Wäre das Leben gerecht, wäre Bill Pritchard ein gefeierter Star am Pophimmel. Seine neue Platte „Haunted“ würde im Radio rauf- und runtergespielt, fast jeder Song könnte ein potenzieller Hit sein. Allen voran die bezaubernde Single „Lillie“ oder der Ohrwurm „Curious Feeling“. Bereits vor 35 Jahren schien das Album „Jolie“ den Aufstieg auf den Pop-Olymp vorzubereiten. Nun denn, der Engländer blieb ein Insider-Tipp, behielt dafür die Freiheiten eines Indie-Künstlers. So nahm er ein Album mit dem Franzosen Frédéric Lo auf (wie später auch Peter Doherty, den Pritchard wiederum als Tour-Support begleitete). Anschließend vertonte er Gedichte des kanadischen Lyrikers Patrick Woodcock. Nun also „Haunted“ und der Titel ist Programm.
Mit dem schlanken Auftakt in kompakten 2:23 Minuten stellt sich der Sänger als „Perpetual Tourist“ vor. Doch die Rolle des ständigen Wandersmannes schreibt er der Vergangenheit zu. So aufgeräumt die Musik klingt, lässt sich vermuten, dass er seine Heimat gefunden hat. Dazu klingeln munter die Gitarren. Unterstützen lässt sich Pritchard vor allem von Hamburger Musikern. Zwanie Jonson am Schlagzeug und dem Multiinstrumentalisten Gunther Buskies, der alles spielen kann, was Saiten und Tasten hat, und gern auch zu Stylophone, Melodica und Glockenspiel greift. Buskies gründete einst die Plattenfirma Tapete Records, auf der Pritchards letzte Alben auch erschienen sind. Bei zwei Songs ist zudem der musizierende Medien- und Musikrechte-Anwalt Asterix Westphal an Drums und Percussion beteiligt.
Momentaufnahmen und Augenblicksskizzen prägen die Texte. Oder Zukunftswünsche wie „May you never grow up, may you never go under“ im Bläser-unterfütterten „Intrigue And Wonder“. Im folkpoppigen Titelsong offenbart sich das lyrische Ich als jemand, der dankbar ist, das Leben mit der angesprochenen Person teilen zu dürfen. Das zärtliche „Imperfect“ feiert das Unvollkommene. Indirekt vielleicht ein Appell, in Zeiten Künstlicher Intelligenz Offenheit und Fantasie zu bewahren, die Kreativität nicht an die Maschine abzugeben und dem Optimierungswahn der Influencer-Szene nicht anheimzufallen. Auf den Songtitel „Sunsets In Poland“ muss man erst einmal kommen. Und wenn dazu noch ein hintergründig swingender Latin-Rhythmus das Stück unterlegt, könnte man sich veralbert fühlen. Doch die scheinbare Verfremdung fügt sich harmonisch zusammen.
Den Blick in den Sonnenuntergang nimmt das Schlussstück „Oxygen“ wieder auf. Ein besinnlicher Ausklang zur akustischen Gitarre: Geben und Nehmen und das gemeinsame Wachsen in einer Beziehung. Das ist alles andere als spektakulär. Doch die vielen, mitunter bescheiden versteckten Arrangements beglücken bei genauerem Hinhören. E-Bow, Lap Steel-Gitarre, Ukulele oder Banjo rufen hervor, was Songtitel wie „Smile“ und „Sweet Melody“ versprechen. Und über allem schwebt Pritchards wunderbare Stimme, die seit „Jolie“ bei dem in diesen Tagen seinen 62. Geburtstag Feiernden angenehm nachgedunkelt ist – unaufgeregt, sonor und mühelos vom Bass in den Bariton gleitend. An Richard Hawley, Lloyd Cole, bei Sprechgesang-Passagen gar an Lou Reed könnte man denken. In dem mit entspannten Bläsersätzen unterlegten „The Quarter“ heißt es: „There’s a dignity in what you say“; „and sing“ ließe sich ergänzen. Denn das Lob darf auch Pritchards neuem Album gelten.
„Haunted“ von Bill Pritchard erscheint auf Tapete Records/Indigo.



