Die niederländische Musikerin Kiki Annette setzt mit ihrem Debüt-Album „And Scene!“ eine interessante Entwicklung fort, die gerade in den letzten Jahren zu beobachten ist: Die Rückkehr zu den Werten und Formalismen dramatisch/theatralischer Kook-, Drama-, Chamber- und Glam-Pop-Traditionen auf organischer Basis. Dazu gehört eine Menge Chuzpe und ein gewisses theatralisches Talent, denn diese Arten von Musik verlocken zur Übertreibung und drohen in den falschen Händen schnell ein Mal an den Rand der unfreiwilligen Parodie zu geraten. Dieser Gefahr entzieht sich Kiki Annette nun durch ausgefeiltes Songwriting, wortgewaltig poetische Texte und vor allen Dingen einen authentisch/empathischen Vortrag – denn mit geradezu schauspielerischen Geschick schafft es Kiki Annette, sich in die schwülen Fieberträume ihrer Protagonisten und Charaktere hineinzuversetzen. Der emotionale Ausnahmezustand und das selbstironische Lustwandeln am Rande des Zynismus sind in der Welt der Kiki Annette der Normalzustand.
Ähnlich wie ihre Kolleginnen Vera Sola, Luvcat oder The Last Dinner Party (die auf einem ähnlich ausgerichteten emotionalem Noir-Terrain balancieren) setzt Kiki Annette lyrisch dabei auf einen kinoreifen mystisch/mythologische Einschlag und auf der musikalischen Seite auch gerne ein Mal auf eine kämpferisch/stürmische Note. Wenn sie also in dem stürmischen Opener „Saint“ davon träumt, dass man sie aufgrund ihrer moralischen Verdienste doch am besten gleich zur Heiligen erklären solle, im abenteuerlich inszenierten „Arrows“ einer amour fou entgegen fiebert, im plüschigen „Icarus“ von der Flüchtigkeit von unerreichbaren Zielen träumt, im operettenhaften „Marlene“ zugleich Lili Marleen wie auch Marlene Dietrich referenziert und in dem abschließenden dezidiert kitschigen Kaffeehaus-Walzer „Bartender’s Girlfriend“ auf den Spuren Leonard Cohens im Chelsea Hotel gastiert, dann tut sie das mit der Souveränität einer versierten Schauspielerin, die sich der Verantwortung ihres Tuns bis hin zur Selbstaufgabe verpflichtet ist. Wer Kiki Annette denn nun eigentlich ist, erfahren wir durch diese Scheibe nicht wirklich. Wir erfahren nicht ein Mal wie viele Kiki Annettes gibt – und das ist eigentlich ganz gut so, denn langweilig oder irgendwie kalkulierbar wird das dann nie.
Das eigentlich Interessante aber ist, dass diese Scheibe eben nicht im UK oder den USA produziert wurde, sondern – zwar mit Unterstützung des Produzenten Cameron Laing – in dessen Famous Gold Watch Studios in Berlin, das mit seinen großen Studio-Sälen auch Indie-Artists wie Kiki Annette größere Produktionen mit Live-Aufnahmen ermöglicht, so dass die dezidiert cineastisch angelegte Inszenierung mit einer bestimmten Grandezza eingefangen werden konnte, ohne dass deswegen auf eine gewisse Edgyness bei Tracks wie „Icarus“, „Amateur Psychology“ oder „Lonesome Serenade“ verzichtet werden musste.
„And Scene!“ von Kiki Annette erscheint auf ZIP-Records.




