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Kontrollierte Offensive
Deadletter stellen sich neuen Herausforderungen. Mit „Existence Is Bliss“, dem just veröffentlichten feinen zweiten Album, zeigt das heute in Südlondon heimische Indie-Sextett mit Wurzeln in Yorkshire, dass es mehr will als nur Sturm und Drang. Ohne alte Tugenden auf den Kopf zu stellen, werden die Unmittelbarkeit und die eingängigen Hooks von „Hysterical Strength“ nun ergänzt durch eine neue (klangliche) Zurückhaltung und Geduld, die vielen Songs mehr Raum zum Atmen bietet. Auch das Konzert in Bielefeld spiegelt diesen Wandel wider, oder um es im Fußball-Jargon auszudrücken: Statt mit kick and rush glänzen Deadletter im Forum mit kontrollierter Offensive.
Den Auftakt machen False Lefty, und die wissen vermutlich noch nicht einmal, wie man kontrollierte Offensive schreibt. Lieber wandelt das britisch-österreichische Duo aus Köln (ja, wirklich!) auch in Bielefeld allein schon besetzungstechnisch auf den Spuren der White Stripes, wenn die rauen Klänge einer nur dreisaitigen Gitarre, rudimentäre Drum-Parts vom Standschlagzeug und feurige Energie reichen, um den Funken beim Publikum praktisch in Sekundenschnelle überspringen zu lassen.
Mit den Songs ihres auch an dieser Stelle ausführlich gewürdigten LP-Debüts „Time Will Tell“ im Gepäck zeigen Tom und Veva Allan, dass raues Geschrammel und tröstliche Melancholie keine Gegensätze sein müssen, und erweist sich mit seinem expressiven Bühnengebaren auch rein visuell als prima Einheizer für Deadletter.
Die Briten stehen danach zu sechst auf der Bühne, aber fast könnte man sich einbilden, dass Frontmann Zac Lawrence und den Seinen inzwischen die Konzentration auf das Wesentliche genauso wichtig ist wie zuvor False Lefty. Nicht, dass Deadletter deswegen auf Kuschelkurs gingen. Dafür sorgen allein schon die intelligenten Storytelling-Texte, mit denen sich die Band grimmig der Absurdität des modernen Lebens entgegenstellt, und dass als Pausenmusik „North American Scum“ von LCD Soundsystem läuft, ist vermutlich weniger Tage nach dem US-Bombardement im Iran auch kein Zufall.
Am ersten Abend der großen Deadletter-Europatournee – Premiere in Bielefeld, das gibt es auch nicht alle Tage! – ist klanglich derweil stets spürbar, dass die Songs von „Existence Is Bliss“ auch auf der Bühne von Reibung leben. Das Fundament der Lieder ist und bleibt in den klassischen Werten des Post-Punk der späten 70er- und frühen 80er-Jahre verankert, doch der echtethrill entsteht immer dann, wenn vor diesem Hintergrund die Grenzen zwischen Art-Rock und Dance-Punk verschwimmen.
Auch wenn der schweißtreibende Exzess früherer Konzerte dadurch ein Stück weit in den Hintergrund gerät: In Songs wie „It Comes Creeping“ oder „Cheers!“ lebt das elektrisierende Chaos der frühen Tage mit neuen Vorzeichen weiter und wird nicht zuletzt durch Saxofonist (und Teilzeit-Perkussionist) Nathan Pigott, der sich an diesem Abend als heimliche Wunderwaffe der Band entpuppt, und den fantasievoll-facettenreichen Einsatz seines Instruments auf eine neue Stufe gehoben.
Hatten Deadletter zuvor Vergleiche mit Gang Of Four oder Magazine heraufbeschworen, darf man nun hier und da das Gefühl haben, sich in der Welt von David Bowie zu Zeiten seiner „Berlin Triology“ oder auf den Spuren der Talking Heads zu befinden, wenn funky Basslines, immer wieder durch Percussion-Einlagen von Pigott ud Lawrence unterstützte Grooves und ein Hauch von Industrial alte Strukturen aufbrechen.
Doch nicht nur musikalisch ist die Neuausrichtung Deadletters unübersehbar. Wo Lawrence‘ Auftreten vor anderthalb Jahren nicht nur wegen des nackten Oberkörpers noch zu Vergleichen mit Iggy Pops manischer Bühnenenergie einlud, zeigt sich der charismatische Sänger nun deutlich zugeknöpfter und öfter als Gitarrist und erinnert so – trotz einiger Ausflüge ins Publikum – oft eher an die Ernsthaftigkeit eines Ian Curtis. Nur Gitarrist Sam Jones hat das Memo nicht erhalten, dass jetzt in der Band vieles etwas anders ist und liegt wie eh und je die meiste Zeit quer in der Luft.
Tatsächlich ist natürlich nicht alles neu. Zwischendurch brechen bei alten Heulern wie „Binge“ oder „Mere Mortal“ doch noch alle Dämme, als wollten Deadletter sagen: „Seht her, allen Veränderungen zum Trotz: Wir sind immer noch die Alten!“























