Deadletter haben die Zukunft fest im Blick. Auf ihrem nun erscheinenden zweiten Album, „Existence Is Bliss“, nutzt das ursprünglich aus Yorkshire stammende Sextett sein an dieser Stelle zur Platte der Woche gekürtes Debütalbum „Hysterical Strength“ aus dem Jahre 2024 als Sprungbrett, um seine Musik an der Schnittstelle von Alternative Rock und Art-Rock ohne Gedanken an Genrebarrieren noch raffinierter auszustaffieren.
Begeisterte der Erstling mit kathartischer Wucht und kribbelnder Live-im-Studio-Post-Punk-Dringlichkeit, liegt der Fokus von Frontmann Zac Lawrence und den Seinen dieses Mal woanders. Zwar sorgen Songs wie „It Comes Creeping“ oder „Cheers!“ dafür, dass das Band zur Vergangenheit nicht vollends zerschnitten wird, doch schon bei den ersten Tönen der Platte wird deutlich, dass dieses Mal die Freude am Experimentieren eine wesentliche kreative Antriebskraft war.
Mit Warmduscher-Bassist Ben Romans-Hopcraft als Produzent tauschen Deadletter die Unmittelbarkeit ihres Debüts, auf dem sie die elektrisierende Energie ihrer Konzerte perfekt eingefangen hatten, jetzt gegen merklich mehr Facettenreichtum, wenn melodische Aspekte und die Freude am Entdecken der Möglichkeiten im Studio stärker in das Blickfeld der Band rücken.
Kantige Gitarrenriffs und Offbeat-Farbtupfer des Saxofons bleiben zwar auch auf „Existence Is Bliss“ Markenzeichen, doch während „Hysterical Strength“ Deadletter praktisch durchgängig im (Indie-)Rock-Band-Modus zeigte, treten nun all die bisweilen geradezu avantgardistisch anmutenden Ideen deutlicher zu Tage, die auf dem letzten Album noch unter fesselnder raw power begraben waren.
Tanzbare Rhythmik, funky Basslines oder dezente Industrial-Vibes sorgen so gleich bei der Eröffnungsnummer „Purity I“ für frischen Wind, bevor „To The Brim“ zu Beginn mit den sanften Klängen einer Akustikgitarre überrascht und sich „What The World Missed“ sogar als (fast) lupenreine Ballade entpuppt.
Der charismatische Sänger Zac Lawrence tut derweil auch auf „Existence Is Bliss“ das, was ihn schon in der Vergangenheit aus der grauen Masse der Künstlerinnen und Künstler herausstechen ließ, die ihre Texte mitten aus dem Leben pflücken, und fasziniert auch dieses Mal mit messerscharfen Formulierungen und erzählerischer Leichtigkeit zwischen Introspektion und social awareness, wenn es darum geht, Angstzustände, Paranoia und den Druck, in einer technisierten modernen Welt zu leben. zu beleuchten.
Entstanden ist so eine Platte, deren Kratzbürstigkeit und Tiefgang das Publikum deutlich mehr fordert als der Vorgänger, gleichzeitig durch seine mutige stilistische Öffnung und Weiterentwicklung aber auch dafür sorgt, dass Deadletter nun endgültig all ihren auf bewährtem Post-Punk-Terrain verharrenden Seelenverwandten mindestens eine Nasenlänge voraus sind.
„Existence Is Bliss“ von Deadletter erscheint auf So Recordings/Rough Trade.




