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„Das Musikmachen ist mein Antrieb und mein Auffangnetz“, sagt Anna Olivia Böke, und das kann man auch der neuen EP ihres im englischen Brighton gegründeten und inzwischen in Dortmund heimischen Projekts Sloe Noon anmerken. Hieß es in der Vergangenheit: „Ein Gefühl von Sehnsucht, vom Dopaminrausch des Verliebens und den Ängsten des Verlierens durchzieht den Sound von Sloe Noon“, klingen die fünf ausgezeichneten Songs auf „Principles In The Way Of Progress“ spürbar wuchtiger und unterstreichen so an der Schwelle von Gitarren-getriebenem Pop, Alt-Rock und Shoegaze mit 90er-Jahre-Vibes eindrucksvoll, dass Sloe Noon mit einem erstarkten Selbstbewusstsein entschlossen in die Zukunft blicken.
Das neue Selbstverständnis, das sich bei Sloe Noon breitmacht, steckt – auch wenn es im ersten Moment vielleicht nicht so scheint – auch schon im evokativen Titel der EP, „Principles In The Way Of Progress“. Dazu inspiriert wurde Anna Olivia Böke durch ihren Lieblingsfilm, das sehenswerte Coming-of-Age-Drama „Submarine“ von Richard Ayoade. Dort sagt sich der 15-jährige Außenseiter Oliver „I must not let principles get in the way of progress“ und überwindet sich so dazu, seine Angebetete Jordana zu fragen, ob sie zusammen sein wollen, obwohl ihr rabiater Umgang mit ihren Mitschüler*innen eigentlich alles andere als liebenswert ist.
„Ich glaube, ich habe ihn als Reminder für mich interpretiert, mir nicht selbst im Weg zu stehen“, erklärt Anna im Gaesteliste.de-Interview. „Ich habe auf jeden Fall politische und moralische Prinzipien, von denen ich nicht abrücken werde, um an Ziele zu kommen, aber das Prinzip, dass etwas erst fertig oder das Allerbeste sein muss, bevor man es teilt, davon will ich mich verabschieden. Irgendwie erschien mir der Titel passend für die erste EP, die ich komplett allein geschrieben habe.“
Tatsächlich hat es eine ganze Weile gedauert, bis Annas teenage dream von der eigenen Band Wirklichkeit werden konnte. Doch seit vor fünf Jahren die mit viel DIY-Charme liebevoll gestaltete Sloe-Noon-Debüt-7″-EP „(Storeys Of) Embassy Court“ auf dem in Manchester beheimateten Label Box Bedroom Rebels erschienen ist, hat die auf der Bühne mit Seraph Exner (Schlagzeug), Oskar Middelhauve (Gitarre) und Dennis Mielke (Bass) komplettierte Band eine Menge erreicht.
Nicht nur, dass der Erstling mit „Liminality“ und „All Feelings, No Technique“ 2023 und 2025 zwei Nachfolger auf dem britischen Connaisseur-Label Dalliance Recordings (Francis Of Delirium, Gia Margaret, Highschool) erhielt, die allenthalben die Herzen von Shoegaze-Fans höherschlagen ließen. In den vergangenen Jahren haben Sloe Noon auch bei Konzerten in ganz Europa auf der Bühne gestanden und sich ein wirklich weltumspannendes Publikum erspielt, das wenige Tage nach unserem Interview sogar die ersten Auftritte in den USA beim New Colossus Festival in New York möglich machte.
Mit „Principles In The Way Of Progress“ stehen die Zeichen nun auf Veränderung, und das nicht nur, weil sich Anna bei „W“ erstmals an ein – wie sie es kürzlich bei einem Konzert im Dortmunder Subrosa nannte – kitschiges Liebeslied herangewagt hat. Auch „Youthless, Useless“ oder „Principle I“ offenbaren neue Facetten und verstärken den Eindruck, dass die neuen Songs oft spürbar kraftvoller als zuvor klingen und Sloe Noon so Größen wie Wolf Alice und Momma bisweilen ganz nah sind, gleichzeitig aber auch nicht die Wegbereiter wie Sonic Youth oder Smashing Pumpkins aus den Augen verlieren. .
Doch nicht nur klanglich ist der Mut zu einer neuen Offenheit auf „Principles In The Way Of Progress“ allgegenwärtig, wenn Anna mit unerschrockener Ehrlichkeit ihre Gefühle teilt. So reflektiert „Youthless, Useless“ das Älterwerden und die damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und zeichnet in gewisser Weise auch die Widersprüche zwischen Unsicherheit und Stärke und das Finden der eigenen Stimme auf Annas Weg als Künstlerin nach. Auch gesanglich geht sie dabei neue Wege.
„In ein Mikro schreien zu können, war ebenso ein jahrelanger Prozess für mich“, gesteht sie. „Zwar hat es klar auch was mit Technik zu tun und ich mache es bestimmt noch nicht richtig, da würde ich gerne in Zukunft Unterricht nehmen, aber vor allem hat es etwas mit Loslassen zu tun. Das ist ganz viel Kopfsache.“
Bevor am Veröffentlichungstag der neuen EP eine kleine Release-Tournee mit Konzerten in Köln, Hamburg, Kiel und Berlin startet, sprachen wir mit Anna über frühe Inspirationen, den steinigen Weg, bis sie Sloe Noon aus der Taufe heben konnte, die hoffnungsvolle Seite des Shoegaze, ihre Zusammenarbeit mit der Produzentin Michelle Hindriks (von der Band Ciel) und ihren größten Bucket-List-Wunsch.
GL.de: Welche Rolle hat das Musikmachen für dich in deinem Leben – und wie hat sich über die Jahre gewandelt?
Anna: Das hat sich sehr gewandelt. Ich habe früher einfach sehr viel zu Hause gesungen, Texte mit Google Translate geschrieben und vorm Spiegel performed. Als ich dann aber irgendwann gemerkt habe, dass ich kein Pop-Star sein möchte, sondern, wie Hayley Williams, Teil einer Band sein will, und dann mit Einsetzen der Pubertät immer mehr Rockmusik und Indie gehört habe, war plötzlich alles zu verkopft. Ich habe meine Texte mit Alex Turners Lyrik verglichen, mein Gitarrenspiel mit dem Jeff Buckleys, und cool schreien wie Ellie Rowsell konnte ich auch nicht, also habe ich immer weniger geschrieben. Ich wollte unbedingt in einer Band spielen und keine Singer-Songwriter Musik machen, aber ich wusste nicht, wo anzufangen war. So war ich dann etwa zehn Jahre lang auf der Suche, immer mit der klaren Vorstellung von „eines Tages“, aber ohne jegliche Taten.
Irgendwann mit Anfang 20, nachdem ich bereits zweieinhalb Jahre in Brighton wohnte, wo ich hingezogen war, um endlich Musik zu machen, aber nichts davon in die Tat umgesetzt habe, hat sich das Blatt gewendet. Ich war langsam so frustriert und deprimiert und einsam, dass ich plötzlich nicht anders konnte, als zu schreiben. So ist die „Embassy Court“-EP dann entstanden, die ich kurz darauf mit Dennis Mielke zusammen während des Lockdowns 2020 aufgenommen habe. Ab diesem Zeitpunkt ist all die Energie und die Motivation, die jahrelang von Zweifeln und Vergleichen zurückgehalten wurde, freigesetzt worden.
GL.de: Dass deine Zeit in England (auch musikalisch) prägend für dich war, steht wohl außer Frage. Welche Lektionen hast du in Brighton speziell in puncto Musikmachen gelernt, die du nun in dein Tun mit Sloe Noon einbringen kannst?
Anna: Die größte Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass es vollkommen egal ist, wo man wohnt. Wenn man sich selbst im Weg steht, tut man das auch in London, in Berlin und in L.A. Manchmal ist es sogar schlauer, irgendwo zu wohnen, wo man mehr Geld ins Musikmachen investieren kann, als Vollzeit für seine Miete arbeiten zu müssen.
GL.de: Was macht das Songwriting zu der besten Kunstform, deine Gedanken und Gefühle so unverblümt mit einem wachsenden Publikum zu teilen. Du könntest ja auch Gedichte oder nur einfach „nur“ Tagebuch schreiben?
Anna: Tagebuch schreibe ich auch viel, aber gewisse Emotionen mit anderen zu teilen, ist eine sehr wertvolle menschliche Erfahrung. Ich glaube, Musik ist so gut dazu geeignet, weil es nicht nur der Text ist, sondern eben auch die verschiedenen instrumentellen Stimmen, die etwas verstärken oder mit der Emotion brechen können. Und ja, manchmal ist es auch schön, sich ein bisschen in Poesie zu verhüllen und einen Gedanken noch weiter zu denken oder Dinge etwas abzufedern oder die Story etwas zu drehen. Ich habe darin die Freiheit, über mich selbst zu schreiben, ohne immer der Gesamtwahrheit entsprechen zu müssen, und kann einfach meiner Intuition, meinem Bauchgefühl und dem folgen, was ich im Augenblick mag. Das ist irgendwie eine Präsenz im Moment und eine Verbundenheit mit mir selbst, die ich sonst nirgendwo kenne.
GL.de: Wie hat dich die Tatsache, dass du das Songwriting als Ventil und vielleicht auch ein Stück weit als alternative Form der Therapie nutzen kannst, als Mensch verändert?
Anna: Es ist wie ein unsichtbares Netz. Wenn jetzt etwas Negatives passiert, denke ich: Na ja, wenigstens kann ich da irgendwann einen Song drüber schreiben. Ich bin dadurch viel positiver und verbundener mit mir selbst. In der Zeit, in der ich blockiert war, ging es mir mental überhaupt nicht gut. Durch die Entwicklung, die ich durchgemacht habe, bin ich mir meiner Selbstwirksamkeit richtig bewusst geworden.
GL.de: Ohne Sloe Noon allein auf die 90er-Jahre-Einflüsse reduzieren zu wollen, würden wir trotzdem gerne wissen: Was macht für dich den besonderen Reiz an diesem Sound, an dieser Ästhetik, an dieser Attitüde aus, vor allem, da du ja nun mal zu jung bist, um damals dabei gewesen zu sein?
Anna: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich ein sehr introspektiver, verträumter, sensibler, gefühlsduseliger, romantischer Mensch bin und keine Musikrichtung das alles besser ausdrücken kann, als die Kontraste aus aggressiven Gitarrenwänden und zerbrechlichen, in Reverb ertränkten Melodien. Mir wird manchmal gesagt, dass Shoegaze so traurig sei, aber für mich ist es die hoffnungsvollste Ausdrucksweise, die es gibt.
Anna: Hm, gute Frage. Das war einfach etwas, das ich ausprobieren wollte. Ich finde, die besten Bands und Alben sind die, die verschiedene Stimmungen und Facetten zeigen. Es gibt so viele verschiedene Emotionen und Lebensphasen; ich finde, das muss sich in der Musik widerspiegeln können. Ich liebe nischige Indie-Musik, aber ich mag auch Pop, und je nachdem, wie ich mich gerade fühle, schreibe ich. Aber dadurch, dass die neue EP nur von mir kommt, ist es wahrscheinlich etwas unverblümter.
GL.de: Mit Michelle Hindriks hattest du erstmals eine Frau als Produzentin an deiner Seite. Was hast du dir von der Zusammenarbeit erhofft, und was war tatsächlich der überraschendste Aspekt dabei?
Anna: Mit Michelle zu arbeiten, war für mich eine tolle Erfahrung. Michelle spielt selbst in einer Band, die ich absolut feiere: Ciel. Wir kannten uns über Ecken schon aus meiner Zeit in Brighton, aber als Produzentin hat sie jetzt erst angefangen zu arbeiten. Als sie mich gefragt hat, ob ich einen Song mit ihr aufnehmen will, musste ich mich ganz doll selbst dabei ertappen, wie ich meine eigenen Selbstzweifel als Frau beim Produzieren auf sie projiziert habe, und da wurde mir klar, dass ich das machen musste. Ich habe mich in dem Prozess wahnsinnig wohlgefühlt, weil ich meine Zeit nicht damit verbracht habe, selbst möglichst kompetent zu wirken, sondern einfach meine Ideen umzusetzen.
GL.de: Welche Erwartungen und Hoffnungen knüpfst du an „Principles In The Way Of Progress“?
Anna: Gar keine. Ich lasse mich überraschen und schreibe weiter. Das ist der einzige Weg für mich, um in dem Ganzen glücklich zu sein.
GL.de: Dass Sloe Noon vor wenigen Tagen sogar in New York City auf der Bühne standen, wirft natürlich die augenzwinkernde Frage auf: War das eine spontane Schnapsidee, oder ist es doch eher ein ausgeklügelter, zukunftsweisender Karriereplan?
Anna: Weder noch. Die Sache mit New York hat sich einfach ergeben. Wir haben die Möglichkeit bekommen und erst gedacht, das würde alles eh nicht gehen. Dann aber habe ich gemerkt, wie sehr ich darauf Bock habe und wie sehr ich Sloe Noon in New York sehe. Vor allem, weil mittlerweile ein Drittel der Hörer*innenschaft aus den USA kommt. Na ja, und wenn ich mir etwas einmal in den Kopf gesetzt habe, dann finde ich eben einen Weg. Ich bin mir sicher, es wird auch nicht das letzte Mal dort gewesen sein. Ich würde wahnsinnig gerne dort auch mal in einem Studio arbeiten dürfen.
GL.de: Da die Konzerte in NYC ja nun Wirklichkeit geworden sind: Was möchtest du unbedingt noch mit Sloe Noon erreichen?
Anna: Ich habe eigentlich nur ein einziges Karriere-Ziel, und das ist, in Seattle eine KEXP-Session zu spielen und von Cheryl Waters interviewt zu werden. Ich weiß nicht wieso, aber ich bin besessen davon. Ich liebe das Format, den Sound und die Artists. Nicht, dass ich danach aufhören würde Musik zu machen, aber danach könnte ich es.
GL.de: Zum Schluss: Was macht dich als Musikerin derzeit besonders glücklich?
Anna: Der Ausblick darauf, im März alles veröffentlicht zu haben und mich ganz auf neue Musik konzentrieren zu können. Da kommt ’ne neue Ära, glaube ich.
„Principles In The Way Of Progress“ von Sloe Noon erscheint auf Dalliance Recordings.




