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„Nostalgisch, bittersweet, organisch“. Das antwortet Stefan Prange, Sänger, Gitarrist und Songwriter von The Green Apple Sea, auf die Bitte, seine Band mit nur drei Worten zu beschreiben. Das gilt natürlich auch für „Dark Kid“, das neue Album des inzwischen in und um Nürnberg heimischen Quartetts. Acht Jahre sind seit der Veröffentlichung der an dieser Stelle zur Platte der Woche gekürten LP „Directions“ vergangen, doch lange Pausen gehören für The Green Apple Sea irgendwie einfach dazu, denn ihre aus der Zeit gefallenen Storyteller-Songs im Dunstkreis von Folk, Country und Indie pflücken sie mitten aus dem Leben. Für „Dark Kid“ schlägt Prange nun einen Bogen in die Vergangenheit und erzählt in neun Episoden die verrückten Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend im Emsland, um „Traurigkeit in Melancholie zu verwandeln, Bitterkeit in Achselzucken, Wut in eine ausgestreckte Hand“, wie es im Presseinfo so treffend heißt.
The Green Apple Sea waren schon immer eine besondere Band. Mehr als 25 Jahre ist es inzwischen her, dass sie – damals noch in Münster und in der Original-Trio-Besetzung mit Stefan Prange, Bassist Frank Theismann und Henrik Schoch – zu den allerersten in Deutschland gehörten, die Indie-Tugenden mit althergebrachten Singer/Songwriter-Traditionen verbanden, lange bevor „Americana“ ein geflügeltes Wort war. „So würden Teenage Fanclub vielleicht klingen, wenn sie ‚Deja Vu‘ von Crosby, Stills, Nash & Young aufnähmen“, schrieb der Rolling Stone einmal, und da ist tasächlich etwas dran.
Seitdem hat sich viel verändert und doch ist vieles auch unverändert geblieben. Ihren alten Idealen sind The Green Apple Sea auch heute noch treu, selbst wenn Prange jetzt in Franken lebt und sich die Besetzung über die Jahre mehrfach gewandelt hat. Mit Frank „Wuschi“ Ebert als wichtigstem Verbündeten und Produzenten an seiner Seite entstanden so ohne Eile zehn detailreiche Songs für „Dark Kid“, die nicht nur mit lebendigem Storytelling faszinieren, sondern auch musikalisch reichhaltig ausstaffiert sind und dabei den so immens wichtigen und heute gerne oft unterschätzten Handmade-Faktor nicht vergessen, der auch schon bei den Vorgängern „All Over The Place“ (2000), „Forever Sounds Great“ (2007), „Northern Sky, Southern Sky“ (2010) und „Directions“ (2018) im Mittelpunkt stand.
Rund, weich und mit viel Liebe gemacht sind diese Lieder, die in den letzten fünf Jahren mit vielen aktuellen Bandmitgliedern, aber auch einer ganzen Reihe alter Wegbegleiter im Lonestar-Recordings-Tonstudio in Nürnberg eingespielt wurden und sich nahtlos in die Diskografie von The Green Apple Sea einfügen, die mit nun fünf regulären Alben nach mehr als einem Vierteljahrhundert überschaubar anmutet, dafür aber auch ohne Ausfälle auskommt.
Kurz vor der Veröffentlichung von „Dark Kid“ nahm sich Prange Zeit, um mit Gaesteliste.de über das Für und Wider langer Pausen, seine veränderte Perspektive beim Songwriting, die wie Episoden einer TV-Serien-Staffel angelegten neuen Songs und die Band-Pläne jenseits der zwischen Februar und Mai in ganz Deutschland anstehenden Konzerte zu sprechen.
GL.de: Stefan, gut 25 Jahre sind seit dem Green-Apple-Sea-Debütalbum „All Over The Place“ vergangen. Was macht dich rückblickend besonders stolz, wenn du auf all das zurückblickst, was ihr erreicht habt?
Stefan Prange: Ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass wir einfach immer weitergemacht haben. Wir haben immer die Herausforderung angenommen, immer wieder von vorne anfangen zu müssen, weil sechs bis acht Jahre zwischen zwei Platten gelegen haben. Egal, wo man vielleicht vorher mal gespielt hat, wer beim letzten Mal eine Plattenkritik geschrieben hat, wie viele Leute bei der letzten Tour auf Konzerten waren: Wir haben auch da immer neu angefangen und uns darüber gefreut, was passiert, auch wenn es vielleicht weniger war als bei der letzten Platte. Toll ist auch, dass immer wieder Platten von uns vergriffen waren. Also haben wir immer wieder mal eine Auflage ausverkauft. Das ist ein gutes Gefühl, nicht kartonweise Tonträger im Keller zu haben, die niemand mehr braucht…
GL.de: In die Arbeit an „Dark Kid“ konntet ihr all die Erfahrung von vier bisherigen LPs einbringen. Was sind die wichtigsten Lektionen aus eurer bewegten Geschichte, die sich jetzt positiv bemerkbar machen?
Stefan Prange: Ich habe ehrlich keine Ahnung, woher wir das Vertrauen nehmen, einfach immer wieder das zu machen, was wir machen. Musikalisch geht es ja seit den ersten beiden Platten um die gleichen Fixpunkte. Eher langsame Indiemusik, die so klingt, als würde Folk mit seinen Freunden Country und Pop ’ne kleine Runde drehen. Im Prinzip ist die Lektion also, dass wir einfach machen können, was wir wollen, ohne daran zu denken, dass das jemanden vielleicht langweilt. Die schönste Erfahrung ist seit vielen Jahren, dass wir trotzdem und immer noch Leuten mit unserer Musik eine Freude machen können.
GL.de: An den Aufnahmen waren auch viele alte Bandmitglieder und Wegbegleiter beteiligt. Ein schöner Zufall – oder gehörte das mit zum Konzept?
Stefan Prange: Das wollten wir genau so. Wir haben uns, genauer gesagt, noch zurückgehalten. Meist, weil wir einfach zu verpeilt sind, um jemanden anzurufen, der mitmachen soll. Aber die Idee, dass die Band sehr groß ist, und die Tatsache, dass die meisten Ehemaligen sich immer noch freuen, wieder mitzumachen, hält alles zusammen.
GL.de: Die Arrangements der neuen Songs klingen einmal mehr sehr bedacht, fraglos ein Resultat der Tatsache, dass ihr keinen Zeitdruck hattet bei der Entstehung. Trotzdem will man ja nicht in den unendlichen Möglichkeiten oder irgendwelchen rabbit holes verloren gehen. Wann ist ein Song definitiv fertig, oder besser: vollendet für dich/euch?
Stefan Prange: Es ist schon immer viel Zeug drauf, viele Instrumente und Stimmen. Wir wollen trotzdem schon grundsätzlich viel Platz lassen in den Songs. Ein typischer The-Green-Apple-Sea-Song hat eine Akustik-Gitarre, ein Tasteninstrument (meist zwei verschiedene, z.B. Rhodes und Piano), Bass und Drums und viele Stimmen. Dann als Option eine zweite (elektrische) Gitarre oder Pedal-Steel. Meistens ist das Lied fertig, wenn das drauf ist. Das sind quasi schon alle unsere Möglichkeiten, hahaha. Wenn wir dann entscheiden, jetzt kommt noch ein Saxophon-Solo drauf, dann ist das Gefühl beim Hören entscheidend, dass noch etwas fehlt. Das kann auch das Scheppern einer Besteckschublade sein. Es muss gar kein Instrument sein.
GL.de: Was inspiriert dich heute – und wie hat sich das über die Jahre verändert?
Stefan Prange: Ich schreibe jetzt direkter, worum es in einem Song geht, weniger kryptisch oder verschlüsselt. Oft habe ich auf den vorherigen Platten von jemandem in der dritten Person erzählt: „he“ oder „she“. Das hat sich zu „I“ oder „you“ entwickelt. Für mich ist das ein großer Schritt. Es bedeutet zuzugeben, dass es hauptsächlich um Sachen geht, die ich erlebt habe und nicht irgendjemand anders. Meine Inspiration ist das, was ich erlebe oder erlebt habe, natürlich ergänzt mit fiktionalen oder verdichteten Anteilen.
GL.de: Auf dem Album verarbeitest du passend zum Albumtitel Eindrücke und Erlebnisse deiner Kindheit und Jugend. Heute machen viele Acts solche Coming-of-Age-Platten ja gerne als Debüt. Was hat dich im reifen Alter dazu geführt, das in den Mittelpunkt zu stellen?
Stefan Prange: Irgendwie ist das in mir gewachsen, darüber ganz offen zu schreiben. Im Prinzip kann man auch viele der Songs auf den vergangenen Platten dem „Dark Kid“ Thema zuordnen. „How Else Can We Escape“, „I Need You To Save Me Forever“, „Which Side Are You On“ zum Beispiel. Mir fallen einfach immer mehr Geschichten aus dieser Zeit ein, und rückblickend sind das ziemlich irre Geschichten. Wenn man da drinsteckt und ein Kind oder Teenager ist, dann hat man weniger Möglichkeiten zu vergleichen und merkt gar nicht, dass das alles verrückt ist. Ich habe meinen Sohn aufwachsen sehen, er ist jetzt 17 Jahre alt und sein Leben ist und war so anders als meins. Da habe ich also meinen Vergleich und kann darüber schreiben, hahaha.
GL.de: Wonach hast du beim Texten gesucht? Ging es „nur“ um ein Beschreiben, um ein Verstehen oder tatsächlich um eine späte Verarbeitung?
Stefan Prange: Ich hatte diese eine Zeile im Kopf, „Satan is my father“, weil eben mein Stiefvater meinen Vater so genannt hat. Daraus wollte ich unbedingt etwas machen. Dann die Erinnerung „I was a dark kid“. Ich war ein eher melancholisches Kind. Warum eigentlich und wie hat sich das angefühlt? Dann ergab sich das so, dass das ein Thema wurde. Da ist dann der Rückblick auf das Kind (Episode 1 und 2), aber auch den Teenager und jungen Erwachsenen, also das, was aus dem Dark Kid geworden ist (Episode 3, 4, 5, 6, 8, 9 und 10).
GL.de: Bitte entschuldige die offensichtliche Frage: Woher stammt die Idee der Episoden? Einfach abends vor Netflix gesessen und einen Geistesblitz gehabt oder wie kam es dazu?
Stefan Prange: Mein Sohn hat früher viele Hörspiele gehört, die als Grundlage eigentlich Fernsehserien hatten. Und da kamen dann halt neue „Staffeln“ raus. Später hat er dann immer noch gesagt, wenn z.B. Deine Freunde, der Hip-Hop- Act für Kinder, eine neue Platte gemacht haben: „Ey Papa, Deine Freunde ham ne neue Staffel raus“. Die andere Inspiration war eine Serie namens „Community“. Da hatte ich viel über die Entstehung und die Autoren gelesen. Das Ziel der Macher war es, „Six Seasons and a Movie“ zu machen. Es wurden dann nur fünf Staffeln, glaube ich. Das fand ich einen tollen Aufhänger für uns.
GL.de: Sehr schön ist auch die Coverversion eines Songs der Neuseeländer Jean-Paul-Sartre-Experience. Wie passt die denn in den Kontext all dieser sehr persönlich gefärbten Lieder?
Stefan Prange: Wir haben kurz vor Ende der Aufnahmen für die Platte eine Aufnahme-Session mit Henrik Schoch (Gründungsmitglied) gemacht. Wir hatten eigentlich nix vor, haben aber auf einmal zwei neue Songs und zwei Cover aufgenommen. Die Session war großartig, und da wir ja immer einen Cover-Song auf einem Album haben wollen, mussten wir entscheiden zwischen unserer Version von „Die Young“ von Sylvan Esso und „I Like Rain“ von JPSE. „Die Young“ hätte inhaltlich etwas besser gepasst, aber ich hatte „I Like Rain“ unserem Freund Rob Mayes aus Neuseeland geschickt. Er betreibt das Label Failsafe Records und hat mit Dave Mulcahan, dem Sänger von JPSE, in einer Band gespielt. Rob hatte Dave unsere Version geschickt und dieser hatte geantwortet: „That’s quite a nice version.“ Also stand die Entscheidung, hahaha.
GL.de: Das Terrence-McKenna-Zitat am Ende ist wirklich ein sehr versöhnlicher Abschluss. Hast du explizit nach einem einprägsamen Fazit gesucht oder ist dir das in den Schoß gefallen und es drängte sich dann als Schlusssong auf?
Stefan Prange: Ich hatte mich kurz einmal in McKennas Lebensgeschichte „reingenerdet“ und fand ihn wirklich faszinierend. Über das Zitat bin ich dann eher zufällig gestolpert, aber es passte perfekt, weil ich selbst seit vielen Jahren davon überzeugt bin, es aber bisher nicht in Worte fassen konnte: „I know this now. It’s all about love. Making someone else’s life a little bit better.“
GL.de: Direkt nach der Albumveröffentlichung startet die Tournee – und dann…?
Stefan Prange: Als Lars Hiller (K&F Records) den Promotext für die Platte schreiben wollte, hatte er mich gebeten, ihm etwas zur Inspiration zu schicken. Ich habe ihm dann Kurzgeschichten zu drei oder vier Episoden geschickt und einen Epilog, der hängt, glaube ich, sogar an dem Promotext dran. Lars hat mir dann irgendwann geantwortet: „Stefan, wir machen ein Buch!“ Also muss ich gerade alle Geschichten hinter den Episoden aufschreiben. Ich hoffe, das geht schnell, hahaha. Ich denke, ich fahre dann vielleicht allein ein wenig auf Tour und spiele die Songs und lese die Geschichten.
Dann ist mir klargeworden, was für uns die Staffel sechs sein könnte, die ich eben im Zusammenhang mit „Community“ angesprochen habe. Neben Songs, die man „Dark Kid“ zuordnen kann, gibt es Songs mit dem Thema „The Best Ever Death Metal Band from Haselünne“. Im Prinzip eine Geschichte über fast dreißig Jahre Musikmachen. Wir möchten mehr neue Songs aufnehmen, alte Songs neu aufnehmen, Cover-Versionen aufnehmen und das Ganze dann unter diesem Titel veröffentlichen, aber über Jahre hinweg und vielleicht gar nicht als Album.
Dann wartet ein Collab-Album mit The Marble Man immer noch darauf, veröffentlicht zu werden. Eigentlich ist es fertig. Aber wie das halt so ist… life is in our way… Wir haben auch eine Split-Single mit The Gentle Lurch aufgenommen vor einigen Jahren, die kommt hoffentlich bald.
„Dark Kid“ von Green Apple Sea erscheint bei K&F Records/Hometown Caravan/Broken Silence.




