Wer sagt denn eigentlich, dass es im R’n’B-Pop unserer Tage keine Melodien geben darf und alleine gesangliche Fähigkeiten ausschlaggebend sind? Die neuseeländische Musikerin Alayna Powley jedenfalls nicht. Denn was als erstes ins Gehör fällt bei diesem Selbstportrait eine sich entwirrenden Frau ist eben, dass es hier Melodien und einfühlsamen Gesang gibt. Obwohl sich das Projekt produktionstechnisch an den gängigen Schemata dieser Art von Musik entlanghangelt, stehen hier keineswegs alleine die Beats und Grooves (von denen es eh kaum Raum in dem balladesken Umfeld gibt) und Vokalakrobatik im Vordergrund, sondern konventionelle Songstrukturen, bemerkenswert organische Arrangements und ein eher erzählerischer Gesangsvortrag ohne aufdringliche Manierismen. Mag sein, dass das daran liegt, dass Alayna wieder nach Neuseeland zurück kehren musste, nachdem ihr US-Visum, mittels dessen sie ihrer erste EP in New York produzierte – auf jeden Fall hebt es diese Produktion deutlich von üblichen US-Produktionen ab. Auch, weil Alayna eben auf Melodien, klassische Songstrukturen, Gospel-Akzente, akustische Instrumentierung und ein jazziges Ambiente setzt – und wohl auch, weil sie einen Grund hatte, diese LP in Angriff zu nehmen, denn sie war kurz davor, die Musik dranzugeben, bevor sie erkannte, dass gerade diese ihr dabei helfen könnte ihre mentalen Probleme und Depressionen zu überwinden. Unter dem Strich ist „Portrait“ ein klassisches Selbstfindungsalbum geworden. So sehr sogar, dass die ersten Textzeiten aus dem bemerkenswert offenherzigen Opener „Buckle In Baby“ lauten: „Alayna where are you? Are you even there?“ Ergo schnallt sich Alayna an und stellt sich ihren Dämonen. Ob sie dabei die gesuchte Alayna am Ende gefunden hat, muss jeder für sich zwischen den Zeilen herauslesen. Darauf kommt es aber auch gar nicht an, denn wie bei vielen Projekten dieser Art ist hier auf jeden Fall der Weg das Ziel.
„Self Portrait Of A Woman Unravelling“ von Alayna erscheint auf Nettwerk/Warner Music.




