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Nein, deary sind ganz sicher nicht die einzige Band, die derzeit ihre Liebe zu My Bloody Valentine, Slowdive oder Cocteau Twins offen auslebt, doch allein die Tatsache, dass das hoch gehandelte Trio aus London ein bisschen tiefer gräbt als viele Seelenverwandte, sorgt auf seinem ausgezeichneten Debütalbum „Birding“ für die besondere Note. Zwischen Schwere und Offenheit, Intensität und Loslassen finden Dottie Cockram, Ben Easton und Harry Catchpole so zu einem introspektiven, emotional aufgeladenen Sound, der eigen und zeitlos zugleich ist. Im Mai kommt die Band für ein Konzert im Ratinger Hof in Düsseldorf erstmals nach Deutschland, weitere Auftritte sind für September und November ins Auge gefasst.
„‚Birding‘ fühlt sich angenehm vertraut und doch brandneu an“, hieß es bereits in einem Review zum LP-Erstling von deary, und das unterstreichen wir gerne. Denn während viele andere Acts in der Heldenverehrung für die immer gleichen Lichtgestalten des Shoegaze und Dream-Pop der 80er und 90er verharren, sind deary spürbar breiter aufgestellt und verschmelzen in ihren herrlich effektschwangeren Songs eine Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse.
Die Lieder auf „Birding“ – der Titel spielt nicht zuletzt auch auf Cockrams Faible für Ornithologie an – klingen nie nur wie eine Ansammlung von Referenzen, sondern faszinieren mit einem durchdachten Klanggerüst und großer Authentizität und glänzen mit einem Händchen für genau die Art von eingängigen Melodien, nach denen viele ähnlich inspirierte Bands oft vergeblich suchen. Doch war diese eigenständige Ausrichtung eine klare Zielsetzung und doch eher ein glücklicher Zufall? Gitarrist Ben Easton glaubt, es ist beides, als wir ihn und Sängerin/Gitarristin Dottie Cockram zum Gespräch bitten.
„Wenn man an die Vorbilder denkt, von denen immer alle reden, hat man fast das Gefühl, sich selbst einen schlechten Dienst zu erweisen, wenn man sagt: ‚Oh, ich liebe diese Platten so sehr, dass ich sie einfach kopieren will’“, ist er überzeugt „Wir haben in den letzten Jahren eine Beziehung zu den Jungs von Slowdive aufgebaut und sie schon mehrmals gesehen. Allein wenn man sie auf der Bühne sieht, hat man fast das Gefühl, dass man sie nicht kopieren will, sondern es einfach nur genießen und sich vielleicht von bestimmten Aspekten inspirieren lassen möchte. Wir werden von ganz viel unterschiedlicher Musik beeinflusst. Dottie hat Einflüsse aus der Folk-Musik, ich stehe total auf Alternative-Musik aus den 80ern, aber auch auf Trip-Hop, Hip-Hop und elektronische Musik, und Harry, unser Schlagzeuger, bringt viele Jazz-Einflüsse mit. Wir haben gemeinsame Vorlieben, aber wir alle uns fügen dem Mix eine Menge eigener Ideen hinzu.“
Vor dem Hintergrund dieser Aussage mutet es fast ein bisschen ironisch an, dass deary ausgerechnet bei Bella Union, dem Label des früheren Cocteau-Twins-Mitglieds Simon Raymonde, angeheuert haben. Doch eingeschüchtert fühlen sich Cockram und Easton nicht, angesichts der Tatsache, dass hier jemand über sie wacht, den sie offensichtlich bewundern.
„‚Einschüchternd‘ ist nicht das richtige Wort“, sagt Cockram. „Simon Raymonde ist ein unglaublicher Förderer für uns und hat uns einfach das machen lassen, was uns vorschwebte. Er hat uns Ratschläge gegeben, aber ich glaube, er hat erkannt, dass es da eine Keimzeile gibt, und er hat uns so gedeihen lassen, wie wir es brauchten und wie es sein sollte.“ Doch nicht nur deshalb ist sie froh, dass „Birding“ bei Bella Union erscheint. „Es gibt so viele tolle Acts bei diesem Label“, schwärmt sie. „Da gibt es zum Beispiel eine großartige Band namens The Innocence Mission, die ich absolut liebe, und dann natürlich auch noch Beach House. Überhaupt sind viele verschiedene Genres repräsentiert, für die Simon eine Schwäche hat. Es ist schön, von einer so vielseitigen Mischung von Musikerinnen und Musikern umgeben zu sein.“
Das sieht auch Easton so: „Ich möchte kurz einhaken und sagen, dass zum Beispiel Father John Misty einfach ein unglaublicher Songwriter und Performer ist. Wir haben ihn noch nie getroffen und ich habe ihn noch nicht einmal live gesehen, aber allein die Tatsache, dass wir beim selben Label sind wie er, motiviert mich dazu, offener dafür zu sein, mich von Künstlern wie ihm inspirieren zu lassen. In dieser Hinsicht ist Bella Union auch abgesehen von der Verbindung zu den Cocteau Twins ein wirklich wichtiges Label, und wir sind froh, dort unter Vertrag zu stehen.“
Auf der Taufe gehoben wurden deary von Cockram und Easton während der Pandemie. 2023 erschien die erste, mit Saint-Etienne-Vibes begeisternde Single „Fairground“, ein Jahr später folgte die erste selbstbetitelte EP, die allenthalben ein begeistertes Echo auslöste und dem Duo Türen öffnete, von denen es gar nicht wusste, dass sie existierten. Ein Jahr später folgte die EP „Aurelia“, die deary endgültig das Gefühl gab, ihren Sound gefunden zu haben, und mit Simon Scott von Slowdive als Gast-Drummer aufwartete.
Inzwischen sitzt Harry Catchpole bei deary am Schlagzeug, und das sorgt dafür, dass auf „Birding“ viele Songs eine deutlich dynamischere, körperlichere Klangfarbe erhalten Sein treibender Puls gibt der Musik nun merklich mehr Halt, ohne dass die Luftigkeit früherer Lieder deshalb vollends verloren geht. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zwischen der neuen LP und den vorangegangenen EPs.
„Zunächst einmal würde ich sagen, dass wir alle etwas mehr Selbstvertrauen in unser künstlerisches Schaffen haben“, sagt Cockram. „Es dauert eine Weile, bis Künstlerinnen und Künstler herausfinden, was sie der Welt vermitteln wollen und was sie von anderen abhebt, und auch wir haben eine Weile gebraucht, um die richtige Balance zwischen Bens Gitarren-Pedal-Sounds und meinem Gesang zu finden. Außerdem ist dies unsere erste Veröffentlichung, auf der Harry die Songs mit uns geschrieben und aufgenommen hat, während es Ben war, der die Drum-Parts geschrieben hat, bzw. Simon Scott auf ‚Aurelia‘. Auf diesem Album ist einfach alles zusammengekommen.“
Dass dabei ein ungewöhnlich reifes Debütalbum entstanden ist, führt Cockram darauf zurück, dass alle Beteiligten deary nicht mit der Naivität einer ersten Band angegangen sind. „Wir sind ja keine Band, die sich schon in jungen Jahren gefunden hat“, erklärt sie. „Wir waren schon Ende 20, als wir mit deary gestartet sind, und hatten alle schon vorher Erfahrungen in der Musikindustrie gesammelt, die uns zu den Musikerinnen und Musikern gemacht haben, die wir heute sind. In gewisser Weise ist es also ein Segen, dass wir all diese individuellen Erfahrungen zusammenbringen und mit dem Album an den Punkt gelangen konnten, an dem wir jetzt stehen.“
So durchdacht und ausgefuchst „Birding“ auch ist: Anders als in der Vergangenheit war es Cockram, Easton und Catchpole dieses Mal wichtig, ein Stück weit mehr dem Bauchgefühl zu vertrauen und nicht dem overthinking zu verfallen.
„Das Grübeln liegt uns im Blut, und das schon seit Jahren“, sagt Easton. „Das liegt wahrscheinlich an unseren Erfahrungen in anderen Bands und Projekten und an den furchtbaren Auftritten in leeren Sälen. Das schürt einfach eine Art von Angst und Unsicherheit. Ich habe unsere erste, selbstbetitelte EP abgemischt, und das hat Monate gedauert, weil ich einfach nicht wusste, was ich eigentlich erreichen wollte. Ich kannte das Endziel nicht und hatte auch kein Vertrauen in die Songs oder in unser musikalisches Können. ‚Only Need‘ war der erste Song, den wir geschrieben haben, und er existierte in ungefähr 40 ‚finalen‘ Versionen. Es war einfach nur Feintuning und Feintuning und Feintuning! Die letzten Jahre haben uns zu dem Punkt geführt, an dem wir viel mehr Vertrauen in alles haben, was wir tun. Wir machen uns weniger Gedanken über äußeren Druck und konzentrieren uns mehr darauf, was sich für uns wirklich gut anhört. Bei der Arbeit am Album haben wir nichts überanalysiert. Wir haben natürlich viel Mühe hineingesteckt und viel nachgedacht, aber wir haben uns nicht so sehr selbst in Frage gestellt.“
Doch nicht nur deshalb war die Produktion ihres Debütalbums eine wirklich große Sache. Als sie vor nicht einmal zweieinhalb Jahre ihre erste Single veröffentlichten, schien der Gedanke, eines Tages mal ein ganzes Album veröffentlichen zu können, noch unendlich weit weg. Als der Wunschtraum dann im vergangenen Jahr Formen anzunehmen begann, war es der Band wichtig, sich über die Spieldauer der LP so facettenreich wie möglich zu präsentieren.
„Einige der Stücke auf dem Album existierten schon seit ein paar Jahren als Demos oder Ideen, die wir nie wirklich ausgearbeitet hatten, ‚Seabird‘ und ‚Alma‘ zum Beispiel“, erinnert sich Easton. „An ‚Alma‘ hatten wir schon einmal während der ‚Aurelia‘-Sessions gearbeitet, ohne dass es wirklich funktioniert hätte. Zum größten Teil waren die Songs allerdings neu. Ich erinnere mich noch genau an den ersten Aufnahmetag, das war der 1. Juni letzten Jahres. Als wir ins Studio gingen, um mit den Aufnahmen zu beginnen, überkam mich angesichts der vielen Arbeit, die vor uns lag, ein überwältigendes Gefühl der Last. Wir hatten acht erst Demos, das reichte also noch nicht für ein Album. Deshalb waren wir anfangs ziemlich nervös, aber nach der ersten, zweiten und dritten Session begann es – mit einem klaren Ziel vor Augen und trotz der vielen unerledigten Arbeit – Spaß zu machen. Für mich persönlich war es wirklich eine der schönsten Erfahrungen, die ich je als Musiker gemacht habe. Natürlich gab es auch Momente, in denen wir gestresst waren oder der Sound nicht ganz stimmte. Doch dann erinnerte ich mich einfach daran, dass dies genau das ist, was ich am liebsten mache – und noch dazu mit meinen Lieblingsmenschen! Das muss man einfach genießen. Ich glaube, man hört es der Platte auch an, dass wir sehr frei und glücklich waren, als wir sie aufgenommen haben.“
Tatsächlich ist auf „Birding“ zwischen viel Hall, schwebenden Gitarrenklängen und Cockrams butterweichem Gesang viel Platz für Emotionen in allen erdenklichen Schattierungen.
„Wir sind alle sehr emotionale Menschen, und die Ideen für unsere Songs entspringen immer ziemlich intensiven Emotionen, besonders bei diesem Album“, verrät Easton. „Wir alle haben einige einschneidende Veränderungen und Entscheidungen in unserem Leben durchgemacht, sodass wir die Aufnahmen in einer ziemlich düsteren, fast schon isolierten Atmosphäre begonnen haben. Ich war aus London weggezogen, Dottie ebenfalls, und weil wir geografisch voneinander getrennt waren, sind wir die Tracks auf dem Album in unserem eigenen Umfeld angegangen. Ich denke, diese Isolation kommt auch in den fertigen Songs rüber. Als wir dann endlich ins Studio kamen, um alles zusammenzufügen, war diese Traurigkeit bereits in der DNA jedes einzelnen Tracks verankert. Gleichzeitig haben wir viel über die Balance gesprochen, die uns vorschwebte, über die Dynamik der Tracks und auch über die Dynamik der Emotionen. Manche Tracks auf dem Album sind sehr ruhig und meditativ, manche eher fröhlich und erhaben, dann gibt es aber auch ganz andere Momente wie zum Beispiel den Track ‚Smile‘, der ein wahres Geräuschgewitter ist.“
Cockram fügt hinzu: „Weil Shoegaze und Dream-Pop eine solch ätherische Klangfarbe haben, könnte man leicht denken, dass sie eher leicht, schön und fröhlich sind. Ich finde jedoch, dass sie eigentlich oft auch eine gewisse Schwere in sich tragen. Ich glaube, der Grund, dass sich Shoegaze einer solchen Beliebtheit erfreut, liegt nicht zuletzt daran, dass das Genre ein Gefühl der Flucht vermittelt, ein Gefühl der Transzendenz, obwohl gleichzeitig auch viel Emotion darin steckt.“
Um den Hörerinnen und Hörern erst gar nicht das Gefühl zu geben, dass auf „Birding“ lediglich die von Cockram umrissenen Klischees bedient werden, wird das Album vom gerade erwähnten „Smile“ eröffnet. Bereits als „konfrontativer Moment, der eine neue Bereitschaft signalisiert, sich mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen“ beschrieben, durchbrechen hier lärmende Gitarren die zartbesaiteten Klangtexturen, um die Schwere des Inhalts zu unterstreichen – eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt gegen Frauen.
„Als wir diesen Song schrieben, war Gewalt gegen Frauen und Mädchen gerade in England und Wales zum nationalen Notstand erklärt worden“, sagt Cockram. „Ich empfand so viel Wut, Angst und Enttäuschung. Es kam mir so vor, als wäre seit Jahren kein Tag vergangen, an dem ich nicht einen Nachrichtenartikel über eine misshandelte Frau oder ein junges Mädchen gelesen hätte oder eine Freundin mir ihre Geschichte erzählt hätte. Ich weiß nicht, was die Lösung ist, und es ist schwierig, all diese Gefühle in einem einzigen Lied einzufangen, aber ich weiß einfach, dass es so nicht weitergehen darf. „Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt brauchen Veränderungen, und es hätte nicht so viele Menschenleben und Zukunftschancen kosten dürfen, damit die Situation endlich ernst genommen wird.“
„Der Song markierte einen echten Wendepunkt in unserer Musik und unserem Schreiben“, erinnert sich Cockram. „Weil wir wollten, dass das Album unser Wachstum als Band repräsentiert, fühlte es sich wie ein echtes Statement an.“ – „‚Smile‘ stand praktisch schon von Anfang an als erster Titel des Albums fest“, wird Easton in den Pressematerialien zitiert. „Klanglich wollte ich etwas, das einen langsam in die Welt des Albums hineinzieht. Während einer Aufnahmesession im letzten Jahr saßen Dottie und ich bei einer Tasse Kaffee auf dem Dach dieses Studios in Südlondon, und sie sagte: ‚Ich glaube, ich weiß, worum es beim Album-Opener gehen sollte.‘ Das hat mich wirklich überrascht, da wir zuvor noch nie etwas so Persönliches oder Wichtiges thematisiert hatten. Die Authentizität ihrer Erfahrungen und ihrer Gefühle verlieh dem Titel – und möglicherweise auch dem Rest des Albums – sofort eine Bedeutung. Uns wurde klar, dass wir das gesamte Album auf diese Weise angehen, um direkter zum Ausdruck zu bringen, was wir durch unsere Musik vermitteln wollen.“
Auch textlich geht das Trio so eigene Wege, wenn es in seinen Songs tiefgründig und poetisch die mal unsichtbaren, mal sehr deutlich erkennbaren Folgen des menschlichen Handelns für das gegenseitige Miteinander und die Natur beleuchtet, um die Zerbrechlichkeit und Spannungen in einer verwirrenden, sich ständig verändernden Welt widerzuspiegeln.
„Das Album beschäftigt sich mit Unschuld, Trauer und psychischer Gesundheit, wobei wir unsere eigenen Erfahrungen im Kontext der modernen Welt und anhand religiöser Ikonografie einfließen lassen“, lässt sich die Band im Presseinfo zitieren. „Wir wollten genau diese Art von Erhabenheit einfangen: das Gefühl, sich angesichts von etwas, das mächtiger ist als man selbst, unbedeutend zu fühlen, sei es christlicher Fundamentalismus, Autoritarismus, zerstörerische innere Stimmen oder die Auswirkungen des ‚Doomscrollings‘. Uns erschien es wichtig, dem Ganzen und der damit verbundenen Heuchelei gewissermaßen einen Spiegel vorzuhalten.“
Unter die Gesellschaftskritik mischt sich aber immer wieder auch eine persönliche Note. So finden sich auf „Birding“ trotz einiger belastender Themen auch Momente der Selbstheilung, in denen es Cockram und Easton darum ging, zu sich selbst zu finden.
„Ich würde sagen, dass ich jemand bin, der bei Musik vor allem zuerst auf die Texte achtet, und das war schon immer so“, sagt Cockram, die den Löwenanteil der Texte beisteuerte, über ihre Herangehensweise. „Ich liebe Poesie und war schon immer fasziniert davon, und deshalb sind mir Texte wirklich wichtig. In unserem Genre stehen sie für gewöhnlich vielleicht an zweiter Stelle hinter der Melodie, aber ich wollte sicherstellen, dass bei deary deutlich wird, welch großen Stellenwert sie für mich haben und dass ich viel daraus ziehe, sie zu schreiben.“ Sie lacht: „Ben ist vermutlich total genervt, weil ich ihm so oft Ideen und Texte schicke!“
Über die Frage, was gerade das Medium des Songwritings zu einem solch guten Ventil für ihre Gedanken und Gefühle macht, hat Cockram nie nachgedacht, glaubt aber, dass die Antwort in ihrer Kindheit zu finden ist.
„Als ich jünger war, habe ich das Gitarrespielen, das Singen und das Schreiben von Songs fast gleichzeitig erlernt“, erzählt sie. „Ich erinnere mich, das allererste Lied, was ich gelernt habe, war ‚Eleanor Rigby‘ von den Beatles. Ich war noch sehr jung, und es ist ein ziemlich düsteres, trauriges Lied über Einsamkeit. Ich erinnere mich, wie ich den Text las und sang und wie kraftvoll er war. Wenn man etwas mit Musik verbindet, wird es leichter verständlich, auch wenn manche Themen wirklich düster sein können. Musik hilft den Menschen, diese Gefühle viel besser zu verarbeiten, als wenn man sie nur ganz direkt auf dem Papier präsentiert. ‚Eleanor Rigby‘ ist ein gutes Beispiel dafür.“
Für Easton dagegen verschwimmen bei Cockrams Texten die Grenzen zwischen Songwriting und Poesie. „Wenn man die Texte auf unserem Album liest, ohne die Musik zu hören – dann fühlen sie sich wie Poesie an“, erklärt er. „Dottie hat viel Zeit damit verbracht, diese Texte so zu gestalten, dass man sie als Gedichte lesen kann. Ich selbst bin ein schlechter Künstler. Ich kann weder malen noch zeichnen oder irgendetwas in der Art. Das Einzige, was ich also tun kann, ist, Musik und Klanglandschaften zu erschaffen. Ich habe das Gefühl, dass das Abmischen eines Albums fast wie Malen ist, wenngleich auf eine sehr arrogante Art und Weise. Ich würde liebend gerne all diese anderen kreativen Dinge tun können, aber ich kann es nicht, also ist die Musik mein einziges Medium.“
Die Erwartungen, die deary an „Birding“ knüpfen, sind überraschend moderat. So lang es für die Band weitergehen kann und es besser früher als später möglich ist, ein zweites Album in Angriff zu nehmen, sind Cockram und Easton bereits glücklich. Zuvor allerdings stehen erst einmal viele Konzerte an. Zu Pfingsten Ende Mai werden deary ihr Deutschland-Debüt im Ratinger Hof in Düsseldorf feiern, aber auch für September und November sind Auftritte in Deutschland geplant. Gar nicht so schlecht für eine Band, die eigentlich nicht vorhatte, auf der Bühne zu stehen.
„Wir haben nie als Live-Band angefangen, denn anfangs hatten wir nur ein Studioprojekt im Sinn“, erklärt Easton. „Dann haben wir versucht, die Songs live zu spielen, und das haben wir in den letzten Jahren wirklich weiterentwickelt. Inzwischen haben wir die Live-Band um einige Mitglieder erweitert, und das ist etwas, das sehr aufregend für uns ist. Wir haben jetzt zwei weitere Leute dabei, was den Sound wirklich bereichert hat und ihn viel näher an das heranbringt, was auf der Platte zu hören ist.“
Auch damit unterstreichen deary ihre Ambitionen, schließlich sind in Zeiten, in denen es für kleinere Bands immer schwieriger wird, ohne das Risiko finanzieller Verluste auf Tour zu gehen, viele Acts eher darauf bedacht, ihre Live-Show klein zu halten, geschweige denn zu expandieren.
„Durch die erweiterte Band sind unsere Tourneen zwar teurer geworden, aber mittlerweile ist es für uns eher aufregend als beängstigend, auf diese großen Tourneen zu gehen“, sagt Easton abschließend. „Wir freuen uns riesig darauf, diese Songs weiter und weiter von zu Hause entfernt als je zuvor für die Menschen zu spielen.“
„Birding“ von deary erscheint auf Bella Union/Bertus.




