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„Cool“ ist das Wort
Bitterkalt ist es an diesem Sonntagabend kurz vor Weihnachten in Rotterdam, aber das ist schnell vergessen, sobald Katie Malco und Laura Stevenson auf der Bühne stehen. Die beiden Singer/Songwriterinnen, die eine aus Großbritannien, die andere aus den USA, sind nicht nur Freundinnen fürs Leben, sondern auch künstlerisch Seelenverwandte. Denn kaum jemand versteht es so gut wie diese beiden, ungefilterte Gefühle in sagenhaft intime Songs zu verpacken, die unfassbar bewegend, aber trotzdem nie melodramatisch oder gar niederschmetternd sind.
Katie Malco macht den Anfang und fasziniert vom ersten Ton an. Die Songs, die sie solo auf ihrer feuerroten Stromgitarre spielt, strahlen eine Verletzlichkeit aus, die sich beim Plausch mit dem Publikum zwischen den Songs widerspiegelt.
Die emotionale Wucht ihrer oft todtraurigen Lieder – selbst über ihr Weihnachtslied „Be Good At Christmas“ sagt sie entschuldigend: „Fröhlich wird es euch nicht stimmen – sorry!“ – bricht sie bei ihren Ansagen bewusst, wenn sie charmant, witzig und mit viel Selbstironie über die zahlreichen Rückschläge in ihrem Leben spricht, die ihr den Stoff für ihre Lieder liefern.
Ihre in den letzten Monaten veröffentlichten Singles „Babette“, „When You’re Sleeping“ und „Fatal Attraction“ (als Duett mit Headlinerin Laura Stevenson!) spielt die inzwischen in Birmingham heimische Musikerin genauso wie Highlights aus ihrem glanzvollen, inzwischen fünf Jahre alten LP-Debüt mit dem vielsagenden Titel „Failures“.
So gibt es das von Schlaflosigkeit inspirierte „Creatures“ zu hören und natürlich auch die Großtat „Brooklyn“, mit dem Malco in packenden Bildern ihre erste Reise nach New York und den vergeblichen Versuch dokumentiert, ihre in die USA emigrierte beste Freundin zu einer Rückkehr nach England zu bewegen.
Zwischendurch nimmt sich Malco sogar noch die Zeit, ihre Tourneepartnerin und deren übermäßigen Gebrauch des Wortes „Cool“ durch den Kakao zu ziehen („Dann muss ich mir wohl jetzt was neues ausdenken“, kontert Stevenson später grinsend).
„Laura Stevenson gehört zu den Musikerinnen, denen man sich nur schwer entziehen kann. Das liegt nicht zuletzt an der Stimme der 41-jährigen Amerikanerin, die nicht nur vom ersten Ton an absolut unverwechselbar ist, sondern vor allem so super-emotional klingt, dass man, ob man nun will oder nicht, sofort mitten ins Geschehen, mitten in die Songs hineingezogen wird. Schrieben wir vor wenigen Monaten an dieser Stelle über das feine aktuelle Album „Late Great“ der Amerikanerin, und das gilt auch für ihren Auftritt im Rotown.
Mit den Liedern aus „Late Great“ im Mittelpunkt lässt sich Stevenson – erst an der Akustikgitarre, später für ein wenig Extra-Crunch bei Songs wie „Domino“ mit Malcos Stromgitarre in Händen – tief in die Karten blicken, wenn sie in ihren Liedern und bei ihren warmherzigen Ansagen die lebensverändernden Einschnitte (darunter eine schmerzhafte Trennung und eine neue Karriere als Musiktherapeutin) thematisiert, die in den vergangenen Jahren ihr Leben bestimmt haben.
Wie schon bei Malco – das symbolisiert allein schon ein Songtitel wie „Sky Sky, Bad News“ aus ihrem selbstbetitelten 2021er-Album – stürzt auch Stevenson die Zuhörenden in ein Wechselbad der Gefühle.
Mit „Move“ und „Instant Comfort“ spielt sie an diesem letzten Abend ihrer Tournee sogar zwei Songs, die zuvor nie im Programm waren. „Value Inn“ von ihrem 2019er-Geniestreich „The Big Freeze“ widmet sie derweil ihrer Mutter, die während der Europareise ihre kleine Tochter daheim in den Staaten versorgt.
Fast entschuldigend sagt sie mit einem Augenzwinkern vor der traurig-nostalgischen Nummer: „Ich glaube, später habe ich noch ein fröhliches Lied auf der Setlist – aber nur eins!“ Nicht, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer im Rotown beschwert hätten. Ergriffen lauschen sie Stevenson eine Stunde lang in atemloser Stille.




