Platte der Woche KW 12/2026
Gerade nachdem das britische E-Pop-Ensemble nach der langen Pause zwischen 2011 und 2019 mit dem selbst betitelten „Comeback-Album“ und dem 2023er Werk „Time’s Arrow“ 2023 wieder zu einem regelmäßigen Veröffentlichungsrhythmus zurückgekehrt war, verließ Gründungsmitglied Reuben Wu die Band, um sich seiner Karriere als Fotograf und Künstler zu widmen – sodass er an der Produktion des neuen Werkes nicht mehr beteiligt war. Erstaunlicherweise schien diese Entscheidung aber keine größere Lücke im kreativen Setup des nun als Trio agierenden Projektes hinterlassen zu haben. Daniel Hunt übernahm die Rolle des Produzenten, überließ den Mix aber dann dem Grammy-prämierten Produzentenkollegen Jim Abbiss, mit dem Ladytron auch in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hatten. Und dem fiel dann ganz richtig auf, dass die neue Songsammlung ganz besonders abwechslungsreich geraten war und einen breiten Bereich an Stilen, Stimmungen und Atmosphären abdeckt. „Paradises“ ist außerdem dann auch noch mit fast 75 Minuten das bislang längste Ladytron-Album geworden. Also schon mal vorab: Da findet dann sicher jeder etwas.
Der Grund, warum gerade dieses Album so eklektisch und voluminös ausgefallen ist, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass die Band nicht wie gewohnt auf eine über einen längeren Zeitraum zusammengetragene Songsammlung zurückgriff, sondern dass die drei MusikerInnen das Material in einer fünfmonatigen Phase emsiger kreativer Aktivität „from scratch“ komplett neu schrieben und einspielten. Der Auslöser dafür waren die beiden Tracks „I See Red“ und „A Death In London“, die Ladytron zunächst als mögliche Singles schrieben und dabei feststellten, dass das der Kern eines möglichen neuen Albums sein könnte. Das scheint plausibel, denn bei diesen beiden Tracks zeichnen sich zwei Zielrichtungen ab, die auch für den Rest des Albums entscheidend sind: „I See Red“ ist im Wesentlichen ein Disco-Track (wie ihn sich Ladytron vorstellen) und „A Death In London“ eine eher düstere Noir-Dreampop-Dystopie. Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen finden sich dann auch die restlichen 15 (!) Songs des Albums wieder.
Mal geht das dann in die schwelgerisch/hymnische Dreampop-Klangwolken-Richtung, die eigentlich nur Laytron so schön und verlässlich auf dem E-Pop-Sektor realisieren können. Dazu gehören dann Stücke wie „Secret Dreams Of Thieves“, „Sing“, „Caught In The Blink Of An Eye“ oder „Solid Light“. Obwohl auch diese Tracks nicht wirklich fröhlicher Natur sind, verströmen sie doch stets ein tröstlich/hoffnungsvolles Flair. Auf der anderen Seite sind dann Stücke, die dann in die andere Richtung schwenken und mit Darkness und Despair flirten, auch mal mit monotoner Konsequenz arbeiten oder im Downtempo-New-Wave Modus daherkommen. Dazu gehören etwa „In Blood“, das mit krautiger Unerbittlichkeit marschierende „Metaphysica“ oder die fast chansonesque Psych-Ballade „Ordinary Love“. Bemerkenswerterweise finden sich in beiden Gruppen von Songs dann die erwähnten Disco-Elemente. Das war ein Jucken im Wirken von Ladytron, dass die Musiker (laut Hunt) unbedingt ein Mal konsequent kratzen wollten.
Mira Aroyo – ihres Zeichens Synth-Spezialistin und zweite Stimme von Ladytron formulierte das so, dass es ihr daran gelegen war, aus der Perspektive der frühen Zusammenarbeit Ende der 90er Jahre an die Sache heranzugehen und Helen Marnie – die „Haupt-Stimme“ von Ladytron – bestätigte, dass es ihr um den Spaß-Faktor in diesem Setting gegangen sei, während Daniel Hunt die Arbeiten an dem Album für ihn die produktivste Phase seit den Anfangstagen in Liverpool gewesen sei. Das bedeutet dann nicht, dass das eskapistische Paralleluniversum, in dem sich die besungenen „Paradises“ tummeln, sich in Wiederholungen und Klischees erginge, sondern lediglich, dass die neue Songsammlung einer künstlerischen Frischzellenkur unterzogen wurde. Und wie gesagt: Das Disco-Jucken wird ordentlich gekratzt. Letztlich ist „Paradises“ ein zwar langes, aber keinesfalls langweiliges und ziemlich rundes Ladytron-Album geworden, auf dem sich dann auch keinerlei Ausfälle entdecken lassen.
„Paradises“ von Ladytron erscheint auf Nettwerk Records/Bertus.




