Share This Article
Teuflisch gut
Wer ein bisschen „Konzertmathe“ beherrscht, wird sich schon beim Blick auf die Ankündigung des Kölner Konzertes von Marla Moyas „Sanguine Soul“-Release-Tour gedacht haben, dass es sich lohnen könnte, nicht erst auf den allerletzten Drücker im Blue Shell zu erscheinen. „Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr“ war da zu lesen, doch bereits um 23 Uhr sollte dann eine Indie-Party starten. Selbst bei einem relativ flotten Wechsel vom Support zum Hauptact war die Wahrscheinlichkeit also relativ hoch, dass Hello Piedpiper schon vor dem angekündigten Startzeitpunkt loslegen würde, und genau so kam es dann auch, als bereits gegen 20:45 Uhr erstmals Livemusik erklang…
Fabio Bacchet, der den Abend solo eröffnete, spielt mit seinem Projekt Hello Piedpiper Folk, wie er sein soll: voller Herzblut und mit Mut zu ungewöhnlichen Harmonien. Wer es doch erst um Punkt 21 Uhr in die Location geschafft hatte, war immerhin pünktlich zum ersten Highlightmoment vor Ort: „The Raucous Tide“ wurde in der Mitte des halbstündigen Support-Sets mit größter Inbrunst (und am Ende des Stücks a cappella) vorgetragen. Zu Beginn seines Auftritts hatte Fabio erwähnt, er habe bei Marlas Soundcheck bereits nach einem Lied gedacht, dass es für ihn schon ausgereicht hätte, um von einem „geilen Konzert“ zu sprechen. Ähnlich dürfte es manchen im Publikum auch nach dem genannten Song, dem Titeltrack des bislang letzten Hello Piedpiper-Albums von 2017, gegangen sein. Während an diesem Abend eine Loopstation hier und da den fehlenden Bandsound auffangen musste, sind Hello Piedpiper schon bald zum nächsten Mal (und dann in Vollbesetzung) in Köln zu hören: Am 21. Februar 2026 spielt die Band im Theater in der Wohngemeinschaft.
Nach kurzer Umbaupause betrat dann Marla Moya (Gesang, Gitarre) zusammen mit Rich Case (Pedal Steel), Jule Heidmann (Bass), Ran Jacobovitz (Schlagzeug) und Conor Cunningham (Keyboard) die Bühne. Den Auftakt machte das verschrobene „Penumbra“, zugleich auch der Opener von Marlas aktuellem Album. Dieser Song scheint zunächst recht konventionell daherzukommen, schlägt melodisch dann jedoch einige unerwartete Haken. Dass es die nicht immer braucht, bewies der nachfolgende Schunkler „On In My Mind“, bei dem man in den ersten Reihen in lauter glückselige Gesichter schauen konnte: „If sometimes you feel alone, just call I’ll give your heart a home.“ – das vermittelt genau jene Art von Geborgenheit, die sich in diesen Zeiten wahrscheinlich viele von uns sehnlichst wünschen.
Vor diesem Hintergrund, vielleicht etwas überraschend, gab Marla anschließend zu Protokoll, dass sie deutlich häufiger an den Teufel als an Gott denken müsse. Der Song „Hugged By The Devil“ habe ihrem Ex-Partner David Celia nicht sonderlich gefallen, weshalb sie ihn lange live nicht spielen konnte – nun hat es der Song aber endlich auf ihr neues, von Robert Francis („Junebug“) in Los Angeles produziertes Album geschafft.
Die Platte erzählt die Geschichte von Marlas Selbstfindungsprozess und ihrem schwierigen Neubeginn, nachdem sie in Toronto nicht nur ihren vormaligen Musik- und Lebenspartner, sondern auch drei Stiefkinder und – wie sie sagt – „ein ganzes Leben“ zurückgelassen hatte und nach Berlin gezogen war. Von diesem – O-Ton – „Befreiungsschlag“ erzählen Songs wie „Shedding Skin“ – und auch zwischen ihren Liedern gab die Künstlerin an diesem Abend viele private Einblicke, wenn sie beispielsweise von ihrem „sehr deutschen Vater“ und ihrer „sehr spanischen Mutter“ berichtete. Zudem enthüllte Marla, dass sich an diesem Abend ihr Bruder „mit seiner neuen großen Liebe“ im Publikum befand, der sich daran aber nicht im Geringsten zu stören schien.
Vielleicht die Überraschung des Abends: Das ruhige „Running“ avancierte dank Marlas Bitte, die instrumentalen Parts lauthals mitzusingen (was ihr natürlich kaum jemand verweigern wollte), zu einem veritablen Gassenhauer.
Neben Marlas Eigenkompositionen hatte es mit „Band On The Run“ auch ein Paul McCartney-Cover auf die Setlist geschafft. Wer noch weitere McCartney-Songs hören wolle, der solle auch beim nächsten Konzert in Köln wiederkommen und bestenfalls auch noch jemanden mitbringen, stellte Bassistin Jule mit einem Augenzwinkern in Aussicht – und ließ so deutlich durchblicken, dass sie neben ihrer musikalischen Rolle auch für das Booking zuständig ist. Es wäre ihr und allen Beteiligten sehr zu wünschen, dass das Blue Shell schon auf der nächsten Tour für Marla Moya und ihre Band zu klein geworden sein wird.

























