George Michael, Angel Olsen und den Soundtrack des Filmes „Vampyros Lesbos“ nennt die aus Wien stammende, aber inzwischen in London lebende Musikerin Nicole „Lux“ Fermie als Inspirationsquellen für ihr Debütalbum „Giving Up“, das sie mit dem Londoner Drummer Howey Gill (und dem als Bassist angeheuerten Produzenten Nathan Ridley) unter dem Projektnamen LuxJury veröffentlicht. Damit ist dann aber noch nicht die ungeheure stilistische Bandbreite abgedeckt, derer sich LuxJury bei der Ausgestaltung des Materials bedienen. Tatsächlich scheinen sich LuxJury in jedem der gewählten Genres sicher genug zu fühlen, jedem einzelnen Song auf diesem Album ein eigenes musikalisches Mäntelchen anziehen zu können. Das mag auch damit zusammen hängen, dass Lux selbst keineswegs als Meisterin vom Himmel gefallen ist, sondern längere Zeit in Sachen Musik unterwegs war und sich demzufolge einen guten Überblick über die Möglichkeiten, die sich ihr als in London lebende Indie-Musikerin anboten, verschaffen konnten.
Inhaltlich beschäftigt sich Lux mit dem Überwinden des gesellschaftlichen Drucks und der sozialen Unsicherheiten, mit denen sie sich als queere Frau konfrontiert sieht. Bemerkenswert ist dann die Wahl der musikalischen Mitteln, mit denen LuxJury ihre Anliegen zum Vortrag bringen, denn das Album sitzt konzeptionell zwischen so ziemlich allen Stühlen, die sich aufdrängen – besonders jenen mit Bezug zur Moderne. Das, was die Sache klanglich zusammen hält, ist nämlich ein nostalgisches Old-School-Retro-Flair, das sich wie ein roter Faden durch die – im Einzelnen unglaublich vielfältigen und nuancenreichen Songs zieht.
Dabei setzten LuxJury dann bewusst auf Gegensätze. Der Opener „Poly-Amerie“ ist ein plüschiger Retro-Pop-Song mit 60s Touch und einem Retro-Wall-Of-Sound Arrangement mit psychedelischem Einschlag. Der folgende Single Track „Both Teams“ kommt mit pumpenden Bass-Grooves, funky Rhythmusgitarre und Soul-Chören daher. „Can You Want It“ ist eine glasklare Indie-Folk-Pop-Nummer. Die nächste Single „Snacks (I Could Love You)“ ist eher eine Soulpop-Nummer mit laszivem Tropicalia-Flair. „History Of The Body“ ist ein folkiger, psychedelischer Mindtrip und „Hot Mess“ (ebenfalls eine Single-Nummer) ist eine Art Hommage an den Westcoast-Sound von Fleetwood Mac – der freilich mit psychedelischen Gitarrenorgien angereichert ist. So geht das weiter, bis am Ende des Albums Lux den Hörer mit dem Song „I’m This Time“ in Form einer Art Dreampop-Klangwolke und dem mit souligem Gesang vorgetragenen unterschwelligen Empowerment-Slogan „Taking Matters In My Own Hands“ in die Nacht entlässt. Das coole dabei ist dann, dass alle Songs nicht nur in klanglicher und stilistischer, sondern auch in songwriterischer Hinsicht funktionieren.
Dass sich „Giving Up“ bei all dem anhört wie ein Mixtape einer langjährig tätigen Band, stört dabei nicht wirklich. Tatsächlich kommt dieses Konzept ja sogar der heute üblichen Hörgewohnheit, sich nicht mehr mit Alben, sondern einzelnen Songs zu beschäftigen, sogar entgegen – und zwar in dem Sinne, dass man dann hier die einzelnen Songs an einem Ort versammelt geboten bekommt. So gesehen, sind LuxJury also auf der Höhe der Zeit – alles andere glänzt allerdings durch zeitlose Qualitäten.
„Giving Up“ von LuxJury erscheint auf Bella Union/Bertus.




