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Über das Label Noisolution müssen wir nicht viel sagen. Eine Institution in der deutschen Indieszene, geschmackssicher, relevant, einflussreich. Bands? Mother Tongue, Scumbucket, The Picturebooks, Kate Mosh, 24/7 Diva Heaven, Miles, Jingo De Lunch, Ulme, Steakknife, Harmful, Blackmail und jetzt ganz neu auch Zhaat und Red Mess. Und viele, viele mehr. Rock N Roll seit 30 Jahren.
Der runde Geburtstag wird in Berlin gefeiert, am 21. November 2025 werden Daily Thompson, Coogans Bluff, Anger Mgmt, Werewolf Etiquette, Aka Rinde und – wirklich wahr! – Mother Tongue in der Neuen Zukunft zocken und ihrem Label gratulieren. Macher dahinter ist Arne Gesemann. Musik-Nerd, Ober-Sympath und Urgestein.
Arne, wie alt bist du und was machst du, wenn du nicht Noisolution machst? Und: hast du mal selbst Musik gemacht oder machst noch?
Na, das geht aber ins Private. Ich bin Ende Fünfzig, hab Familie und somit das, was man ein „normales“ Leben nennt. Ja, ich habe lange auch Musik gemacht und war in Bands auf einem kleinen Punk/Indie-Level, aber mit hunderten von Konzerten, Touren, Alben.
Im Namen aller: Danke für so viel gute Musik, die wir ohne dich niemals gehört hätten. Was bedeutet Musik für dich und wann ist Musik gut?
Haha, das ist nett. Freut mich wirklich sehr, dass so etwas so aufgenommen und überhaupt registriert wird. Und es gibt in der Tat einige Alben und Bands, die ohne mich und uns gar nicht veröffentlicht wären. Musik bedeutet natürlich viel. Job, privat, Hobby, Leidenschaft… Ich höre eigentlich den ganzen Tag Musik, es interessiert mich aber auch das Drumherum. Geschichte, Geschichten, Bios, Musiktheorie, Bücher, Filme, Konzerte, Alben, Gespräche…
Erinnerst du dich an den Moment, an dem du „Ja, ich mache ein Label!“ gedacht hast und an den Moment, als es tatsächlich passierte?
Nein, nicht richtig. Als ich ca. 14 Jahre alt war, habe ich angefangen und Punk-Kassetten veröffentlicht. Punkrock, experimentelle Kassettenszene, „Homerecording is killing music“ und sowas… Ich habe mich um Bands gekümmert und Plattenverträge besorgt. Seit dem habe ich einfach immer weiter gemacht und wollte ein Teil dieser Szene sein. Ohne Masterplan oder Ziel. Einfach machen.
Was wusstest du vorher übers Labelmachen und welche Fähigkeiten und Kenntnisse hattest du?
Dadurch, dass ich wirklich DIY reingewachsen bin, ist das eine softe Entwicklung gewesen. Immer weiter machen, aber auch immer dazu lernen und immer alles hinterfragen und ändern. Ich habe das nie als bewussten Prozess gesehen, sondern wurde immer aktiver und somit professioneller. „Besondere Fähigkeiten“ sind wahrscheinlich nur, dass ich gelernt habe, zu organisieren und „zu machen“. Kassetten veröffentlichen, diese vertreiben, einen Mailorder zu starten, ein Fanzine machen, Alben zu tauschen, zu verkaufen, Konzerte dort veranstalten, wo eben keine waren. Singles veröffentlichen, Label starten. Das hinterfragt man nicht.
Was hat dich dann überrascht und welche Herausforderungen hattest du am Anfang zu meistern?
Herausforderungen sind immer da – bis heute – und eigentlich immer dieselben, denn die Branche ändert sich ständig. Ich habe ja Platten hergestellt, als es keine Computer gab, geschweige denn eMails, Streams, Downloads, Grafikprogramme… Sich den ständig neuen Bedingungen anzupassen und hinterherzulaufen ist bis heute nicht einfach. Wir sind ja immer noch eine kleine Company und man muss alles hinterfragen, immer neu lernen, immer anpassen und improvisieren.
Was sind denn 2025 die größten Herausforderungen, Hürden und Hindernisse für ein Label?
Musik verkaufen ist eine scheiß Idee in 2025. Musik wird als Gratis-Produkt gesehen und wird nicht wertgeschätzt. Dafür zahlt man heutzutage ungern. Man streamt, man lädt irgendwas runter, man sieht Videos, man hat überall Musik – aber eben umsonst. Es ist extrem aufwendig und teuer geworden. Alles was drumherum ist, muss gemacht werden, damit überhaupt jemand die Band wahrnimmt. Herstellung, Grafik, Produktentwicklung, Gema, Administration, Promotion, Marketing, Vertriebsstrukturen, Social Media, Videos… Die viel diskutierte Bürokratie ist definitiv ein „Schmerz im Popo“.
Was macht dafür denn heute mehr Spaß oder ist besser als vor 30 Jahren?
Interviews über meine Labelarbeit zu geben. Da hat man mittlerweile was zu erzählen. Mehr Spaß hat man auch, weil ich niemand mehr etwas beweisen muss und weiß, was wir können und wo wir stehen.
Wie viel Stunden am Tag denkst du nicht an das Label?
Gute Frage… vielleicht, wenn Fussball im TV läuft, also 90 Minuten plus Verlängerung. Ich wache tatsächlich oft genug morgens auf und habe von der Arbeit geträumt, habe neue Ideen, die ich mir dann aufschreibe oder lege mich abends in Bett und denke über den Job nach und was noch zu tun ist. Aber im Ernst, es gibt Zeiten, wo ich auch mal nicht dran denke, aber selbstständig sein ist nach „etwas mit Musik machen“ die schlechteste aller Ideen, die ich hatte.
Was steht auf der Noisolution Bucketlist?
Das Festival am 21. November 2025. Ansonsten habe ich gerade keine lange Bucketlist. Kommt aber sich wieder was rein.
Wonach hast du die Bands für das Festival ausgesucht?
Wichtig für so eine Party ist einfach der Headliner, eine Band, die zieht und den Club voll macht, also habe ich die Bands angefragt, die dafür in Frage kommen und einen 400-500er Raum füllen können. Dieses Mal haben einige sofort zugesagt und wir mussten sehen, wie wir das hinbekommen. Dann sollten auch neue Acts dabei sein und „kleine“ und das Label widergespiegelt werden. Dummerweise wollte ich Mother Tongue einfach wiederbeleben (Bucketlist, s.o.) und habe die dann auch wieder gefragt und geschubst… und dann kam von dort auch noch eine Zusage. Eigentlich viel zu viel…
Wer macht bei Noisolution alles mit und was macht ihr alles?
Wir sind zu zweit. Max ist der zweite Mann, spielt auch bei VUG, macht Radiopromotion und betreut viele Bereiche ergänzend. Wir teilen uns Putzen, Kaffee machen, Promo, Herstellung, Anmeldung, Verträge, Steuern, A&R, Versand, Homepage, Mailorder… gähn. Als Verlag haben wir eine Partnerfirma, mit der wir alles machen und die die Administration komplett übernimmt.
Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen und Bands vorstellen? Du bist der Boss und machst Ansagen oder eher freundschaftlich, auf Augenhöhe? Wie viel ist Business und viel ist Vertrauen und auch gemeinsame Freude? Wird viel über die Inhalte der Verträge verhandelt?
Verträge sind scheiße, aber nötig. Man muss sich „vertragen“ und vertrauen, obwohl man sich am Anfang der Zusammenarbeit nicht kennt. Mittlerweile hilft mir meine Label-Geschichte, das Vertrauen aufzubauen ist somit viel leichter geworden. Es geht einzig um Vertrauen und gute Arbeit. Wir als Firma müssen „liefern“ und immer am Start sein, dann vertrauen uns die Bands. Es geht nur miteinander, auf Augenhöhe, freundschaftlich und voller Überzeugung. Natürlich haben wir viel Erfahrung und Know How, aber darum geht es nur teilweise. Erfolg in der Musik ist schwer vorauszusehen. Deswegen müssen wir immer vorsichtig sein und das auch so vermitteln…
Wie überzeugst du KünstlerInnen und Bands, bei dir zu unterschreiben? Und wie und womit können sie dich überzeugen, sie unter Vertrag zu nehmen?
Mich kann man überzeugen, weil die Musik mich kickt. Im besten Fall ist eine coole Band mit Ausstrahlung dabei, Ideen, Stil, Charisma… aber ich bin leicht zu überzeugen, wenn die Musik mich packt. Und ich mag „gute Typen“. Wie ich Künstler überzeuge? Meist mit meiner Begeisterung und Überzeugung, dass ich an diese Musik und die Band glaube. Mittlerweile hilft natürlich auch hier die Labelgeschichte und die vielen guten Bands im Katalog, dass neue Bands uns trauen und dabei sein wollen. Manch ein Musiker ist ja mit „unserern“ Alben groß geworden!
Farbiges Vinyl, Tape, „nur“ CD, Special Editions etc. – wonach entscheidet ihr und die Band – oder nur du? – wann ihr was macht und wie ihr überhaupt einen Release mit Promo, Video, Artwork etc. plant? Was wird alles vorab geplant? Und wie viel ist davon Erfahrung und wie viel beruht auf Daten?
Alles wird ständig neu hinterfragt und besprochen und mit den Bands zusammen gemacht. Daten sind Satan. Ich bin überzeugt, dass man einfach machen muss und überzeugt loslegen muss. Von der Entscheidung der grundsätzlichen Zusammenarbeit bis hin zur Produktentwicklung, Marketing, Promotion. Einfach machen, hinterfragen, ändern, scheitern, weiter machen.
Spielt KI in deinem Job irgendeine Rolle und wenn ja: welche?
Naja, noch (!) nicht richtig, aber wir machen da natürlich auch immer mehr, schmeißen ChatGPT an, es gab erste Videos, Artworks, Sticker, Texte… alles wird probiert, aber eher auf einem spielerischen Niveau. Wie oben gesagt, es unterliegt alles einer gewissen technischen Veränderung, der man folgen muss. Aber manchmal auch aufpassen muss, dass man nicht auf jeden Zug gleich zu Beginn aufspringen muss, dafür sind wir zu klein und dürfen uns nicht zu viele Fehler leisten.
Die fünf besten Platten der Welt, die nicht auf Noisolution erschienen sind, sind?
The Clash – Debut
The Clash – Give ’Em Enough Rope
The Clash – London Calling
The Clash – Sandinistra
The Clash – Combat Rock
Ich weiß, du wolltest was anderes hören… ich habe ca, 5.000-6.000 Tonträger zu Hause, das ist echt schwer. Sagen wir mal, meine favorisierten Künstler sind Iggy Pop, The Stooges, MC5, Motörhead, Johnny Cash, Jesus & Mary Chain, Mudhoney, Black Flag, Primal Scream, Temptations, Hawkwind. Aber ich höre auch viel 60er und 70er Soul, alten Country (vor den 70ern), Hiphop der 90er und kaufe ständig neue, kleine, unbekannte Sachen.
Was passiert in naher Zukunft auf Noisolution?
Party am 21.11.2025 in der Neuen Zukunft Berlin, neue Alben von Great Machine, Zhaat (grandioser Post HC), Red Mess, vielleicht mal eine neue von Mother Tongue, neue Bands sind auch schon in der Pipeline, ich hoffe auf eine neue Platte von Coogans Bluff oder Rotor, die aber immer sooo lange brauchen. Daily Thompson kommen im neuen Jahr mit einem Album und so weiter und so weiter.
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