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Love, Basically
Der Termin im Hamburger Nochtspeicher war einer von nur zwei Stopps in Deutschland, den die amerikanische Songwriterin Courtney Marie Andrews im Rahmen ihrer gerade laufenden Band-Tour zur Präsentation des im Januar erschienenen aktuellen Albums „Valentine“ vorgesehen hatte. Logisch, dass die Fans dann auch von weiter her anreisten, denn auf der Tour im letzten Jahr, auf der Courtney zusammen mit ihrem aktuellen Partner Jerry Bernhardt erste Tracks des Albums in einem akustischen Setting präsentierte, war sie ja nur bis in die Niederlande gekommen und hatte gar nicht bei uns gespielt.
Als Support-Act hatte sich Courtney den schratigen Liedermacher Taylor Zachry aus ihrer Wahlheimat Nashville mitgebracht – der in ihrer Band dann zugleich als Bassist fungierte. Taylor Zachry hat eine Menge guter Songs im Gepäck – und einen besonderen Spleen. Wo andere sich nämlich in irgend einer Weise mit dem Zeitgeist arrangiert haben, hat Zachry Probleme mit allem Digitalen. Anstatt sich nämlich mit einem Sampler oder einem Triggerpad zu bewaffnen, um beispielsweise auf der Bühne Backing-Tracks oder Beats zur Unterstützung des Solo-Programmes heranzuziehen, arbeitete Taylor mit einer analogen Rhythmusmaschine und einem Vier-Spur-Cassetten-Deck – wobei er hier auf verschiedenen Cassetten Live-Drums und Percussion-Tracks abspielte, die er dann live tweakte und einblendete. Auch sein mit Produzent Ryan McFadden in mehrjähriger Arbeit zusammengetragenes Debütalbum „Songs I Always Had“ gibt es vorerst nur auf Cassette – weil Zachry die Sache mit dem Streamen noch nicht gemeistert habe, wie er sagte. Mit einigem Stolz ist es ihm bislang immerhin gelungen, seinen Song „Bioluminescent Sand“ auf Bandcamp hochzuladen – der im Übrigen alle auch in Hamburg zur Schau gestellten songwriterischen und performerischen Qualitäten Zachrys anschaulich wiedergibt. Noch etwas Lustiges: Statt eines handelsüblichen Kazoos verwendet Taylor Zachry eine Kinder-Karaoke-Maschine, um bewusstseinserweiternde Gesangseinlagen entsprechend aufzuwerten.
Courtney Marie Andrews hatte das Album „Valentine“ alleine zusammen mit Jerry Bernhardt eingespielt und arrangiert – und dabei eine ganze Reihe verschiedener Elemente produktionstechnisch zu einem ungewohnt fülligen Klanggebilde zusammengefügt. Obwohl ihre brillanten Songs natürlich auch im klassischen Solo- oder Duo-Setting funktionieren, war es ihr aber von vorneherein wichtig, dass sie das Material im Live-Kontext auf dieser Tour dann auch mit einer Band präsentieren wollte, denn insbesondere die vielschichtigen Arrangements der Studioproduktion sind bis heute ihr ganzer Stolz.
Vermutlich war das dann auch der Grund dafür, dass Courtney zunächst mal die ganze LP von vorne bis hinten live präsentierte, um so alle Aspekte der Studio-Produktion abdecken zu können. Dieser Ansatz ist ja nicht ohne Risiko, da das „normale Konzertpublikum“ ja üblicherweise bekannte Songs und Hits hören möchte. Nun hat Courtney Marie Andrews aber kein normales Konzertpublikum, sondern eine treue Anhängerschaft versierter Courtney-Kenner, die mit allem, was sie macht bestens vertraut sind und insofern auch das aktuelle Album schon in und auswendig. Insofern herrschte im Nochtspeicher dann eher eine gespannte Aufmerksamkeit als etwa jene Art von ungeduldiger Grundstimmung, die auftritt, wenn die Fans auf etwas zum Mitsingen warten.
Obwohl die Struktur des Programmes ja durch die Songfolge des Albums vorgegeben war, artete die Sache natürlich nicht in eine klinische Reproduktion der Studio-Arrangements aus. Das war ja schon alleine deswegen auch nicht sinnvoll, weil verschiedene Elemente auch im Band-Kontext gar nicht wiedergegeben werden konnten (beispielsweise elektronische Sounds). Stattdessen suchten die Musiker dann nach Möglichkeiten, durch Instrumentenwechsel ihre Vielseitigkeit zum Ausdruck zu bringen. So begann Courtney die Show auf der mit Herzen und Vögelchen liebevoll ausgestatteten Bühne dann mit dem Opener „Pendulum Swing“ hinter dem E-Piano sitzend und wechselte erst später zur Akustik-Gitarre. Für Songs wie „Cons & Clowns“ oder „Little Picture Of A Butterfly“ griff sie dann auch gelegentlich zur bereitgelegten Querflöte (soweit sich das gesangstechnisch einrichten ließ) und griff dann für „Everyone Wants To Feel Like You Do“ auch zur elektrischen Gitarre, während dann Jerry Bernhardt ans Piano wechselte. Auf diese Weise ließen sich die verschiedenen Aspekte der Arrangements dann – mit anderen Betonungen als auf der Scheibe – durchaus einfangen. Trotzdem gab es natürlich echte Live-Musik – denn es ist ja etwas anderes, die songwriterischen Qualitäten und die technische Provenienz der Musiker zu bewerten, als diese von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen zu sehen und auf gewisse Weise mit ihnen interagieren zu können. Die empathische Energie, mit der sich Courtney Marie Andrews gesanglich engagiert, ist jedenfalls nur im Live-Kontext körperlich erfahrbar. (Das meint natürlich den sogenannten Gänsehaut-Effekt.)
Nachdem die Band dann mit dem Song „Hangman“ am Ende der zweiten Seite der LP angekommen war (wie es Courtney formulierte), gab es dann im zweiten Teil des Sets auch die älteren Highlights aus Courtneys umfangreichen Back-Katalog zu bewundern. Hatten sich Courtney und die Musiker im ersten Teil der Show noch weitestgehend an den Studio-Versionen der Valentine-Songs orientiert, so zeichneten sich die Versionen der älteren Tracks im zweiten Teil der Show dann vor allen Dingen dadurch aus, dass die Songs in grundlegend überarbeiteten Fassungen zu Gehör gebracht wurden. „Table For One“ (der gar nicht auf der Setlist gestanden hatte) wurde dann zum Beispiel in einer entschleunigten, einfühlsamen Slow-Motion-Version dargeboten, bei der Jerry Bernhardt seine Gitarre zum Beispiel eher streichelte als spielte. Gleich danach folgte mit „Near You“ gleich ein weiteres Highlight. Der Song gehört ja sowieso zu Courtneys besten Kompositionen – wobei die Band das Publikum im Nochtspeicher dann im zweiten Teil des noch folky eingeleiteten Tracks mit einer schwelgerisch/hymnischen Passage überraschte. „Ich versuche immer, etwas Neues zu machen“, erklärte Courtney nach der Show. Zu Ende ging der Abend musikalisch dann mit zwei Solo-Zugaben der Songs „May Your Kindness Remain“ und dem Publikums-Wunsch „Honest Life“, mit denen Courtney ihr nostalgisches Faible für bittersüße Reminiszenzen dann noch ein Mal besonders unter Beweis stellen konnte.
Courtney Marie Andrews scheint momentan extrem glücklich zu sein. Nicht nur musikalisch, sondern auch im Allgemeinen. Das Thema des Albums „Valentine“ ist ja dann auch irgendwie die Liebe als solche (jedenfalls die Art von Liebe, die übrig bleibt, wenn man sich – wie Courtney – vom Zustand der Besessenheit befreit hat). Und ergo machte sie das dann auch zum Thema des Abends. Nachdem der offizielle Teil der Show zu Ende war, richtete sich Courtney mit einem flammenden Appell ans Publikum und erklärte die Liebe als Basis für alles Gute im Angesicht der ganzen Umbildungen, Kriegen und Krisenszenarien, denen wir uns insbesondere zurzeit ausgesetzt sehen. Seid nett zueinander und liebt eure Mitmenschen, war Courtneys Botschaft für diesen Abend; die sie übrigens auch über Gedichte aus ihrem aktuellen Buch „Love Is A Dog That Bites When It’s Scared“ vermittelte, die sie den Songs „Little Picture Of A Butterfly“ und der versöhnlichen Elegie „If I Told“ von der Trennungs-LP „Old Flowers“ hintanstellte (wobei gerade dieser Song das Liebes-Thema des Abends dann noch einmal besonders anschaulich zum Ausdruck brachte). Wenn es darum geht, nach einem gelungenen Konzertabend mit einem guten, heimeligen Gefühl der Erfüllung nach Hause zu gehen, dann war das nach dieser Show gewiss der Fall.


























