Platte der Woche KW 11/2026
Als uns Polly Mackey alias Art School Girlfriend an dieser Stelle vor inzwischen fast sieben Jahren zum ersten Mal begegnete, konnte man die aus Wales stammende, heute aber im englischen Margate in Kent lebende Musikerin noch ohne rot zu werden als Singer/Songwriterin bezeichnen, denn damals glänzte sie mit hochemotionalen Songs im Art-Pop-Dunstkreis, die noch deutliche Spuren ihrer Shoegaze-Vergangenheit trugen.
Spätestens mit ihrem 2023 erschienenen Breakthrough-Album „Soft Landings“ hat sich die Britin dann aber endgültig zu einer Klangtüftlerin gemausert, die mit typischen „Das Mädchen mit der Gitarre“-Klischees überhaupt nichts mehr zu tun hat, wenngleich unter der Oberfläche Live-Instrumentation immer noch ein wesentlicher Bestandteil ihrer Herangehensweise ist.
Den einmal eingeschlagenen Weg setzt sie nun auch auf ihrem in Eigenregie produzierten dritten Album Nummer fort. Mit „Doing Laps“ hat Makey einen Einstieg gewählt, der ihren Hörerinnen und Hörern zwischen Ambient-Abstraktheit und einschmeichelnder Dream-Pop-Sanftheit sofort den Weg in die Art-School-Girlfriend-Welt ebnet und gewissermaßen die Stimmung des verschwommenen Fotos auf dem Albumcover zum Klingen bringt.
Auch „L.Y.A.T.T.“ glänzt mit dem perfekten Zusammenspiel von elektronischen und organischen Elementen und unterstreicht dabei eindrucksvoll, dass bisweilen der Weg von Shoegaze zu House Music gar nicht so weit ist, wie vielleicht auf den ersten Blick vermutet.
Während sich diese euphorische Nummer mit ihrer mantramäßigen „Love you all the time“-Titelzeile zu einer kleinen Rave-Hymne aufschwingt, ist der Chill-Faktor bei Tracks wie „The Peaks“ oder „The Field“ deutlich höher, wenn Ambient-Versatzstücke stärker in den Mittelpunkt rücken und gerade das letztgenannte Stück fast ein wenig an die unvergleichlichen Boards Of Canada erinnert.
„Save Something“ deutet dagegen dezent in Richtung Trip-Hop, „Down The Line“ betont die Gitarren und „Framer“ zeigt ganz am Ende mit offensichtlichen Aphex-Twin-Vibes noch einmal, welch großen Einfluss das bahnbrechende 90er-Jahre-Oeuvre von Warp Records auf Makeys Tun als Art School Girlfriend hat.
Überhaupt ist bei diesen zehn faszinierend facettenreichen Tracks stets spürbar, dass es Makey darum geht, ihre Emotionen in Klänge zu übersetzen, anstatt auf eine Popstar-Karriere zu spekulieren. „Ich habe mich entschlossen, all das zu vermeiden, was ich nicht mehr machen will“, sagte sie kürzlich in einem Interview, und genau das sorgt auf „Lean In“ für den Unterschied.
Inhaltlich verarbeitet sie auf dieser LP das, was sie an anderer Stelle bereits als „big life shit“ bezeichnet hat. Entstanden ist so eine sehr nachdenkliche, in sich gekehrte Platte, deren Texte sich um existenzielle Themen wie Trauer, Freude, Liebe oder innere Unruhe drehen, die in diesen Reverb-schwangeren Songs voller wohliger Melancholie auch klanglich ihre Entsprechung finden.
So klingen ihre Lieder im positivsten Sinne wie Bedroom-Aufnahmen und nicht wie die Majorlabel-Produktion, die dieses beim Branchenriesen Universal erscheinende Album tatsächlich ist.
Mit Songs voller Intimität, die sich aller elektronischen Hilfsmittel zum Trotz betont menschlich anfühlen, geht Polly Makey in Zeiten, in denen Stromlinienförmigkeit immer höher im Kurs steht, nicht nur bewusst ihren eigenen Weg – ihr ist mit diesem Album auch ein wirklich großer Wurf gelungen.
„Lean In“ von Art School Girlfriend erscheint auf Fiction Records/Universal.



