossen, die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken kann. Ich habe durch die Praxis des Songwritings auch viel darüber gelernt, wie ich meine eigenen Emotionen verarbeite. Manchmal kommt in meinen Texten etwas ans Licht, von dem ich gar nicht gemerkt habe, dass ich es fühle, bis ich es gesungen habe.
GL.de: Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Lektionen, die ihr im Laufe der Jahre gelernt habt und die ihr nun auf die Arbeit an „All My Friends“ anwenden konntet?
Lydia Lund: Der Punkt ist nicht, dass alles perfekt klingen muss. Da jeder Teil zum Ganzen beiträgt, muss man die Last der Selbstkritik nie so tragen, wie man es als Solomusiker tun würde. Ich kann freier und weniger kritisch mit den Parts umgehen, die ich in die Band einbringe, man denkt weniger nach. Oft fühlen sich die Songs am besten an, die ganz spontan entstehen, wenn wir zusammen sind und sie sofort aufnehmen, um die Energie und das Gefühl einzufangen.
GL.de: Wie der Titel schon andeutet, setzt ihr euch auf dieser Platte textlich mit dem unterschätzten Thema Freundschaft auseinander. In Zeiten, in denen selbst Stadion-Bands langjährige Mitglieder anscheinend ohne mit der Wimper zu zucken ersetzen, ist eure Besetzung bemerkenswert beständig geblieben. Wie schafft ihr das und wie hat das eure Musik geprägt?
Lydia Lund: In verschiedenen Städten zu leben, hat uns definitiv beeinflusst und die Zeit zwischen den Alben verlängert. Aber wir haben so viel Spaß, wenn wir zusammenkommen, dass wir uns immer auf diese Zeiten freuen und dem gemeinsamen Erschaffen Priorität einräumen. Speziell für dieses Album planen wir keine Live-Shows, weil wir uns auf das Schreiben des nächsten Albums konzentrieren wollen! Es fühlt sich großartig an, dass wir den Teilen des Bandlebens Vorrang geben, die uns erfüllen – und den Teilen, die zu diesem Zeitpunkt in unser Leben passen. Wir werden vielleicht wieder touren, aber im Moment können wir uns nicht so viel Zeit von der Arbeit (oder aus unserem Alltag) freinehmen. Deshalb wollen wir sicherstellen, dass die Zeit, die wir uns nehmen, genau so genutzt wird, wie wir es wollen.
GL.de: Allgemeiner gesprochen: Was müssen Songtexte für dich haben, um gut zu sein? Was sind deine eigenen Ambitionen und Herausforderungen in dieser Hinsicht?
Lydia Lund: Ich try, an das Schreiben von Texten mit dem Ansatz „der erste Gedanke ist auch der beste Gedanke“ heranzugehen. Ich denke nicht, dass jeder Text gut sein muss. Es gibt da draußen einige wirklich großartige Songtexter*innen, und ich versuche gar nicht erst, in derselben Liga wie sie zu spielen! Ich fühle mich einfach geehrt, dass die Leute mir beim Singen zuhören. Ich mag es auch, bestimmte Wörter in meinem Mund zu spüren – ich möchte mich beim Singen einfach gut fühlen. Natürlich gibt es auch Texte, für die ich mich heute schäme, und ich weiß, dass das auch weiterhin passieren wird.
GL.de: Kommen wir zum Sound der Platte: Eure Musik hat schon immer die Übergänge des Erwachsenenwerdens wunderschön eingefangen – von der Angst der frühen Zwanziger in „No Regerts“ bis hin zu mehr Nachdenklichkeit zuletzt. Welche spezifische Lebensphase oder welches kollektive Lebensgefühl repräsentiert „All My Friends“ für die Band?
Lydia Lund: Ich würde sagen, für mich repräsentiert es eine Zeit, in der man mehr Verantwortung übernimmt als beispielsweise in den Zwanzigern, aber weiterhin den Verbindungen zu Freund*innen, der eigenen Community und kreativen Ventilen Priorität einräumt.
GL.de: Wenn du dir die Tracklist von „All My Friends“ ansiehst, gibt es da einen bestimmten Song, der sich wie ein Durchbruch oder ein Wendepunkt für das angefühlt hat, was das Album letztendlich wurde, und der den Ton für den Rest des Albums vorgegeben hat?
Lydia Lund: Nein. Die Entstehung des Albums fügte sich eher stückchenweise zusammen – ohne feste Absicht, wir haben einfach die Zeit zum Aufnehmen genutzt, wann immer es ging. Aber die Songs haben im Nachhinein ein ziemlich zusammenhängendes Thema – daher auch der Titel.
GL.de: Klanglich behält „All My Friends“ eure unverkennbaren, scheppernden Jangle-Gitarren bei, fühlt sich aber unglaublich satt und weiträumig an. Ist das einfach eine natürliche Entwicklung oder habt ihr für dieses Album zum ersten Mal nach bestimmten Instrumenten, Produktionstechniken oder Equipment gesucht?
Lydia Lund: Es ist eine natürliche Entwicklung! Vielleicht haben wir weniger Overdubs gemacht, weil wir weniger Zeit hatten! Oder weil wir mit den Songs nicht mehr ganz so pingelig waren!
GL.de: Die griechische Insel Hydra scheint sich zu einem echten Hotspot für Aufnahmen von Indie-Bands zu entwickeln. Kannst du bitte ein wenig Licht in die Hintergrundgeschichte bringen, wie es dazu kam und was die Aufnahmen dort von denen in L.A. oder Seattle unterscheidet?
Lydia Lund: Samur Khouja, der nun schon seit einigen Jahren unser Toningenieur ist, hatte mit Cate Le Bon Aufnahmen in dem Studio auf Hydra gemacht. Als wir für eine Session in L.A. waren, erzählte er uns, wie fantastisch es dort war. Zur gleichen Zeit planten wir eine Europatournee und hatten Schwierigkeiten, für eine bestimmte Woche Shows zu finden – da kam uns der Gedanke: Was wäre, wenn wir uns alle auf Hydra treffen und in dieser Zeit Songs aufnehmen?
GL.de: Eine letzte Frage: Bei all dem, was ihr bisher erreicht habt – was steht noch auf der Bucket List für Chastity Belt?
Lydia Lund: Für den Rest unseres Lebens zusammen Musik zu machen!
„All My Friends“ von Chastity Belt erscheint bei Suicide Squeeze/Cargo.



