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„Ich finde es aufregend, ehrlich zu sein“, hat Philine Sonny vor einigen Jahren mal in einem Interview gesagt, und genau das macht auch den Reiz ihres ausgezeichneten Debütalbums aus, das nun nach einem langen Anlauf endlich erscheint. Mit „Virgin Lake“ schlägt die ursprünglich aus Unna stammende Musikerin eine Brücke von autobiografischem Singer/Songwriter-Storytelling zu einem lebendig-zeitlosen Indie-Sound, wenn sie mit unerbittlicher Aufrichtigkeit ihr bisheriges Leben Revue passieren lässt und dabei ihr persönliches Wachstum vor dem Hintergrund familiärer Entfremdung dokumentiert.
Jahrzehntelang war das Ruhrgebiet in Sachen Indierock praktisch ein weißer Fleck auf der Landkarte, aber in den letzten Jahren hat sich das ein Stück weit gewandelt. Maßgeblichen Anteil daran hat auch die inzwischen in Bochum heimische Philine Bernsdorf alias Philine Sonny – der stage name ist Bruce Springsteens „Racing In The Street“ entlehnt -, die seit der Veröffentlichung ihrer ersten Single „Lose Yourself“ Ende 2021 mit praktisch mit allem, was sie tut, für Furore sorgt.
So begeisterte sie in der Vergangenheit mit den beiden EPs „Lose Yourself“ (2022) und „Invader“ (2024), rannte auch mit Auftritten in England, Frankreich und sogar in den USA offene Türen ein, machte als Special Guest von Casper erste Stadionkonzert-Erfahrungen, stand für eine Aufzeichnung des altehrwürdigen „WDR-Rockpalast“ auf der Bühne und war auch sonst immer dort zu finden, wo es musikalisch richtig spannend wurde. Nur eine komplette LP, die ließ lange auf sich warten. Bis jetzt.
Auf ihrem nun erscheinenden Debütalbum „Virgin Lake“ fasziniert Philine, inzwischen Mitte 20, nicht nur mit beeindruckenden musikalischen und erzählerischen Fähigkeiten, sondern auch mit ungezwungener Leichtigkeit, selbst wenn sie sich mit komplexen und unschönen Themen auseinandersetzt und so ihre künstlerischen Ambitionen nachdrücklich unterstreicht. Doch das ist für sie nur natürlich. „Auf eine Art ist das Musikmachen total selbstverständlich für mich“, sagt sie beim Videocall mit Gaesteliste.de. „Viel besser kann ich es gar nicht beschreiben. Das war ein bisschen so, als ob mir irgendwann mal jemand gesagt hätte: ‚Du machst jetzt Musik‘, und dann wurde ich hypnotisiert, und ich erinnere mich gar nicht mehr daran, dass mir das gesagt wurde, und deshalb jetzt ist das einfach so.“
Bei unserem letzten Interview hatte Philine verraten, dass sie im Alter von zehn über das Schlagzeug zum Musikmachen gekommen ist, bevor sie sich selbst Gitarre, Bass und Klavier beigebracht hat, doch was hat in ihr eigentlich den Wunsch ausgelöst, eigene Songs zu schreiben? „Das wurde ein bisschen von der Not getrieben“, gesteht sie. „Ich bin grundsätzlich einfach ein sehr sensibler Mensch und muss mich, glaube ich, viel mitteilen. Meinen ersten Song habe ich dann geschrieben, als mein Opa gestorben ist. Da war ich 14 und ich glaube, ich wusste einfach nicht so richtig, wohin mit dem Ganzen, weil das nicht so gut aufgefangen wurde in der Familie und wir da nicht richtig drüber gesprochen haben. Das war der Startpunkt für mich, und ich habe gemerkt, dass ich das kann und dass mir das viel Spaß macht. Der Grund, der das losgetreten hat, war natürlich ein sehr trauriger, aber danach war es tatsächlich vor allem Spaß. Wie so ein Song funktioniert, wie man einen Anfang und ein Ende findet: Das Songschreiben ist für mich wie ein Rätsel, das man lösen muss.“
Bis alle Rätsel auf dem Weg zu „Virgin Lake“ entschlüsselt waren, gingen rund drei Jahre ins Land, zumal sich Philine in den Kopf gesetzt hatte, so viel wie möglich selbst und in den eigenen vier Wänden zu verwirklichen. So ist sie bei den 14 Songs des Albums Musikerin, Sängerin, Songwriterin und Produzentin in Personalunion. Doch was ist eigentlich ihre Lieblingsrolle? „Ich glaube, Sängerin!“, antwortet sie lachend. „Wenn wir Shows spielen und ich auf der Bühne stehen und einfach singen kann, ohne dann über den ganzen Heckmeck dahinter nachzudenken – das fühlt sich auf jeden Fall am einfachsten an. Am herausforderndsten und dadurch auch am lohnendsten ist, glaub ich, das Produzieren. Das sind so die beiden Gegensätze.“
Dass sie es sich mit dem Verzicht auf Unterstützung bei der Produktion nicht leichter gemacht hat, ist ihr durchaus bewusst, aber immerhin gab ihr die lange Entstehungsphase der Platte die Gelegenheit, all das in „Virgin Lake“ einfließen zu lassen, was sie in den letzten Jahren gelernt hat. „Was die Produktion angeht, habe ich gelernt, die Dinge nicht so zu verkomplizieren“, sagt sie. „Ein großer Punkt ist auch: Wenn ich den ganzen Tag allein im Raum sitze und Sängerin, Interpretin und Produzentin gleichzeitig bin, dann muss ich meine eigene Kritikerin sein, aber auf eine Art auch mein eigener Fan. Da muss man dann eine Balance finden, um nicht zu perfektionistisch zu werden, denn dadurch geht manchmal ein bisschen die Echtheit verloren und das Schöne aus dem Moment.“
Dieses Gefühl der Unmittelbarkeit hatte Philine auch schon früher eingefangen, indem sie Songs wie „Prettier“ und „Angst“ bewusst innerhalb kürzester Zeit geschrieben, aufgenommen und dann online veröffentlicht hatte, um die zähen Prozesse der Oldschool-Musikindustrie zu umgehen. Doch obwohl sie sich durchaus vorstellen kann, in Zukunft mal ein komplettes Album mit diesem First thought, best thought-Ansatz zu produzieren, lag ihr Fokus bei „Virgin Lake“ doch woanders. „Beim Album war das anders, weil ich das Ganze schon ganz lange in meinem Kopf geplant habe“, erklärt sie. „Den ältesten Song, ‚All The Ways I Break‘, habe ich schon geschrieben, bevor manche Songs der ersten EP entstanden sind. Den habe ich quasi aufbewahrt, weil ich wusste, dass er irgendwie Teil einer größeren Geschichte ist, die ich irgendwann mal ein bisschen für mich sortieren wollte. Das ist für mich fast schon detektivisch, wenn ich das durchgehe und merke: Krass, das hängt alles miteinander zusammen!“
Trotzdem bedeutet das nicht, dass es während der langgezogenen Album-Produktion keine spontanen Momente gegeben hätte, denn tatsächlich finden sich auch Songs wie das Schlussstück „Made For You“ auf der Platte, das schnell und ohne groß nachzudenken entstanden ist. „‚Made For You‘ habe ich abends um zehn angefangen zu schreiben, und um vier Uhr morgens war der Song fertig“, erinnert sich Philine. „Ich habe ihn hier zu Hause in One Takes aufgenommen. Ich glaube, ich habe dann den zweiten One Take genommen, aber das war alles in einem durch gesungen, was ich sonst eigentlich nicht mache. Die Drums waren da natürlich noch gesampelt. Aber als wir die dann im Studio aufgenommen haben, hat mein Drummer auch einen Take gemacht hat, und wir haben gesagt: ‚Das ist perfekt so!’“
Tatsächlich hat dabei die Erfahrung von „Prettier“ und „Angst“ abgefärbt, die zuvor entstanden waren und Philine so eine spannende Alternative zu ihrer akribisch-perfektionistischen Herangehensweise aufgezeigt hatten. Entstanden sind so Songs, die sich im Dunstkreis von Bruce Springsteen, Sam Fender, The War On Drugs und Phoebe Bridgers bewegen. Mal kommen sie als dezent instrumentierte Balladen voller Melancholie daher, mal sind es vollmundig mit flirrenden Streichern und nervösen Synth-Parts orchestrierte Banger mit magnetischen Popmelodien. Dass sie dabei nicht dem allgemeinen Trend verfällt, sich an musikalische Hypes zu heften und mit dem Strom zu schwimmen, führt die selbsterklärte einsame Schöpferin auf ihren solistischen DIY-Ansatz zurück. „Ich habe halt niemanden, der mir sagt: ‚Nee, das klingt irgendwie nicht so cool!‘ Ich habe halt den Farbkasten, den ich habe, und damit mach ich das dann! Manchmal schicke ich meinem Manager Sachen, und der kommentiert die dann.“ Sie muss lachen. „Inzwischen weiß er aber auch, dass ich mir nichts sagen lasse!“
In den besten Momenten, wie bei dem gemeinsam mit Brockhoff und Shelter Boy eingespielten Ohrwurm „Back Then (I was Something)“, fühlen sich diese Lieder an wie Schnappschüsse von Jugend und Zweifeln, nur um am Ende zu der Gewissheit zu gelangen, dass selbst im Chaos ein Stück Wahrheit liegt. Dass Philines Songs von der Bescheidenheit des Alltags und von ihrer unmittelbaren Umgebung inspiriert werden und dabei ungefiltert autobiografisch sind, ist nicht neu, wohl aber, dass dieses Mal alles in einem größeren Zusammenhang steht. Der fesselnde Opener „The Band“ gibt die Richtung vor und thematisiert Selbsthass im Kontext sich verändernder familiärer Beziehungen.
Während ihre früheren Veröffentlichungen oft von Katharsis geprägt waren und aus der von Depressionen und Ängsten geplagten Sichtweise eines Scheidungskinds erzählt wurden, malt sie auf „Virgin Lake“ ein facettenreicheres, aber trotzdem nicht weniger berührendes Bild ihres steinigen Weges zur Selbstfindung. Kluge Selbstreflexion trifft dabei auf thematische Tiefe, oder wie sie es an anderer Stelle bereits ausgedrückt hat: „Ich wollte dieses Album so schreiben, dass es mich durch das Erwachsenwerden und das Überwinden der Vergangenheit leitet.“
Angelehnt an Benedict Wells‘ Coming-of-Age-Roman „Hard Land“ hat Philine ihr Album in vier Phasen unterteilt und verarbeitet dabei all das, was ihr auf ihrer langen Sinnsuche begegnet ist. Auf die Idee kam sie, da ihre eigene Geschichte Parallelen zu der des jugendlichen literarischen Gegenstücks Sam aufweist, der auf der Flucht vor familiären Problemen neue Freundschaften, eine erste Liebe und eine gereiftere Perspektive auf seine Familie findet. Von Wut, Trauer und Schmerz findet Philine so im Laufe des Albums zu mehr Mitgefühl, Verständnis und Akzeptanz. Treffenderweise beschreibt sie „Virgin Lake“ deshalb als „Landkarte der Dinge, die mich in den letzten Jahren geformt haben“.
Dabei stand nicht zuletzt der Wunsch im Vordergrund, ihre verworrene eigene Geschichte aufzudröseln und den Weg ihrer persönlichen Entwicklung möglichst ganzheitlich nachzuzeichnen, indem sie in den Songs verschiedene Blickwinkel einnimmt und Empathie zeigt für andere Perspektiven – auch wenn ihr bewusst ist, dass es letztlich doch ihre Sicht der Dinge ist, die sie präsentiert. Trotzdem ist die Entwicklung unüberhörbar, wenn sie etwa in „Eye For An Eye“ aus der Perspektive ihres verbitterten jüngeren Ichs auf die Geschichte ihres Lebens blickt und sich in „Weak Spot“, das sie letztes Jahr bei einem Soloauftritt in Düsseldorf als eines ihrer Lieblingslieder des Albums identifizierte, spürbar versöhnlicher zeigt.
Doch auch wenn sich die Blickwinkel unterscheiden und auch die klanglichen Facetten – geeint werden die 14 Songs auf „Virgin Lake“ dadurch, dass sie bemerkenswert emotional sind. Denn so breit das Gefühlsspektrum auch ist, das Philine mit diesen Liedern abdeckt: Welche Emotion ihr auch mit einigen Monaten Abstand die wichtigste ist, weiß sie genau. „Ich habe gemerkt, dass mir jetzt die Songs noch am meisten zusprechen, die sehr empathisch sind – vor allem gegen Ende des Albums zum Beispiel ‚Rotten Fruit‘ und ‚Water To A Seed‘. Das ist der Punkt, wo ich hinwill. Ich will ein bisschen loslassen und ich will nicht in so einem einseitigen Weltbild verbunkern. Es liegt natürlich in der Natur der Sache, dass man das alles aus sich selbst erleben muss, aber genau deshalb bin ich besonders stolz auf die Songs, bei denen ich meine Gefühle ein bisschen durchgegangen bin und dann gesagt habe: Okay, ich sortiere das jetzt alles für mich ein, damit ich irgendwann zu einem Punkt komme, wo ich auch hinter die Dinge schauen kann. Das gilt besonders für ‚Rotten Fruit‘ und die Erkenntnis, dass wir irgendwie alle in einem Boot sitzen.“
So direkt und ungefiltert Philines Texte bisweilen auch anmuten – natürlich wird auch bei ihr nicht aus jedem Gedanken und jeder Gefühlsregung ein Song. „Oft merke ich Sachen mit der Zeit“, sagt sie. „Der Song ‚All The Ways I Break‘ hat mich damals auch mitgenommen, aber ich habe dann erst später gemerkt, was für ’ne Wichtigkeit dieser Moment hatte und wie sehr der Moment auch ein Bild dafür ist, was im Tieferen passiert. Ich glaub, das ist oft so, dass man erst im Rückblick merkt, was passiert ist. Manchmal ist es aber auch so, dass irgendwas passiert und man muss es irgendwo hinpacken, und dann tut man es in den Song. Das ist die andere Möglichkeit, und das schließt sich für mich nicht aus. Oft fängt es an mit einem Rausschreiben-Wollen, einem Begreifen-Wollen und dem Wunsch, sich das zu erklären, aber dann kommen oft Dinge hervor, wo man denkt: Oh, wo kam das denn jetzt her? Dann merkt man, dass das doch irgendwie tiefer ist, was man dachte.“
Gleichzeitig ist sich Philine aber auch bewusst, dass sie so in ihren Songs viele persönliche Details über sich und Menschen aus ihrem engsten Umfeld verrät, deren Hintergründe die wenigsten ihrer Hörerinnen und Hörer kennen. „Gerade bei diesem Album – und ich weiß nicht, ob ich das gut finde – hatte ich aber auch den Wunsch, mich mitzuteilen. Manchmal frage ich mich dann: Finde ich mich selbst so wichtig, dass alle wissen müssen, was bei mir los ist und was da alles passiert ist? Ich denke ganz oft, und das ist ein privater Gedanke, der gar nichts mit Musik zu tun hat: Die Leute wissen gar nicht, wer ich bin, wenn sie einen so großen Teil der Geschichte nicht kennen, und das wird halt leider auch für immer so bleiben, weil das Sachen sind, die ich auch nicht erzählen will, weil sie einfach ganz zu persönlich sind. Gleichzeitig denke ich dann immer, dass mir ein großer Teil meiner Persönlichkeit aufgelegt wurde, ohne dass ich es wollte, beziehungsweise dass Dinge passiert sind, die was aus mir gemacht haben, was ich jetzt nicht teilen kann, weil es zu persönlich ist. Dass das so ist, macht mich manchmal richtig sauer. Ich glaube, deswegen versuche ich manchmal, so viel zu erzählen, dass ich das Gefühl habe, ich teile mich mit und erzähle der ganzen Welt, wer ich bin und wieso ich so bin, wie ich bin, ohne wirklich zu sagen, was passiert ist oder was ich wirklich meine. Dass ich die Gefühle ein bisschen kryptisch teile, bringt mir ein Stück weit Genugtuung, aber gleichzeitig finde ich es manchmal selbst fast ein bisschen unsympathisch, dass ich mich so wichtig nehme.“
Philines bisweilen schonungslose Ehrlichkeit ist nicht allein auf die Songtexte begrenzt. Auch bei den Ansagen auf ihren Konzerten lässt sie sich oft tief in die Karten schauen und hat sich in der Vergangenheit schon des Öfteren spontan um Kopf und Kragen geredet. Wir erinnern uns gern an einen Auftritt im Hamburger Molotow, bei dem sie dem Publikum – gewissermaßen im Vertrauen – ungeniert intime Details verriet, bis ihr nach einem mehrminütigen Monolog plötzlich einfiel, dass der Auftritt live auf ihrem Instagram-Kanal für all ihre Follower gestreamt wird… Auch bei ihrem Auftritt im Rahmen der bereits eingangs erwähnten „Rockpalast“-Aufzeichnung in Bonn im vergangenen Frühjahr plauderte sie so viele persönliche Geheimnisse aus, dass sie sich vor laufender Kamera erst einmal vergewissern musste, dass ihre Ansagen rausgeschnitten werden können. In Zeiten, in denen gerade viele jüngere Künstlerinnen und Künstler mit auswendig gelernten Ansagen Langeweile verbreiten, sorgt allerdings genau das für eine besondere Note. Doch woher nimmt Philine eigentlich das Selbstvertrauen dazu?
„Das ist auch ’ne sehr gute Frage!“, antwortet sie. „Ich glaube, wenn man auf der Bühne steht, verleiht einem das ein gewisses Selbstbewusstsein oder eine Art Unantastbarkeit. Man denkt sich: Ich bin jetzt halt hier oben, das ist alles irgendwie ’ne Show und dann vergisst man ein bisschen, dass die Leute hören, was man sagt, dass sie sich daran erinnern und dass das irgendwie auch an andere Menschen herangetragen werden kann. In der Vergangenheit war ich ein bisschen zu unvorsichtig, aber gleichzeitig finde ich das trotzdem immer irgendwie aufregend! Das ist ein Nervenkitzel für mich – so komisch das auch klingen mag! Eine Zeit lang hatte ich ein Problem mit dem Song ‚Same Light‘. Ich habe den ganz oft gespielt, aber ich dachte irgendwie: Ich fühl das überhaupt nicht! Irgendwann habe ich dann mal erzählt, wovon er wirklich handelt und was da für mich mit connected ist. Da geht es um so Sexsachen und das ist natürlich irgendwie total privat, aber nachdem ich das erzählt habe, kamen nach der Show ganz viele Leute zu mir und meinten: ‚Danke, dass du es erzählt hast! Das war total schön zu hören, dass ich da nicht allein bin.‘ Deshalb glaube ich, dass das den Leuten auch was gibt, wenn ich Sachen von mir teile, wo man eigentlich denkt: ‚Oh, hat sie das jetzt wirklich erzählt?‘ Wenn es um andere Leute geht, muss ich da ein bisschen vorsichtiger werden, aber bei mir selbst macht mir das tatsächlich überhaupt nichts aus!“
Das wirft natürlich die Frage auf: Was ist das Wichtigste, das Philine über sich selbst gelernt hat, indem sie dieses Album produziert hat? „Ich habe auf jeden Fall ganz viel gelernt über die letzten Jahre“, erwidert sie. „Das ist ein bisschen schwierig zu erklären, aber um nochmal auf den Song ‚All The Ways I Break‘ zurückzukommen: Nachdem ich den geschrieben hatte, sind tatsächlich noch so zwei drei Sachen passiert, die ich auch noch dort hätte einbauen können, und es ist irgendwie total interessant, wenn man auf einmal ein System erkennt, wenn Dinge passieren, nachdem man das alles niedergeschrieben hat. Auch ‚Made For You‘ habe ich in einer bestimmten Situation geschrieben, und jetzt merke ich: Genau das Gleiche passiert in einer anderen Situation schon wieder. Ich glaube, ich habe auf jeden Fall daraus gelernt, dass es da bestimmte Dinge gibt, die ich falsch mache und wo ich sehr verwundbar bin, oder Sachen, wo man mich einfach schnell kriegt. Das sehe ich jetzt viel klarer, weil ich das alles so aufgedröselt habe und merke, dass das alles nicht zufällig ist.“
Für die Zukunft wünscht sich Philine vor allem, ihren Weg unbeirrt weiter gehen zu können und sich dabei nicht vom allgegenwärtigen Druck des Business, nicht nur künstlerisch, sondern vor allem auch kommerziell innerhalb kurzer Zeit große Sprünge zu machen, ablenken zu lassen. Erste Konzerte zum neuen Album gibt es im April in Köln und im Mai in Berlin.
„Ich hoffe natürlich, dass die Leute sehen und wertschätzen, wie viel dahintersteckt, und dass das kein so dahingeschriebenes Ding ist, sondern dass ich da echt viel reingesteckt habe“, sagt sie. „Manchmal denke ich dann wiederum aber auch, dass das die Leute nicht interessiert und es sie vielleicht auch nicht interessieren sollte, was für eine Emotionalität da reingesteckt wurde, denn inzwischen bin ich der Meinung, dass Songs für sich stehen allein können sollten. Gleichzeitig habe ich das Album aber geschrieben, als ich das noch nicht so gesehen habe. Deswegen hoffe ich natürlich, dass wahrgenommen wird, wie ehrlich das alles ist und wie sehr ich versuche, dem Handwerk gerecht zu werden. Ich will mir gar nicht selbst auf die Schulter klopfen, aber es ist ja schon eher selten, dass da so viel Liebe, Persönlichkeit und Echtheit in ein Album einfließt.“
Auch wenn sie sich beeilt zu betonen, dass sie diese Eigenschaften anderen Künstlerinnen und Künstlern nicht absprechen will, trifft sie damit, angesichts der Tatsache, dass selbst in Indie-Kreisen heute immer mehr junge Acts den Weg des geringsten Widerstands wählen, natürlich den Nagel auf den Kopf. „Ich habe das alles selbst geschrieben und produziert, und da ist dann nicht noch mal irgendwer reingekommen und hat mir da noch ’n coolen Gitarrenamp hingestellt, mit dem man den allerbesten Sound kriegt. Das so zu machen ist halt seltener, als dass Leute da zu fünft dransitzen und jeder seinen Senf dazugibt. Da bin ich auf jeden Fall stolz drauf, und ich glaube und hoffe, dass die Leute sehen, dass das meine Leistung ist. Inzwischen sage ich bei jeder Gelegenheit, die ich bekomme, dass ich das selbst produziert habe, aber ganz oft schreiben mir immer noch Leute: ‚Oh, der Track klingt ja cool, wer hat den denn produziert?‘ Ich hoffe, dass die Leute verstehen, dass das alles genuine ist und ich keinen Scheiß erzähle und mir nichts aus dem Finger ziehe, um irgendwas cooler klingen zu lassen, als es ist!“
„Virgin Lake“ von Philine Sonny erscheint bei Nettwerk/Bertus.




