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Mit ihrem vierten Album „Sabbatical“ betritt die Berliner Sängerin, Songwriterin, Klangkünstlerin und Komponistin Rosa Anschütz in mehrerlei Hinsicht Neuland. Nachdem Rosa zuvor insbesondere in der Berliner Underground-Szene tätig war und ihre Tonträger auf verschiedenen Kleinstlabels veröffentlichte, fand sie dieses Mal in der Person des Musikers/Verlegers Wesley Eisold und dessen Label Heartworm Press aus L.A. einen Partner, der ihre musikalischen Visionen uneingeschränkt teilte – was dazu führte, dass „Sabbatical“ ihre erste internationale Veröffentlichung darstellt. Und auf der musikalischen Seite löste sie sich fast vollständig von ihrer „elektronischen Vergangenheit“, setzte weitestgehend auf organische Instrumentierung und versicherte sich der Mitwirkung von Kevin Kuhn von den Nerven, der mit seinem explosiven Live-Drums einige der neuen Tracks in eine ganz neue Richtung leitete.
Was hat es denn mit dem Thema „Sabbatical“ auf sich? Das Sabbatical als Bildungs-Auszeit von der normalen Arbeit ist ja im amerikanischen Universitätsbetrieb gängige Praxis – in unseren Breiten aber längst nicht so etabliert. „Die Mutter einer Freundin von mir hatte tatsächlich so ein Sabbat-Jahr als angestellte Lehrerin gemacht“, berichtet Rosa, „ich habe mich gefragt, wie sowas geht, wenn man nicht beamtet ist – und fand die Vorstellung im Allgemeinen lustig. Ich mag auch sehr den Klang des Wortes ‚Sabbatical‘ und die vielen Deutungsmöglichkeiten – das hört sich so nach Black Sabbath und irgendwas mit Hexen an (obwohl das Wort ja vom jüdischen Shabbat herrührt). Dann gibt es auch noch den kapitalistischen Begriff, der als Label aus den USA kommt. Für mich ist aber eher so die Frage interessant, was man in einem Sabbat-Jahr macht – und dass man dann darauf zurückblicken kann und sich dann überlegt, wie man etwas anders machen hätte können. Die Tracks des Albums werfen dann also einen Blick zurück auf verschiedene Themen – aber nicht im melancholischen Sinne.“
Nun ja – so richtig fröhlich klingen die neuen Songs aber auch nicht wirklich. „Klar – das Album hat schon eine gewisse Dunkelheit – aber keine Schwere“, ergänzt Rosa, „es steckt auch eine Portion Humor in den Texten – wenn man die hören will. So ist das jedenfalls gedacht. Meine Interpretation von Sabbatical ist also das ‚Danach‘ – mit einem Blick zurück, dann aber auch weiter nach vorne.“
Wo sieht Rosa denn die Funktion von Humor in einer Musik, die ja doch eher kontemplativ und düster gehalten ist? „Humor ist ja eine total feine Sache“, führt Rosa aus, „ich finde zum Beispiel, dass die Videos, die ich zu den Singles gemacht habe, sehr humorvoll sind. Humor ist eine Sprache, die man mit anderen teilt. Für mich war der humorvolle Teil, bei einigen Tracks bewusst in so eine gewisse Stimmung zu kommen und so einen anderen Charakter ins Spiel zu bringen – zum Beispiel bei dem Spoken Word-Track ‚Burlap‘. Humor bedeutet in Bezug auf die Texte für mich, dass sie mit der Musik laufen und so eine gewisse Leichtigkeit haben.“
Geht es darum, die Musik auf diese Weise etwas größer zu machen, um sie vom „richtigen Leben“ in gewisser Weise abzugrenzen? „Du meinst, etwas auszuschmücken? Ja, das wird es sein. Wenn man drüber nachdenkt, dass die Texte eh schon umgeschrieben sind, weil sie für eine öffentliche ZuhörerInnenschaft sind, dann verändere ich ja die Realität des Textes und mache ihn auf diese Weise größer. Alleine der Umstand, dass man die Stücke auf der Bühne präsentiert und eine Performance daraus macht, ist ja schon mal sehr weit von der Realität entfernt. Das macht die Situation schon größer als das Leben. Ich bin aber viel zu intuitiv, als dass ich sagen würde, dass ich so etwas bewusst mache.“
Weder ist Rosa Anschütz eine Geschichtenerzählerin, noch vertont sie ja ihr Tagebuch. Wie betrachtet sie selbst denn ihre Texte? Rein von der poetischen Seite? „Schon – ich schreibe ja auch trotzdem Tagebuch. Ich schreibe Texte auch immer so, dass sie mehrere Bahnen durchlaufen. Erst mal schreibe ich das auf, was so aus mir selbst herauskommt. Weil ich aber mit Lyrics die Erfahrung gemacht habe, dass man schnell ungewollt zu viel mitteilt oder falsch verstanden werden kann, schaue ich mir diese frei geschriebenen Texte noch mal daraufhin an, was ich wirklich mitteilen möchte. Dann schreibe ich das noch einmal um. Es ist ja sowieso ein Problem unserer Gesellschaft, dass der Privatraum immer mehr verloren geht. Man muss nicht alles teilen und sich selbst ein wenig davor schützen, dass man zu viel preisgibt. Das sollte man auch nicht, denn für die Leute sind das Momente, die sie wahrnehmen – für dich aber ist es dein Leben. Man kann ja nicht erwarten, dass die Menschen genauso behutsam damit umgehen, wie die Freunde von dir. Die Erfahrung habe ich mit ‚Rigid‘ gemacht. Da war ich ja noch sehr jung und der Song hatte sehr krasse Lyrics – und die landeten über den Remix in einem Raum, mit dem ich nicht viele Berührungspunkte hatte. Das war eine komische Erfahrung, von der ich mich mit den folgenden Alben regenerieren musste. Mit dem neuen Album ist mir das hingegen ziemlich egal.“
Auf dem Album „Goldener Strom“ gab es ja auch wieder elektronische Elemente – war das Album dann im Rückblick eher atypisch? „Das hing mit der Pandemie zusammen“, erklärt Rosa, „’Der Goldene Strom‘ stammt aus einer Zeit, wo ich mich auch wieder in andere Räume gewünscht habe – weil das die Zeit des Lockdowns war und ich die öffentlichen Räume vermisste. Der lyrische Ansatz war da auch ein anderer. Die Texte auf ‚Sabbatical‘ sind zum Beispiel sehr viel persönlicher.“
Das Covermotiv zeigt ein Foto von Paraphernalien, in deren Mitte ein Foto von Rosa zu sehen ist. Gibt es da ein Konzept? „Es gab da keinen großen Hintergedanken, weil es eher zufällig entstanden ist – was ich ganz schön fand“, führt Rosa aus. „Wir hatten ein Fotoshooting mit der gleichen Fotografin, mit der ich auch vorher zusammengearbeitet habe. Ich habe mir dann die Bilder angeschaut und habe nichts gesehen, was passte. Das Album bringt so viele unterschiedliche Themen aus so vielen Jahren zusammen, dass ich gar nicht wusste, wie ein Bild das alles zusammenfassen könnte. Ich fand das auch schwierig, weil ich in der Vergangenheit oft Streit mit den Labels hatte, weil die auf eine gewisse Weise versucht hatten, das Layout auf Schönheit zu reduzieren. Wenn ich machen wollte, was ich mochte, musste ich früher sehr dafür einstehen. Ich hatte nun keine Lust darauf, dass das Cover von ‚Sabbatical‘ einfach nur schön sein sollte. Ich sollte in L.A. spielen, wo das Label sitzt, und musste dafür meinen Reisepass erneuern. Da hatte ich dann das Foto in einem Fotostudio um die Ecke machen lassen. Als ich dann das Passbild auf meinem Tisch liegen sah, habe ich dann ein Foto von dem Tisch gemacht. Das war das Ehrlichste, was ich in dem Moment hatte. Auch weil man mit einem Passfoto ja einen neuen Abschnitt beginnt.“
Das Label Heartworm Press sitzt ja in den USA, während Rosa bislang immer auf kleinen deutschen Labeln veröffentlichte. Wie kam es denn zu dieser Zusammenarbeit? „Das Schöne ist, dass das auch auf natürliche Weise zustande kam“, berichtet Rosa, „es gibt da die Band Cold Cave, in der Wesley Eisold, der Gründer des Verlages Heartworm Press, und seine Frau Amy Lee spielen. Die haben zunächst mal eigene oder Gedichte von etwa Genesis P. Orridge oder Mark Lanegan veröffentlicht. Das sind dann Idole von mir – was aber nicht an der Musik, sondern an den Texten liegt, denn ich achte beim Musik-Hören sehr stark auf Texte. Der Drummer von der Band ist auf meine Musik aufmerksam geworden und hat mich über meine Internet-Radio-Show gefunden. Der hörte sich meine Gedichte an. Die Band hat dann mehrere Jahre meine Radio-Sendung gehört, während sie tourten. Als ich letztes Jahr mein Album „Interiors“ herausbrachte, musste ich mich von meinem Booker trennen – wegen Sexismus – und habe mich dann an sie gewendet. Die konnten mir aber in Sachen Booking nicht weiterhelfen, wollten aber Gedichte von mir veröffentlichen. Und dann habe ich ihnen geschrieben, dass ich ein Album gemacht habe – und dann ging das ganz schnell und sie wollten mein Album dann herausbringen. Das war ganz toll, weil die das Album mit seinen 14 Stücken und auch die visuelle Sprache, die ich habe, angenommen haben. Die haben sich darauf gefreut, dass ich das mache – und haben mir nicht die ganze Zeit reingeredet. Ich habe beispielsweise die Musikvideos abgegeben und dann motivierende Gespräche gehabt – und bin nicht etwa gefragt worden: ‚Warum machst du das nicht so?‘ Das habe ich bei den deutschen Labels ganz anders erlebt. Ich habe Musikvideos nicht veröffentlichen dürfen und Covers wurden abgelehnt mit banalen Gründen.“ Das sollte man ja gar nicht für möglich halten, dass es so etwas nicht nur bei der Industrie, sondern auch bei Indie-Labels gibt. „Doch, doch – die Argumentation war dann schon ganz schön seltsam. Ich wollte zum Beispiel nicht bei meinem ersten Album auf dem Cover sein. Mein Label hat mich dann dazu gezwungen. Und das war ein sehr kleines Label.“
Was ist denn überhaupt das Schwierigste im Leben einer Indie-Künstlerin? „Für mich ist es, die ganzen Höhen und Tiefen auszuhalten. Am Tag nach einem Konzert bin ich zum Beispiel immer ziemlich down. Und dann das ständige Warten. Bei einer Show wartet man auf den Soundcheck, man wartet auf seinen Zug, man wartet auf die Veröffentlichung des Albums. Man verbringt unheimlich viel leere Zeit und die Zeit ist unglaublich verzögert. Dabei in dem Gefühl zu bleiben, dass man seine Musik immer noch genießen kann und Lust hat, sie live zu spielen und in einem Jahr noch live zu spielen – das ist schwierig.“
Was kommt als nächstes für Rosa Anschütz? „Na ja – ich arbeite eigentlich immer an mehreren Projekten und habe mich da inzwischen ganz schön breit aufgestellt. Da habe ich zum Beispiel noch das Projekt Quantum Orange mit meiner Freundin Julia Shortreed, mit der ich schon seit zehn Jahren befreundet bin, seit ich sie bei einem Auftritt in Tokyo kennenlernte. Wir haben schon eine EP veröffentlicht und arbeiten jetzt gerade an einem Album. Bei dem Projekt Spoil mit Jonas Yarner und Till Funke sind wir uns allerdings nicht sicher, ob wir überhaupt noch eine Band sein wollen, obwohl wir schon etwas veröffentlicht haben – weil ich mich stärker fokussieren möchte. Und dann freue ich mich natürlich darauf, das Album ‚Sabbatical‘ dann auch live zu spielen.“
„Sabbatical“ von Rosa Anschütz erscheint auf Heartworm Press.




